Kategorie: Allgemein

  • Kultur unter Druck – und warum wir in Österreich strukturell mutig sein dürfen

    Was derzeit europaweit im Verhältnis zwischen Kultur und Politik zu beobachten ist, ist keine lose Abfolge einzelner Skandale, sondern ein strukturelles Muster. Kulturinstitutionen geraten unter Druck, nicht primär über offene Verbote, sondern über Budgetlogiken, Personalentscheidungen, Förderkriterien und diskursive Delegitimierung. Wer die Entwicklungen in Ungarn oder Polen mitverfolgt, erkennt schnell: Der entscheidende Hebel ist nicht die spektakuläre Zensurmaßnahme, sondern die schrittweise Verschiebung institutioneller Autonomie.

    Österreich befindet sich (noch) nicht in einer vergleichbaren Situation, aber die Mechanismen, die anderswo wirksam wurden, sind auch hier erkennbar. Politisch engagierte Kunst wird als „Agitation“ geframt, kulturelle Programme als „Steuergeldverschwendung“ skandalisiert, Institutionen sehen sich mit Neutralitätsforderungen konfrontiert, die bei genauer Betrachtung weniger auf Transparenz als auf Inhaltsdisziplinierung abzielen. Gleichzeitig stehen Kulturbudgets unter einem generellen Sparvorbehalt, der in der Praxis selten neutral wirkt. Besonders vulnerabel sind jene Bereiche, die experimentell, divers oder gesellschaftskritisch arbeiten. Genau dort, wo demokratische Auseinandersetzung stattfindet, entsteht Rechtfertigungsdruck.

    Das sind keine spektakulären Angriffe, sondern Verschiebungen. Und sie entfalten ihre Wirkung nicht über das Verbot, sondern über den sogenannten Chilling Effect. Institutionen beginnen, Risiken zu vermeiden. Programme werden vorsichtiger formuliert. Konflikte werden entschärft, bevor sie entstehen. Demokratische Öffentlichkeit verengt sich nicht abrupt, sondern graduell.

    Die internationalen Beispiele zeigen, wie entscheidend institutionelle Architektur ist. In Ungarn wurde über Gesetzesänderungen und Mitspracherechte bei Leitungsbestellungen schrittweise Kontrolle aufgebaut. In Polen wurden Personalentscheidungen und Förderlogiken politisch neu ausgerichtet. Entscheidend war dabei weniger der einzelne Skandal als die strukturelle Verankerung von Abhängigkeiten. Sobald Gremien umgebaut, Förderkriterien umcodiert und Leitungspositionen systematisch politisiert sind, reicht ein Regierungswechsel nicht mehr aus, um Autonomie wiederherzustellen: Die Architektur bleibt.

    Genau an diesem Punkt unterscheidet sich die österreichische Situation: Unsere föderale Struktur erschwert zentrale Durchsteuerung, Kulturkompetenzen sind verteilt, Entscheidungszentren plural. Hinzu kommt eine vergleichsweise starke freie Szene, vernetzte Interessensvertretungen und eine Öffentlichkeit, die sensibel auf Eingriffe in die Kunstfreiheit reagiert. Diese Faktoren sind keine Garantie, aber sie sind reale Resilienzressourcen.

    Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob es Angriffe gibt. Die Frage lautet, wie robust unsere institutionellen Strukturen sind, wenn sie unter Druck geraten. Und hier zeigt die europäische Analyse klar: Moralische Empörung ist kein wirksames Schutzinstrument – strukturelle Klarheit allerdings schon.

    Dort, wo Förderentscheidungen transparent dokumentiert werden, wo Jurys unabhängig besetzt sind, wo Conflict-of-Interest-Regeln greifen und Leitungsbestellungen objektiviert erfolgen, verlieren Angriffe an Durchschlagskraft. Je sauberer Governance organisiert ist, desto geringer ist die politische Angriffsfläche. Wer nachvollziehbar entscheidet, schützt Autonomie nicht nur symbolisch, sondern administrativ.

    Ebenso entscheidend ist institutionelle Redundanz. Autonomie darf nicht an Einzelpersonen hängen. Resiliente Kultursysteme verfügen über mehrere Finanzierungssäulen, über Kooperationen zwischen Institutionen, über Allianzen mit Bildungs- und Sozialbereichen sowie mit Wissenschaft und urbaner Entwicklung. Je stärker Kultur als Querschnittsstruktur verankert ist, desto schwieriger ist ihre politische Isolierung.

