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  • Bei einem Monopol ist Nachvollziehbarkeit keine Servicefrage, sondern demokratische Mindestbedingung.

    In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über Streitfälle rund um die AKM – also jene Organisation, die Musiknutzung einsammelt und die Einnahmen an Urheber:innen verteilt. DJs melden ihre Playlists, Veranstalter reichen ihre Veranstaltungsdaten ein – und dennoch bleibt für viele Beteiligte unklar, wie genau abgerechnet und ausgeschüttet wird. Das ist mehr als eine Detailfrage. Es berührt die Governance eines monopolistisch organisierten Systems.

    Was passiert konkret?

    Zwei Konfliktlinien sind sichtbar.

    Erstens: die Ausschüttung im DJ-Bereich. Wie Der Standard (16.02.2026) berichtet, werden DJ-Sets häufig nicht titelgenau abgerechnet. Stattdessen basiert die Verteilung auf Stichproben eines Meinungsforschungsinstituts – es wird also nicht alles gemessen; ein Ausschnitt entscheidet darüber, welche Werke berücksichtigt werden. Gleichzeitig investiert die AKM in ein KI-Startup, ohne konkrete Angaben zu Kosten oder Zeitplan zu machen.

    Zweitens: die Rechnungslegung gegenüber Veranstalter:innen. Laut Der Standard (24.11.2025) sind Rechnungen vielfach nicht prüfbar. Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte scheinen nicht auf. Ein von der Aufsichtsbehörde eingeleitetes Vermittlungsverfahren (§64 VerwGesG) wurde von der AKM abgelehnt.

    Die KUPF OÖ dokumentiert in einem Blogbeitrag vom 24.11.2025 darüber hinaus operative Folgen der Zentralisierung: Entpersonalisierung, erhöhte Fehlerquote bei automatisierter Rechnungserstellung und Rechnungskorrekturen ohne nachvollziehbare Erläuterung. Die zentrale Forderung: Berechnungsmethode, Kriterien und Rabatt transparent ausweisen.

    Warum das strukturell ist

    Die AKM verwaltet ein gesetzlich eingeräumtes Monopol. Wer Musik öffentlich nutzt, muss darüber lizenzieren. Es gibt faktisch keine Alternative. In solchen Strukturen entsteht ein asymmetrisches Machtverhältnis: Nutzer:innen können nicht ausweichen, sie sind auf die Fairness und Nachvollziehbarkeit des Systems angewiesen.

    Transparenz ist hier keine Servicequalität. Sie ist Voraussetzung demokratischer Legitimation. Wenn Rechnungen nicht überprüfbar sind oder Ausschüttungslogiken nicht nachvollziehbar erscheinen, verschiebt sich das Problem von der operativen Ebene auf die Ebene institutioneller Glaubwürdigkeit.

    Kulturpolitische Relevanz

    Für Politik und Verwaltung ist das keine Randfrage. Veranstalter:innen – insbesondere in der freien Szene – arbeiten mit engen Budgets und Förderlogiken, die Planbarkeit voraussetzen. Wenn Abrechnungen monatelang offenbleiben oder methodisch nicht nachvollziehbar sind, wirkt sich das unmittelbar auf Budgetierung, Liquidität und Risikobewertung aus.

    Ebenso stellt sich die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit: Wenn im DJ-Bereich nicht titelgenau erfasst wird, sondern mit Stichproben gearbeitet wird, können strukturelle Verzerrungen entstehen. Das betrifft nicht nur einzelne Akteur:innen, sondern die Breite und Vielfalt musikalischer Produktion.

    Was jetzt sachlich notwendig wäre

    Aus den dokumentierten Konflikten lassen sich drei Mindeststandards ableiten:
    1. Rechnungen müssen Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte transparent ausweisen.
    2. Umstrukturierungen dürfen nicht zu einem Verlust an Zuständigkeit und Reaktionsfähigkeit führen; nachvollziehbare Service- und Bearbeitungsstandards sind erforderlich.
    3. Für die digitale Erfassung und Ausschüttung – insbesondere im DJ-Bereich – braucht es einen transparenten Zeitplan und Klarheit über Implementierungsschritte.

    Diese Punkte stellen das Prinzip kollektiver Rechtewahrnehmung nicht infrage. Im Gegenteil: Sie stärken es.

    Verwertungsgesellschaften sind zentrale Infrastruktur für Kunst und Kultur. Gerade deshalb müssen sie in ihrer Funktionsweise nachvollziehbar sein. In monopolistischen Strukturen ist Transparenz keine optionale Serviceleistung – sie ist demokratische Mindestbedingung.

    Quellen:
    https://kupf.at/blog/fehlende-transparenz-warum-wir-ein-verfahren-gegen-die-akm-anstrengen/
    https://www.derstandard.at/story/3000000297708/117-millionen-zu-verteilen-musiker-fordern-transparenz-bei-akm-abrechnungen
    https://www.derstandard.at/story/3000000308792/wachsender-missmut-bei-musikern-ueber-tantiemen-berechnung-der-akm

  • Kulturräume als demokratische Infrastruktur: Warum „Reich für die Insel“ erhalten werden muss

    Im Zukunftsvertrag 2024–2030 bekennt sich die Innsbrucker Stadtregierung ausdrücklich zu Transparenz, nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen, verantwortungsvollem Umgang mit öffentlichen Mitteln und echter Bürger:innenbeteiligung. Diese Grundsätze sind kein rhetorischer Rahmen. Sie sind Maßstab politischen Handelns.

    Genau an diesen Maßstäben muss sich der Umgang mit dem Glaskubus und der dort angesiedelten Kulturinitiative „Reich für die Insel“ messen lassen. Es geht nicht um einen einzelnen Raum, sondern um den größeren Zusammenhang.

    Kulturräume sind keine dekorativen Ergänzungen einer Stadt. Sie sind soziale Infrastruktur. Sie sind jene „dritten Orte“, die nicht primär Wohnen oder Arbeiten dienen, sondern Begegnung ermöglichen. Orte, an denen Menschen einander nicht als Kund:innen oder Konkurrent:innen begegnen, sondern als Mitgestaltende.

    Viele kulturelle und gesellschaftliche Innovationen entstehen nicht in durchoptimierten Institutionen. Sie entstehen in Experimentierfeldern. In Zwischenräumen. In selbstorganisierten Strukturen. Der Glaskubus ist ein solcher Ort. Er ist kein fertiges Produkt, er ist ein Möglichkeitsraum. Und genau solche Räume sind in einer Stadt wie Innsbruck, die mit steigenden Mieten und hohen Eintrittsschwellen konfrontiert ist, strukturell gefährdet. Wenn diese Räume verschwinden, entstehen sie nicht automatisch neu. Sie entstehen nur dort, wo politische Entscheidungen sie ermöglichen.

    Transparenz ist kein Versprechen – sie ist Verpflichtung
    Die Stadt Innsbruck hat 2025 öffentlich betont, dass neue Kulturräume in Kooperation mit der IIG entwickelt werden sollen – mit dem Ziel eines „fairen, transparenten Prozesses“. Auch in der medialen Darstellung wurde die Schaffung von mehr Raum für die alternative Szene als politisches Ziel formuliert. Diese Aussagen sind verbindliche politische Setzungen. Sie erzeugen Erwartungen.

    Transparenz bedeutet in diesem Zusammenhang:

    • klare Kriterien für Auswahl und Weiterführung von Standorten
    • nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen
    • dokumentierte Bewertungsprozesse
    • transparente Kommunikation über Alternativen, Fristen und Perspektiven

    Gerade weil im Kulturbereich häufig mit befristeten Nutzungen, individuellen Vertragsmodellen und projektbezogenen Lösungen gearbeitet wird, braucht es besonders saubere Verfahren. Ein intransparenter oder situativer Umgang mit einem bestehenden Kulturort untergräbt die Glaubwürdigkeit jener Offensive, die gleichzeitig neue Räume verspricht. Beteiligung ist kein Informationsformat – sie ist Mitgestaltung

    Im Zukunftsvertrag wird Bürger:innenbeteiligung als Leitlinie definiert. Wenn über die Zukunft eines bestehenden Kulturortes entschieden wird, betrifft das nicht nur eine einzelne Initiative. Es betrifft Netzwerke, Szenen, Nutzer:innen, Anrainer:innen und die kulturelle Identität eines Stadtteils.

    Beteiligung bedeutet hier:

    • frühzeitige Einbindung
    • transparente Diskussion von Szenarien
    • nachvollziehbare Abwägung öffentlicher Interessen

    Nicht nachträgliche Information, sondern Mitgestaltung im Prozess.