    Ein weiterer Hebel liegt in der begrifflichen Rahmung. Solange Kultur als freiwillige Leistung oder als Standortfaktor argumentiert wird, bleibt sie verwundbar. Wirksamer ist eine klare Positionierung: Kultur ist demokratische Infrastruktur. Sie ist der Ort, an dem Widerspruch, Mehrdeutigkeit und Konfliktfähigkeit gesellschaftlich eingeübt werden. Wer Kultur in dieser Funktion versteht, verschiebt die Debatte weg vom Geschmacksurteil hin zur Frage demokratischer Funktionsfähigkeit.

    Schließlich braucht es professionelle Reaktionsfähigkeit. Shitstorms und Kampagnen sind kalkuliert. Institutionen, die über klare Kommunikationsstrategien, juristische Beratung und definierte Eskalationsstufen verfügen, reagieren souverän statt defensiv. Souveränität wiederum reduziert die Abschreckungswirkung politischer Angriffe.

    Warum dürfen wir also mutig sein? Nicht, weil die Lage harmlos wäre. Sondern weil Mut keine Gefühlslage ist – er ist eine Funktion von Struktur. Österreich verfügt bislang über keine systematische institutionelle Umcodierung seiner Kulturarchitektur: Zivilgesellschaftliche Reaktionsfähigkeit ist vorhanden, Europäische Netzwerke erzeugen Sichtbarkeit und Schutz. Und nicht zuletzt zeigt die internationale Erfahrung, dass autoritäre Kulturpolitik langfristig Innovationskraft und internationale Reputation schwächt – mit realen ökonomischen Folgen.

    Die eigentliche Bewährungsprobe liegt deshalb nicht im nächsten medialen Konflikt, sondern in der Frage, wie konsequent wir Governance stärken, Allianzen ausbauen und die demokratische Funktion von Kultur artikulieren. Wenn diese Grundlagen klar sind, entsteht keine defensive Haltung, sondern institutionelle Souveränität.

  • Bei einem Monopol ist Nachvollziehbarkeit keine Servicefrage, sondern demokratische Mindestbedingung.

    In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über Streitfälle rund um die AKM – also jene Organisation, die Musiknutzung einsammelt und die Einnahmen an Urheber:innen verteilt. DJs melden ihre Playlists, Veranstalter reichen ihre Veranstaltungsdaten ein – und dennoch bleibt für viele Beteiligte unklar, wie genau abgerechnet und ausgeschüttet wird. Das ist mehr als eine Detailfrage. Es berührt die Governance eines monopolistisch organisierten Systems.

    Was passiert konkret?

    Zwei Konfliktlinien sind sichtbar.

    Erstens: die Ausschüttung im DJ-Bereich. Wie Der Standard (16.02.2026) berichtet, werden DJ-Sets häufig nicht titelgenau abgerechnet. Stattdessen basiert die Verteilung auf Stichproben eines Meinungsforschungsinstituts – es wird also nicht alles gemessen; ein Ausschnitt entscheidet darüber, welche Werke berücksichtigt werden. Gleichzeitig investiert die AKM in ein KI-Startup, ohne konkrete Angaben zu Kosten oder Zeitplan zu machen.

    Zweitens: die Rechnungslegung gegenüber Veranstalter:innen. Laut Der Standard (24.11.2025) sind Rechnungen vielfach nicht prüfbar. Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte scheinen nicht auf. Ein von der Aufsichtsbehörde eingeleitetes Vermittlungsverfahren (§64 VerwGesG) wurde von der AKM abgelehnt.

    Die KUPF OÖ dokumentiert in einem Blogbeitrag vom 24.11.2025 darüber hinaus operative Folgen der Zentralisierung: Entpersonalisierung, erhöhte Fehlerquote bei automatisierter Rechnungserstellung und Rechnungskorrekturen ohne nachvollziehbare Erläuterung. Die zentrale Forderung: Berechnungsmethode, Kriterien und Rabatt transparent ausweisen.

    Warum das strukturell ist

    Die AKM verwaltet ein gesetzlich eingeräumtes Monopol. Wer Musik öffentlich nutzt, muss darüber lizenzieren. Es gibt faktisch keine Alternative. In solchen Strukturen entsteht ein asymmetrisches Machtverhältnis: Nutzer:innen können nicht ausweichen, sie sind auf die Fairness und Nachvollziehbarkeit des Systems angewiesen.

    Transparenz ist hier keine Servicequalität. Sie ist Voraussetzung demokratischer Legitimation. Wenn Rechnungen nicht überprüfbar sind oder Ausschüttungslogiken nicht nachvollziehbar erscheinen, verschiebt sich das Problem von der operativen Ebene auf die Ebene institutioneller Glaubwürdigkeit.

    Kulturpolitische Relevanz

    Für Politik und Verwaltung ist das keine Randfrage. Veranstalter:innen – insbesondere in der freien Szene – arbeiten mit engen Budgets und Förderlogiken, die Planbarkeit voraussetzen. Wenn Abrechnungen monatelang offenbleiben oder methodisch nicht nachvollziehbar sind, wirkt sich das unmittelbar auf Budgetierung, Liquidität und Risikobewertung aus.

    Ebenso stellt sich die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit: Wenn im DJ-Bereich nicht titelgenau erfasst wird, sondern mit Stichproben gearbeitet wird, können strukturelle Verzerrungen entstehen. Das betrifft nicht nur einzelne Akteur:innen, sondern die Breite und Vielfalt musikalischer Produktion.

    Was jetzt sachlich notwendig wäre

    Aus den dokumentierten Konflikten lassen sich drei Mindeststandards ableiten:
    1. Rechnungen müssen Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte transparent ausweisen.
    2. Umstrukturierungen dürfen nicht zu einem Verlust an Zuständigkeit und Reaktionsfähigkeit führen; nachvollziehbare Service- und Bearbeitungsstandards sind erforderlich.
    3. Für die digitale Erfassung und Ausschüttung – insbesondere im DJ-Bereich – braucht es einen transparenten Zeitplan und Klarheit über Implementierungsschritte.

    Diese Punkte stellen das Prinzip kollektiver Rechtewahrnehmung nicht infrage. Im Gegenteil: Sie stärken es.

    Verwertungsgesellschaften sind zentrale Infrastruktur für Kunst und Kultur. Gerade deshalb müssen sie in ihrer Funktionsweise nachvollziehbar sein. In monopolistischen Strukturen ist Transparenz keine optionale Serviceleistung – sie ist demokratische Mindestbedingung.

    Quellen:
    https://kupf.at/blog/fehlende-transparenz-warum-wir-ein-verfahren-gegen-die-akm-anstrengen/
    https://www.derstandard.at/story/3000000297708/117-millionen-zu-verteilen-musiker-fordern-transparenz-bei-akm-abrechnungen
    https://www.derstandard.at/story/3000000308792/wachsender-missmut-bei-musikern-ueber-tantiemen-berechnung-der-akm

  • Musikstrategie Österreich. Live-Veranstaltungen. Räume.

    David Prieth, Martina Brunner

    Ich freue mich sehr, dass mich das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport als Experten eingeladen hat, mich gemeinsam mit weiteren schlauen Köpfen im Bereich Live-Veranstaltungen und Räume einzubringen.

    Für mich sind Orte für Livemusik keine „Nice-to-haves“. Sie sind soziale Infrastrukturen: Begegnungsräume, Reibungsflächen, Gegenöffentlichkeiten – jenseits von Plattformlogiken, Echokammern und kurzfristigen Hypes.

    Gerade jetzt wird international ein Kulturkampf um Deutungshoheit geführt. Umso wichtiger ist, dass wir Räume abseits der kommerziellen Maschine sichern: Orte, die nicht nur Content produzieren, sondern langfristig Gesellschaft tragen.

    Ich freue mich besonders, Erfahrungen aus Innsbruck und Wien einbringen zu können. Die Situationen sind unterschiedlich – die demokratiepolitischen Fragen sind dieselben: Zugang, Teilhabe, Schutz von Räumen, Verlässlichkeit.

    Die Arbeit für @pmk_ibk und die @viennaclubcommission ist für mich extrem sinnstiftend und bereichernd. Und die pmk zeigt seit über zwei Jahrzehnten, welchen Impact ein konkreter Raum für zeitgenössische Kulturarbeit auf eine Stadt haben kann.

    Musik ist außerdem ein relevanter Wirtschaftsfaktor für Österreich. Aber vor allem ist sie ein Ort, an dem wir aushandeln, wie wir miteinander leben wollen.

    Musikstrategie2030 #Livemusik #Kulturräume #Kulturpolitik #musiklandösterreich @martinabrunner__

  • Volkskanzler: Aufnahme in die Sammlung des Tiroler Landesmuseums

    Volkskanzler – Ein aktionistisches Kunstprojekt gegen sprachliche Vereinnahmung und rechte Diskursverschiebung

    Volkskanzler ist ein künstlerisch-aktionistisches Projekt, das sich mit der bewussten Aneignung politischer Sprache und dem Widerstand gegen die Normalisierung faschistoider Rhetorik auseinandersetzt. Durch satirische Überhöhung, visuelle Interventionen und musikalische Beiträge wird ein konfrontativer Diskursraum eröffnet – subversiv, pointiert und gesellschaftlich relevant.