    Gerade „Reich für die Insel“ steht exemplarisch für eine Form von Stadtproduktion von unten. Wenn solche Orte ohne klar kommunizierte Perspektive verschwinden, entsteht nicht nur räumlicher Verlust, sondern politischer Vertrauensverlust.

    Kulturelle Gerechtigkeit ist soziale Gerechtigkeit
    Im Zukunftsvertrag bekennt sich die Stadtregierung zur Verantwortung gegenüber allen Menschen dieser Stadt – unabhängig von sozialem Status oder ökonomischer Leistungsfähigkeit.

    Freie Kulturräume sind oft die einzigen Orte, an denen Menschen ohne große finanzielle Ressourcen Sichtbarkeit erlangen können. Sie sind Labore für junge Initiativen, Underdogs, neue Formate.

    Wenn der Zugang zu Raum ausschließlich über Marktmechanismen funktioniert, entsteht strukturelle Ungleichheit. Der Glaskubus muss kein Luxusobjekt sein. Er kann ein Instrument kultureller Durchlässigkeit darstellen.

    Wer solche Orte als verzichtbar betrachtet, verengt den Zugang zu kultureller Teilhabe.

    Innsbruck hat zuletzt öffentlich den Bedarf an alternativen Kulturräumen anerkannt. Es wurden neue Liegenschaften präsentiert, Exposés veröffentlicht, Interessensbekundungen eingefordert. Diese Schritte sind wichtig. Doch es wäre widersprüchlich, neue Räume in Aussicht zu stellen und gleichzeitig bestehende funktionierende Strukturen ohne klaren, transparenten Entwicklungsplan aufzugeben.

    Die zentrale Frage lautet daher: Werden Kulturräume als austauschbare Zwischennutzungen behandelt oder als Teil demokratischer Infrastruktur?

    Wenn wir akzeptieren, dass Orte wie „Reich für die Insel“ verschwinden, weil sie nicht dauerhaft abgesichert oder nicht maximal verwertbar sind, dann verschiebt sich die Logik urbaner Entwicklung dauerhaft. Dann werden Möglichkeitsräume zur Ausnahme. Dann wird kulturelle Innovation dem Zufall überlassen. Dann verlieren wir nicht nur einen Kulturraum, sondern soziale Verdichtungsräume, solidarische Netzwerke und Experimentierfelder. Und vor allem verlieren wir Vertrauen in politische Verlässlichkeit.

  • Demokratie ist kein Komfortzustand

    Demokratie ist kein Komfortzustand

    Vergangene Woche war ich im Rahmen der Gesprächsreihe „Museum im Werden“ der Tiroler Landesmuseen eingeladen, um über das Verhältnis zwischen freier Kulturszene und großen Institutionen zu sprechen. Ausgangspunkt war die scheinbar einfache Frage: Wo liegen die Unterschiede – und wo ergeben sich sinnvolle Schnittstellen der Zusammenarbeit?

    Im Verlauf des Gesprächs wurde für mich aber deutlich, dass die eigentliche Frage weniger darin liegt wer welche Rolle erfüllt, sondern vielmehr darin, wofür wir gemeinsam stehen und welche gesellschaftliche Verantwortungen wir teilen. Wir befinden uns mMn längst in einem Kulturkampf, der international – insbesondere in den USA – bereits offen ausgetragen wird und der auch Europa zunehmend erfasst.

    Es geht dabei nicht mehr ausschließlich um Kunstproduktion im engeren Sinn, sondern um Deutungshoheit, um Sichtbarkeit und letztlich um die Frage, wessen Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen präsent sind – und welche systematisch ausgeblendet werden.

    Die freie Szene agiert schneller, beweglicher und experimenteller. Sie testet Formate, setzt Impulse, irritiert etablierte Narrative und schafft Räume, in denen sich Menschen ermächtigen, vernetzen und organisieren können. Gerade diese Offenheit und Reaktionsfähigkeit machen sie politisch exponiert. International lässt sich beobachten, wie rechte Akteur:innen deshalb gezielt jene Orte unter Druck setzen, an denen Gegenöffentlichkeit entsteht – unabhängige Medien, subkulturelle Räume, soziale Initiativen. Denn sie wissen: Wer kulturelle Infrastruktur schwächt, schwächt damit auch die demokratische Resilienz einer Gesellschaft.