    Es ist eine besondere Auszeichnung, dass zentrale Artefakte des Projekts – darunter eigens produzierte Sticker und eine Vinylpostkarte – in die Sammlung des Tiroler Landesmuseums aufgenommen wurden. Eine Auswahl davon ist aktuell im Tiroler Volkskunstmuseum / Ferdinandeum ausgestellt. Diese museale Kontextualisierung würdigt die künstlerische Praxis als Mittel politischer Reflexion und demokratischer Mitgestaltung.

    Im Fokus steht die limitierte Volkskanzler-Vinylpostkarte mit einem Track des Innsbrucker Rappers Johnny Messer und des Produzenten Hoes’n’PZA. Der Song thematisiert das Projekt sowie die fortschreitende Verschiebung politischer Diskurse nach rechts in Österreich – kritisch, sprachmächtig und musikalisch pointiert.

    Produktion:

    • Text & Rap: Johnny Messer
    • Produzent: Hoes’n’PZA
    • Mastering: Kenneth Winkler
    • Musikvideo: Lucas Micka
    • Gestaltung Schriftzug: Mirjam Miller
    • Stickerdruck: Flyeralarm
    • Vinylpostkarte Produktion: Vinylpostcards – Timeless Media GmbH, Innsbruck
    • Auflage: 200 Stück

    Volkskanzler steht für eine künstlerische Praxis, die sich nicht in der Kommentierung erschöpft, sondern aktiv eingreift. Es ist ein visuelles, auditives und politisches Statement – gegen rechte Sprachbilder und für eine widerständige, offene Gesellschaft.


    (c) David Prieth

  • Film & Gespräch: Bürglkopf (2025)

    9.6.2025 #diskursiv Bürglkopf – Filmvorführung und Gespräch
    Wir laden als Kulturkollektiv ContrApunkt in Kooperation mit dem IFFI — International Film Festival Innsbruck ins Leokino ein und präsentieren Lisa Polsters neuen Film „Bürglkopf“. Im Anschluss führen wir ein Gespräch mit der Regisseurin und Bewohner*innen des ”Rückkehrberatungszentrums“.
    Lisa Polster hat für ihren Asylessay „Bürglkopf“ vor Kurzem den Großen Diagonale-Preis des Landes in der Kategorie „Dokumentarfilm“ zugesprochen bekommen.


    BÜRGLKOPF 

    2025
    Produktionsland: Österreich
    Regie: Lisa Polster
    Sprachfassung: Somali-arabisch-Dari-deutsch-englische OmdU
    Länge: 78min

    Montag, 09.06.2025
    19:20
    Leokino 1


    Der Tiroler Bürglkopf könnte ein Hort des Friedens sein. Für viele bedeutet der Berg aber Ausweglosigkeit: Hoch oben befindet sich ein sogenanntes Rückkehrzentrum, in dem Asylwerber*innen, deren Antrag abgelehnt wurde, abgeschnitten von der Außenwelt untergebracht sind. In Lisa Polsters Dokumentation erzählen aktuelle und ehemalige Insass*innen von ihrer Flucht und ihrem Zwangsaufenthalt – einander, am Telefon oder in die Kamera. Die Anrainer*innen aus der Gegend sind geteilter Meinung über das Zentrum – und die Bundesagentur, die es verwaltet, versucht gar, das Filmteam davon fernzuhalten. 

    (C) Lisa Polster

  • Buchvorstellung „Innsbruck im Aufbruch“

    Morgen gibt’s einen Leckerbissen für alle Subkultur-Nerds im Westen: Das @subarchiv_innsbruck präsentiert gemeinsam mit uns dem @kulturkollektiv_contrapunkt das Buch von Marcel Amoser: „Innsbruck im Aufbruch. Studentische Proteste und soziale Bewegungen in den verlängerten 1960er-Jahren“

    Erstmals wird darin die 68er-Bewegung in Innsbruck umfassend aufgearbeitet – von der Besetzung des Rektorats der Universität Innsbruck über Proteste gegen den Vietnamkrieg bis hin zu autonomen Kulturinitiativen wie dem KOZ. Die Studie zeigt, dass auch in Innsbruck international inspirierte Protestdynamiken ihren eigenen Ausdruck fanden. Der Autor wird Schlaglichter auf einige Proteste werfen und zentrale Ergebnisse seines Buchs vorstellen. Anschließend diskutieren darüber Dirk Rupnow (Institut für Zeitgeschichte), Marcel Amoser (subARCHIV INNSBRUCK) und Maurice Kumar (subARCHIV INNSBRUCK). Das Buch erschien als Band 31 der Reihe Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte im StudienVerlag.
    Und selbstverständlich gibts dazu auch Drinks und DJ Action von Alaska Al
    @albi.dornauer

    DI 03.06.2025
    p.m.k
    Doors 18:30
    Beginn 19:00
    Eintritt freiwillige Spenden

    (c) Marcel Amoser
  • Wie zu erwarten war, bleibt’s schwierig: Zur aktuellen Lage der Innsbrucker (Sub)kultur

    Wie zu erwarten war, bleibt’s schwierig: Die junge Kulturszene in Innsbruck steigt seit Monaten regelmäßig auf die Barrikaden und macht ihrem Ärger Luft – aus Notwehr, aus Verzweiflung und trotzdem stets mit grundsätzlich positivem Ansatz: bewundernswert. Aber auch verständlich, wenn vorne und hinten entsprechende Ressourcen für qualitätsvolle Kulturarbeit fehlen – Raum auf der einen Seite, langfristige Perspektiven auf der anderen. Dazwischen herrschen prekäre Förderbedingungen für junge Initiativen, die zwar unglaublich motiviert, aber nicht bereits seit zwanzig oder vierzig Jahren in dieser Stadt tätig sind. Die keine eigenen Häuser, keinen eigenen Viaduktbogen, keinen eigenen Keller, keinen eigenen Turm bespielen können.

    Wie soll man als junge, motivierte Kulturinitiative heute auf Dauer hier arbeiten, ohne sich eher früher als später in den nächsten Railjet oder die Sillschlucht hinunterzustürzen? Man kann mittlerweile förmlich spüren, wie sich bereits alle auf die Saison der illegalisierten Open-Air-Raves in Tirol freuen – jene Formate, die abseits von Anrainerbeschwerden, Privatwirtschaft oder Bittsteller*innentum existieren; bei denen man sich einfach wieder auf das konzentrieren kann, worum es eigentlich einmal gegangen ist.

    Doch der letzte Feind des Raves ist bekanntlich das Vogelbrut-Schutzgebiet – und die unvorhersehbare Böe des warmen Föhns. Der Anrainer ergötzt sich schon jetzt am störenden Bass, die Exekutive wird vermutlich bereits gestern unterwegs gewesen sein.

    Neben den Problemen, mit denen sich Initiativen wie Talstation, Pembau, Bale, Reich für die Insel & Co. herumschlagen müssen (anstatt ihrer eigentlichen Tätigkeit – der Kulturarbeit – nachzugehen), brechen nun auch substanzielle Lobbystrukturen und Netzwerke wie die Innsbruck Club Commission und das Projekt Luisa ist hier zusammen.

    Man kann zum Handlungsleitfaden der Kampagne stehen, wie man möchte, aber ein zentrales Ziel von LUISA IST HIER war immer die Bewusstseinsschärfung für sexualisierte Gewalt im Nachtleben; und das hat ziemlich gut funktioniert. Mittlerweile hat sich die Zeit bekanntlich weitergedreht, und neue Sicherheits- bzw. Awarenesskonzepte wären notwendig. Aber die Mühlen der Politik und Verwaltung mahlen langsam – ein flexibles Reagieren auf veränderte Umstände spielt’s hier nicht. Also werden diese Strukturen mühsam aus dem subkulturellen Umfeld aufgebaut werden, bis ihre Wichtigkeit politisch anerkannt wird – und vielleicht ein bisschen Geld dafür fließen darf. Und dann dreht sich das Rad vielleicht wieder ein Stückchen weiter.

    Man sieht also aktuell, was passiert, wenn man eine Interessensvertretung wie die ICC über Jahre auf absoluter Sparflamme arbeiten lässt. Dann ist es selbstverständlich nicht möglich, auf Dauer hochwertige Arbeit mit entsprechender Qualitätssicherung sicherzustellen. Mit sechs Stunden pro Woche kann man nirgendwo große Würfe erwarten, ohne dass die dahinterstehenden Personen ausbrennen. Das ist extrem schade – denn gerade diese Strukturen wären essenziell für eine lebendige Kulturszene im Westen. In anderen Bundesländern sieht man bereits, welchen Impact solche Strukturen haben können – besonders, wenn sie gut mit der Lokalpolitik zusammenarbeiten.

    Ohne eine Lobby wie die Tiroler Kulturinitiativen wäre die Kulturlandschaft in Tirol – und in Innsbruck im Speziellen – wahrscheinlich mittlerweile so verroht, dass man abseits von Traditions- und Repräsentationskultur kaum noch etwas vorfinden würde. Manchen wäre vielleicht auch das recht.

    Aber man darf davon ausgehen, dass der derzeitige Widerstand nicht so schnell brechen wird – nicht so schnell brechen darf.

    Wir steuern aktuell auf einen interessanten Sommer zu.