    Große Institutionen verfügen über stabilere Budgets, längerfristige Strukturen und eine formale Legitimation, die sie weniger unmittelbar angreifbar erscheinen lässt. Doch Stabilität ist nicht gleichbedeutend mit Neutralität. Museen, Theater oder Archive treffen ebenfalls Entscheidungen darüber, was gesammelt, ausgestellt und erinnert wird – und was nicht. In diesen Auswahlprozessen manifestiert sich Verantwortung. Wenn demokratische Räume unter Druck geraten, genügt es also nicht mehr Programme zu kuratieren; dann ist Haltung und auch Solidarität gefragt.

    Kooperationen zwischen freier Szene und Institutionen können sinnvoll sein, sofern sie nicht auf symbolische Imagepflege reduziert werden. Kooperationen, bei denen strukturell schwächere Akteur:innen Risiken tragen, während andere von Legitimation profitieren, untergraben langfristig Vertrauen. Ebenso verkürzt wäre es aber auch, Institutionen ausschließlich auf schwerfällige Apparate zu reduzieren oder die freie Szene auf den fleissigen Ideenlieferanten. Beide sind Teil demokratischer Infrastruktur – mit unterschiedlichen, aber komplementären Funktionen; irritieren, stabilisieren; beide tragen zur Legitimation kultureller Öffentlichkeit bei.

    Was richtig nervt ist, dass Kulturorte, sobald sie recht gut gefördert werden, gern anfangen die Pappm zu halten – auch in der freien Szene. Reibung, besonders nach außen, wird dann gerne vermieden. Aber Demokratie ist kein Komfortzustand, sondern ein dauernder Aushandlungsprozess. Sie lebt von Widerspruch, von Differenz, und auch von produktiver Spannung. Kultur ist kein bloßes Unterhaltungsangebot, sondern ein Raum, in dem gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar werden. Wer diesen Raum neutralisieren möchte, versteht seine Funktion nicht.

    Freie Szene und Institutionen müssen nicht in allen Fragen übereinstimmen – das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Entscheidend ist aber, dass wir gemeinsam dafür einstehen, dass kulturelle Freiheit, künstlerische Autonomie und demokratische Offenheit nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wenn wir uns in einem enger werdenden politischen Handlungsspielraum primär als Konkurrent:innen sehen, verlieren wir nicht nur Energie, sondern bald auch die Räume, in denen wir arbeiten und wirken.

    Deshalb ist Kulturpolitik für mich ist kein Randthema, sondern ein Gradmesser demokratischer Verfasstheit. Und genau deshalb ist die Frage nach Zusammenarbeit zwischen freier Szene und Institutionen keine organisatorische Detailfrage, sondern auch eine politische.

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    too long; didn’t read: Wir stehen längst in einem Kulturkampf – es geht nicht um Programme, sondern um Macht, Sichtbarkeit und darum, wessen Stimmen zählen.

  • Solidarität mit Reich für die Insel.

    Was derzeit rund um den Artspace Reich für die Insel verhandelt wird, ist mehr als eine Standortfrage. Es ist eine kulturpolitische Grundsatzentscheidung darüber, wie ernst es die Stadt Innsbruck mit zeitgenössischer Kunst, fairen Verfahren und transparenter Entscheidungsfindung meint.

    Seit 2019 hat das Team rund um Reich für die Insel aus einer ehemaligen Gastro-Ruine einen lebendigen, weithin anerkannten Kunst- und Kulturort geschaffen. Professionell kuratiert, offen, diskursiv, mit Ausstellungen, Performances, Lesungen, Workshops und zahlreichen Kooperationen. Ein Ort, der nicht nur von der Szene getragen wird, sondern auch von Stadt, Land und Bund gefördert ist – und damit unmissverständlich als kulturell relevant anerkannt wurde.

    Umso unverständlicher ist das nun kolportierte Vorgehen, diesen etablierten Kunstort ohne öffentliche Ausschreibung, ohne offengelegte Kriterien und ohne transparente politische Debatte zugunsten einer reinen kommerziellen Nutzung aufzulösen. Wenn von einem „Bestbieterprinzip“ gesprochen wird, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kann es ohne offene, faire und nachvollziehbare Ausschreibung einen Bestbieter geben? Und nach welchen Maßstäben wurde ein ausgearbeitetes Nutzungskonzept – das Kunst und Gastronomie sinnvoll verbinden wollte – als „nicht zweckmäßig“ beurteilt?