  • Lunch Lecture: Erfahrungsaustausch Kulturstrategien

    Der Rechtsruck und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft bedrohen unser soziales Gefüge. Die Steiermark führt gerade vor, wie schnell parteipolitisch motivierte Umbauten der Kulturpolitik von statten gehen. Die Auseinandersetzung mit Kulturentwicklungsprozessen ist gerade in Krisenzeiten von entscheidender Bedeutung, da sie nicht nur zur Stärkung der Kunst- und Kulturszene beiträgt, sondern – richtig eingesetzt – auch als wirksames politisches Instrument zur Lenkung gesellschaftlichen Umbrüche wirkt. In der Lunch Lecture widmen wir uns dem Austausch von Wissen und Erfahrungen über die unterschiedlichen Kulturstrategieprozesse in den verschiedenen Bundesländern. Unterschiedliche Ansätze und Modelle bieten eine wertvolle Gelegenheit, voneinander zu lernen.

    Mit dem Erfahrungsaustausch Kulturstrategien wollen wir Erkenntnisse aus den bestehenden Kulturstrategieprozessen der Bundesländer miteinander teilen und einen Raum für den Austausch von Good Practices, Herausforderungen und Lösungsansätzen schaffen. 

    Lidija Krienzer-Radojević ist Geschäftsführerin der IG Kultur Steiermark und Obfrau der IG Kultur Österreich. Die Entwicklung der Kulturstrategie 2030 – Die kulturelle Zukunft des Landes Steiermark fand zwischen 2021 und 2024 statt. Als Teilnehmerin einer Fokusgurppe der Kulturstrategie 2030 war sie aktiv in den Prozess eingebunden. Die Umsetzung der Kulturstrategie 2030 ist im Regierungsübereinkommen der neuen Landesregierung verankert, dennoch widerspricht die momentane kulturpolitische Vorgehensweise in der Steiermark den in den Kulturstrategie 2030 festgelegten Maßnahmen.

    David Prieth ist seit 2017 Geschäftsführer der p.m.k Plattform mobile Kulturinitiativen, zuvor mehrere Jahre Programmgestalter in der Bäckerei – Kulturbackstube. Als damaliges Vorstandsmitglied der TKI-Tiroler Kulturinitiativen und Aufsichtsratsmitglied der Tiroler Landestheater & Orchester GmbH war er im Kulturstrategieprozess „Innsbruck 2030„, dessen Erarbeitung sich über den Zeitraum von 2020 bis 2024 erstreckte, in Arbeitsgruppen vertreten. Auch in Innsbruck wirkt sich ein politischer Wechsel auf die Umsetzung der Kulturstrategie aus, jedoch auf positive Weise.

    Mirjam Steinbock ist Kulturarbeiterin, Moderatorin und Geschäftsführerin der IG Kultur Vorarlberg. Das westliche Bundesland hat seine Kulturstrategie bereits 2016 vorgelegt und 2023 ein „Update“ inkl. Fair Pay Strategie und Studie zu Lebens- und Einkommensverhältnissen Kunstschaffender in Vorarlberg gegeben. Mirjam Steinbock hat den Weg begleitet, mit uns teilt sie ihre Erlebnisse zum Kampf um Anerkennung der Kulturarbeiter:innen und berichtet über die Vorteile starker Bündnisse.

    Thomas Randisek ist Geschäftsführer des Dachverband Salzburger Kulturstätten. Das Land Salzburg hat seinen auf 10 Jahre angelegten Kulturentwicklungsplan 2018 veröffentlicht, die Stadt hat die „Kulturstrategie Salzburg 2024“ unter dem Motto „Kultur.Leben.Räume“ entwickelt. Salzburg hat die Bedeutung von Kunst und Kultur als Bundesland- und Stadtentwicklungsinstrument verstanden und ist auch in Sachen Fair Pay österreichweiter Vorreiter.

    Lunch Lecture: Erfahrungsaustausch Kulturstrategien. Erkenntnisse aus den Prozessen der Bundesländer

    1.4.2025 | 13.00-14.30 | Online via Zoom
    Hier klicken, um dem Meeting beizutreten.

    Jede:r Redner:in berichtet 15 Minuten vom jeweiligen Prozess, den eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen. Im Anschluss gibt es noch Zeit und Raum für Fragen und Austausch zur Kulturentwicklung in Österreich.

    Moderation: Elena Stoißer, IG KiKK

    Wir freuen uns über Anmeldungen, da es uns die Organisation erleichtert: office@igkikk.at

    Unsere Lunch Lecture ist ein Webinar zur Mittagszeit, in dem ihr euch „nebenbei“ Informationen und Impulse abholen und in einen Dialog treten könnt, ohne euch freinehmen zu müssen. Dafür verwenden wir die Plattform Zoom. Die Teilnahme ist kostenlos. Die Veranstaltung wird aufgezeichnet.