    Gerade im sogenannten Kulturquartier ist es nicht einzusehen, einen weiteren reinen Gastronomiebetrieb zu etablieren. Mit dem BRAHMS befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft bereits eine Gastronomie, deren Immobilieneigentümer*innen Stadt und Land sind und die auch verpachtet wird. Sich wenige Meter daneben selbst Konkurrenz zu schaffen, ist nicht nur kulturpolitisch kurzsichtig, sondern auch wirtschaftlich fragwürdig.

    Hinzu kommt: Reich für die Insel ist kein isolierter Kunstraum. Initiativen wie das Alles Gute Festival sind unmittelbar aus der Zusammenarbeit mit diesem Artspace entstanden. Ohne den Kubus als inhaltlichen Partner, als Produktionsbüro, Backstage- und Lagerfläche wäre dieses Festival in seiner jetzigen Form nicht möglich. Eine Verdrängung zugunsten reiner Gastronomie gefährdet somit nicht nur einen Kunstort, sondern ganze kulturelle Ökosysteme – und stellt die Zukunft bestehender Formate massiv infrage.

    Gerade an diesem Ort braucht es einen klaren Kontrapunkt. Zwischen Hochkultur im Landestheater, Volkskultur im Volkskunstmuseum, großen Veranstaltungen in der Dogana und der Hofburg, Schützenaufmärschen am Platz und sportlichen Großereignissen ist zeitgenössische, kritische Kunst- und Kulturarbeit kein Störfaktor, sondern die einzig sinnvolle Ergänzung. Sie sorgt für Reibung, Vielfalt und kulturelle Gegenwart – all das, womit sich eine Stadt gerne schmückt, solange es nicht unbequem wird.

    Die PMK und das Team des ALLES GUTE Festivals stellen sich solidarisch hinter das Team von Reich für die Insel und fordern die Stadt Innsbruck unmissverständlich auf, transparente, faire und politisch sauber abgestimmte Prozesse sicherzustellen. Entscheidungen dieser Tragweite gehören offen diskutiert, im Gemeinderat verhandelt und nachvollziehbar begründet – nicht im Schnellverfahren und nicht hinter verschlossenen Türen.

    Es ist ernüchternd, dass es auch hier offenbar erst öffentlichen Druck und mediale Aufmerksamkeit braucht, um Bewegung in die Sache zu bringen. Kulturpolitische Gespräche sollten nicht erst dann stattfinden, wenn der Druck zu groß wird, sondern als selbstverständlicher Teil einer ernst gemeinten Zusammenarbeit mit der freien Szene.

    Reich für die Insel steht exemplarisch für das, was in Innsbruck auf dem Spiel steht: die Frage, ob Kunst als lästiger Kostenfaktor oder als Motor einer lebendigen Stadt verstanden wird.

    Jetzt braucht es klare Haltung und eine Entscheidung, die diesem Ort und seiner Bedeutung gerecht wird.

    Kulturverein ALLES GUTE Festival
    PMK – Plattform mobile Kulturinitiativen
    Die Bäckerei – Kulturbackstube
    Arche*Ahoi
    BONANZA Festival

  • Podiumsdiskussion: Junge Kulturszene Innsbruck – was ist da los?

    Am 3. Dezember 2025 nahm ich auf Einladung des Jugendzentrums mk an einer Podiumsdiskussion zur aktuellen Situation der Innsbrucker Club- und Kulturszene teil. Vertreterinnen aller im Gemeinderat vertretenen Fraktionen diskutierten dabei gemeinsam mit Akteurinnen aus der Praxis über zentrale Fragen urbaner Kulturpolitik: die Bedeutung konsumfreier Räume, steigende Miet- und Gewerbekosten, die Zukunft bestehender Kulturorte sowie die strukturellen Bedingungen, unter denen junge Menschen heute eigene Projekte entwickeln können.

    In meinem Beitrag habe ich betont, dass Kunst und Kultur nicht als freiwillige Zusatzleistung einer Stadt verstanden werden sollten. Kulturorte – Clubs, Jugendzentren, selbstorganisierte Räume oder Festivals – sind Teil urbaner Infrastruktur. Viele kulturelle und soziale Entwicklungen, die heute selbstverständlich erscheinen, sind in solchen Kontexten entstanden: in Räumen, in denen Menschen experimentieren, sich organisieren und gemeinsam handeln können.