    Eine Veranstaltung in Kooperations mit dem Dachverband Salzburger Kulturstätten, der IG Kultur Steiermark und der IG Kultur Vorarlberg.

  • VCC Praxistipp: Clubkultur im öffentlichen Raum – Free Spaces 2025

    VCC Praxistipp: Free Spaces 2025 11.03.25, 18:00-20:00 @Creative Cluster

    Selbstorganisierte Clubveranstaltungen im öffentlichen Raum (Open Air Konzerte, Raves) haben in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Doch wie setzt man so eine Veranstaltung um?

    Dieser VCC Praxistipp liefert das nötige Wissen rund um Clubkultur im öffentlichen Raum und zeigt, wie du 2025 mit deinem Veranstaltungskollektiv eine Free Spaces Veranstaltung auf die Beine stellen kannst.

    Außerdem erhältst du alle Infos rund um Anmeldung, Platznutzung, notwendige Voraussetzungen, Termine, vorhandene Infrastruktur und Ablauf der Free Spaces Veranstaltungen.

    Um Einblicke direkt aus der Praxis zu geben, werden Akteur:innen aus der Veranstaltungsszene, die 2024 eine Free Spaces Veranstaltung organisiert haben, ihre Erfahrungen – von der Planung bis zur Umsetzung und Nachbearbeitung – teilen.

    Du möchtest:

    Wissen, wie du eine Veranstaltung im öffentlichen Raum umsetzt? Mehr über das VCC-Projekt Free Spaces erfahren? Dich mit anderen Veranstalter:innen vernetzen? Dann bist du hier genau richtig!

    Theoretischer Input und Best Practice Beispiele

    • David Prieth, VCC: David Prieth ist Kulturschaffender, Veranstaltungsmanager, Aktivist und seit Kurzem patentierter „Volkskanzler“ und lebt in Innsbruck. Seit 2017 ist er Geschäftsführer des Kulturzentrums p.m.k in Innsbruck. Sein Schwerpunkt liegt auf der Organisation von Festivals, Konzerten, Diskussionen und aktivistischen Projekten im (sub)kulturellen Bereich.

    2017–2024: Vorstandsmitglied der Tiroler Kulturinitiativen und der IG Kultur Österreich

    2019–2024: Mitglied des Aufsichtsrats der Tiroler Landestheater & Orchester GmbH

    Seit 2023: Mitglied des Kulturbeirats des Landes Tirol – Beratungs- und Jurytätigkeiten für Behörden und Festivals.

    Seit 2024: Externe Beratungsperson bei der VCC

    • Navneet Sidhu, VCC Free Spaces Projektbegleitung 2024: Ursprünglich eine begeisterte Nachteule in Wiens Clubszene, ist Navneet mittlerweile sowohl als DJ als auch als Organisatorin bei unlock|me aktiv. Nach der erfolgreichen Umsetzung der Free Spaces-Veranstaltung im Jahr 2023 führte sie das Projekt als Fokusgruppenleiterin bei der VCC weiter und übernahm schließlich 2024 gemeinsam mit Marian Hochgerner das Projektmanagement für die Free Spaces-Events. In ihrer Masterarbeit erforscht sie, wie die Schaffung öffentlicher Räume für nicht-kommerzielle Techno-Open-Airs die Stadtentwicklung und alle beteiligten Akteur:innen beeinflusst.
    • Valerie Lust, Wiener Mischung: Valerie Lust ist seit einigen Jahren im Wiener Nachtleben unterwegs und hat mit dem Kollektiv Wiener Mischung einen neuen Zugang zu diesem sowie eine musikalische Familie gefunden. Im Kollektiv ist sie hauptzuständig für Awarenessarbeit und organisiert regelmäßig Veranstaltungen mit. In diesem Rahmen leitete sie auch die Organisation eines Free Spaces Termins 2024 mit dem Kollektiv YN gemeinsam. Abseits ihrer Kollektiv-Tätigkeit ist sie im Awareness- sowie im Bereich der psychosozialen Gesundheit aktiv und arbeitet seit mehreren Jahren in der öffentlichen Verwaltung.
    • Kilian Sehmsdorf, unlock|me: 

    Kilian ist Mitglied und DJ des Veranstaltungskollektivs unlock|me, das mit seiner Arbeit einen Fokus auf die nichtkommerzielle Nutzung des öffentlichen Raums setzt. Das Free Spaces Projekt unterstützt er als Teil des Kollektivs seit der ersten Stunde und durfte in den vergangenen Jahren mit unlock|me in Kooperation mit anderen Kollektiven bereits zwei Free Spaces Raves organisieren.

    • Nikolaus Waldenmair, unlock|me: 

    Nikolaus engagiert sich seit mehreren Jahren als Mitglied des Wiener Kollektivs unlock|me für die aktive Förderung urbaner und progressiver Kunstformen im öffentlichen Raum sowie die Erschließung von Off-Locations für nicht-kommerzielle Musikveranstaltungen, die frei von Konsumzwang sind. Ziel der Events und Demonstrationen ist die Schaffung diskriminierungsfreier Räume, die zum kollektiven und solidarischen Eintauchen in die facettenreiche Welt der elektronischen Musik von Downtempo bis Techno einladen. 

    Ablauf: 

    17:45-18:00 Ankommen

    18:00-18:30 Begrüßung und Einführung Clubkultur im öffentlichen Raum mit allgemeinen Infos zu bürokratischen Auflagen und Kostenpunkten auf Verwaltungsebene (David Prieth – VCC)

    18:30-19:00 – Recap Free Spaces 2023 und 2024 und Ausblick 2025 allgemein inkl. Rückfragen (Navneet Sidhu – VCC Free Spaces Projektbegleitung)

    19:00-19:10 Pause

    19:10-19:30 Herausforderungen inkl. Rückfragen (Valerie Lust – Wiener Mischung)

    19:30-19:50 Chancen inkl. Rückfragen (Kilian Sehmsdorf und Nikolaus Waldenmair – unlock|me)

    19:50-20:00 Fragen und offener Austausch

  • VCC Podiumsgespräch: Antisemitismus in der Clubszene

    Donnerstag, 06.03.2025, 19:00-20:30 @Loop

    Wichtig: Teilnahme nur mit Anmeldung! Anmeldefrist: Mittwoch, 05.03., 18:00 Uhr

    Antisemitismus ist kein neues Phänomen, doch seit Oktober 2023 erleben wir einen drastischen Anstieg – die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde verzeichnete in ihrem Jahresbericht für 2023 fast 60 % mehr dokumentierte Vorfälle als im Vorjahr. Jüdische Personen sind verstärkt mit Ausgrenzung und Anfeindungen konfrontiert, und davon bleiben subkulturelle Räume und Clubs nicht verschont. Gleichzeitig wird der Dialog immer schwieriger.

    Nach über einem Jahr der Spaltung in der Szene wollen wir gemeinsam mit betroffenen clubkulturellen Akteur:innen diese Missstände benennen und Erfahrungen sichtbar machen.

    Am Podium

    Moderation: Nicholas Potter (he/him) – taz/die tageszeitung

    Nicholas Potter ist Redakteur bei der taz/die tageszeitung und Mitherausgeber des Buches “Judenhass Underground”. Von Dezember 2024 bis Jänner 2025 war er Fellow des Internationalen Journalist:innenprogramms bei der Jerusalem Post. Nicholas wurde 2024 für den Theodor-Wolff-Preis nominiert.

    Speaker:

    Fossi – ://about blank

    Fossi arbeitet seit 13 Jahren im ://about blank, davon knapp 10 Jahre im Betreiber*innenkollektiv. Neben der geschäftsführenden Tätigkeit ist Fossi in der Personalabteilung, in der Schichtplanung und in der gastronomischen Administration aktiv und arbeitet auch häufig im (Wochenend-)Betrieb.

    Micòl (they/them) – Wir Freuen Uns

    Micòl ist Gründungsmitglied des Awareness-Kollektivs “Wir freuen uns”.
    Seit 2020 leitet und stellt Micòl Awareness- und Care-Teams für Festivals, Veranstaltungen und Partys in der Wiener Clubszene. Als queere, jüdische Person of Colour versteht Micòl Care nicht nur als Schutzmaßnahme, sondern als politisches Handeln, um Sicherheit und Verantwortung in Clubs und auf Veranstaltungen aktiv mitzugestalten. Transparenzhinweis: Micòl ist seit 2024 bei der Vienna Club Commission angestellt.

    Sheri Avraham (they/them) – Künstler:in bei Havera Club und Vorstandsmitglied der IG Bildende Kunst

    Sheri ist transdisziplinäre:r Künstler:in, Kurator:inundOrganisator:in an der Schnittstelle von Kunst, Politik und sozialem Engagement. Sheris Arbeit umfasst Performancekunst, Videoinstallationen und transdisziplinäre Projekte. Zu Sheris jüngsten Arbeiten gehören On class matter (Bon, Be’er Scheva, Wien 2024), Gefahren einseitiger Geschichten, Der 7. Oktober aus einer queeren arabisch-jüdischen Perspektive (MALMOE 107, 2024), 071023 (Wien, 2023), ze_Mycelium (Salzburg, Wien, 2023), The World of ze_R0!Ayns (Wien, 2022) und Cycle (Tel Aviv, Wien 2022).