    Gleichzeitig wurde in der Diskussion deutlich, dass diese Räume keineswegs selbstverständlich sind. Steigende Kosten, administrative Hürden und konkurrierende Nutzungsinteressen erhöhen den Druck auf bestehende Strukturen. Kulturpolitik steht daher vor der Aufgabe, nicht nur einzelne Projekte zu fördern, sondern langfristig verlässliche Rahmenbedingungen für kulturelle Infrastruktur zu schaffen.

    Ein konkretes Beispiel dafür ist die Situation rund um die „Junge Talstation“. Dass es zunächst öffentlichen Druck gebraucht hat, bevor eine notwendige Sanierung politisch zugesagt wurde, zeigt, wie fragil viele dieser Orte sind. Die mittlerweile formulierte Zusage ist ein wichtiger Schritt – sie macht aber auch sichtbar, dass Kulturorte oft erst dann politisch wahrgenommen werden, wenn ihr Fortbestand akut gefährdet ist.

    Ein weiterer Punkt, der mir wichtig war: Junge Menschen müssen ihre Interessen organisieren und artikulieren können. Selbstorganisation war historisch immer eine zentrale Kraft der Kulturentwicklung. Gleichzeitig braucht es eine Stadtpolitik, die solchen Initiativen nicht mit Misstrauen begegnet, sondern sie als legitimen Teil urbaner Entwicklung ernst nimmt.

    Die Diskussion hat einmal mehr gezeigt, dass Innsbruck vor einer grundlegenden kulturpolitischen Frage steht: Wie positioniert sich die Stadt zwischen touristischer Vermarktung und einer lebendigen, selbstorganisierten Kulturszene? Diese beiden Perspektiven schließen einander nicht zwingend aus. Damit sie koexistieren können, braucht es jedoch eine klare politische Haltung – und das Verständnis, dass lebendige Kulturarbeit Zeit, Räume und Ressourcen braucht.

    (Fotos: Felix Schaich)

  • Statement der p.m.k zur aktuellen Situation rund um die Talstation

    Seit der Verein im Jahr 2022 die von ihm bespielten Räumlichkeiten nicht mehr verwenden darf, konnte er in der p.m.k zumindest Teile seines ambitionierten Kulturprogramms fortsetzen. Wir freuen uns, dass die Talstation in dieser Übergangszeit Teil der p.m.k-Familie geworden ist. Von Beginn an war aber klar: Diese Lösung kann und darf nur vorübergehend sein.

    Die p.m.k vereint derzeit 35 ehrenamtlich geführte Kulturvereine, die mit großem Engagement und unter oftmals prekären Bedingungen einen wesentlichen Teil des freien Kulturprogramms dieser Stadt realisieren. Schon jetzt sind unsere räumlichen Kapazitäten an der Belastungsgrenze. Innsbruck braucht dringend weitere selbstbestimmte Kulturorte, die diesen Namen auch verdienen – Orte, die kulturelle Nutzung nicht nur ermöglichen, sondern aktiv fördern. Das bedeutet: rechtlich gesicherte Strukturen, technische Adaptionen, langfristige Perspektiven und faire Rahmenbedingungen für jene, die Kulturarbeit leisten.

    Seit Jahren ist bekannt, dass Innsbruck über keine ausreichend großen, niederschwellig zugänglichen Räume für mehrere hundert Menschen verfügt. Die Talstation könnte einen dieser dringend benötigten Orte darstellen – ein Raum für Musik, Diskurs, Kunst und Begegnung. Ein Ort, der zeigt, was kulturelle Arbeit jenseits kommerzieller Logiken leisten kann.

    Es ist positiv, dass die Vorgänge rund um die Talstation endlich auch politisch rezipiert werden und nun ein Sondergemeinderat dazu einberufen wurde. Bedenklich bleibt jedoch, dass es dafür erst massiven öffentlichen Druck gebraucht hat, um dieses Thema ernsthaft auf die Agenda zu bringen.

    Hier geht es nicht um Einzelinteressen oder parteipolitische Positionen, sondern um eine langfristige kulturpolitische Perspektive für Innsbruck. Die Talstation ist ein Symbol dafür, wie diese Stadt mit ihrem kulturellen Erbe, ihren Initiativen und ihren kreativen Potenzialen umgeht.

    Als Kulturarbeiter*innen – und als Bürger*innen dieser Stadt – erwarten wir uns einen professionellen, wertschätzenden Austausch auf Augenhöhe.
    Das bedeutet auch politische Verantwortung zu übernehmen, unangenehme Gespräche zu führen, Entscheidungsprozesse transparent zu gestalten und endlich gemeinsam an nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.

    Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie lähmend politische Blockaden und parteitaktische Grabenkämpfe für die Entwicklung dieser Stadt sein können. Ignoranz und Sprachlosigkeit dürfen aber ebenfalls kein Ersatz für demokratischen Diskurs sein.

    Wir fordern daher:

    Die dauerhafte Sicherung der Talstation als Kulturstandort, einschließlich der dafür notwendigen Sanierungs- und Adaptierungsmaßnahmen.

    Die Einbindung des Vereins Talstation und der freien Kulturszene in alle weiteren Entscheidungs- und Planungsprozesse – von Beginn an, nicht nachträglich.

    Eine verbindliche Perspektive bis Frühjahr 2026, wie die Talstation wieder kulturell genutzt werden kann.

    Ein klares politisches Bekenntnis zur Förderung und finanziellen Absicherung

    Kulturinitiativen müssen in die Gestaltung solcher Prozesse aktiv eingebunden werden – nicht nur angehört, sondern beteiligt. Nur so entsteht Vertrauen, Nachhaltigkeit und ein Verständnis dafür, dass kulturelle Arbeit in dieser Stadt kein Freizeitvergnügen ist, sondern ein gesellschaftlich relevanter Beitrag: für Vielfalt, Teilhabe, Sichtbarkeit und soziale Kohäsion.

    Die Arbeit der freien Kulturszene basiert auf Professionalität, Leidenschaft und oft unbezahltem Engagement. Sie verdient Respekt, verlässliche Rahmenbedingungen und politische Unterstützung. Wer diese Strukturen schwächt, riskiert den Verlust eines wesentlichen Teils urbaner Lebendigkeit und sozialer Innovation.

    Die Talstation könnte zu einem Modellprojekt werden – für offene, generationenübergreifende und partizipative Kulturarbeit. Ein Ort, an dem sich Künstler*innen, Vereine, Nachbar*innen und junge Menschen gleichermaßen begegnen können. Dafür braucht es Mut, Zusammenarbeit und den politischen Willen, Kultur nicht als Problem, sondern als Chance für die Stadtentwicklung zu begreifen.

    Wer Räume für Kultur, Begegnung und Vielfalt erhalten will, muss jetzt handeln – mit Offenheit, Weitsicht und echtem Respekt gegenüber jener Arbeit, die Tag für Tag von hunderten Kulturarbeiter*innen in dieser Stadt geleistet wird.

    Die p.m.k steht solidarisch an der Seite der Talstation – und für eine Kulturpolitik, die auf Dialog, Verlässlichkeit und gemeinsames Gestalten setzt.

    – plattform mobile kulturinitiativen, 2025

  • Statement zur Schließung der Talstation in Innsbruck

    Dass die Talstation in Innsbruck jetzt leer steht, ist eine Schande für die ganze Stadt. Dem bis vor Kurzem dort angesiedelten Kulturverein, der dazu beigetragen hat, das Gebäude und die Gegend insgesamt zu beleben, gebührt hingegen mein größter Respekt für die langjährige Arbeit und die Ausdauer im Bestreben, diesen Ort als lebendige Plattform zu erhalten. Danke für euer Herzblut, euren Schweiß und die vielen Stunden, die ihr dort investiert habt. Danke für die Proberäume, Ausstellungen, Konzerte und Begegnungsmöglichkeiten für viele junge Menschen in Innsbruck, die sich mittlerweile nicht mehr wirklich gehört fühlen und vielerorts unerwünscht sind.

    Die Stadt fühlt sich nun schon wieder ein wenig kleiner an. Grundsätzlich ist es aktuell überhaupt schwer abzuschätzen, wie es weitergehen soll. Dass privatwirtschaftlich geführte Nachtclubs international der Reihe nach zusperren, ist das eine – dass aber interdisziplinär arbeitende Kulturzentren, die die öffentliche Hand erhalten könnte, fallen gelassen werden, ist skandalös und kurzsichtig. Vor allem in einer Stadt, die aufgrund topografischer Gegebenheiten ohnehin nur wenig Platz und Möglichkeiten bietet.

    Ein Gebäude wie die Rotunde (die man nicht mal geschenkt haben möchte, weil sich die Sanierung niemand leisten kann) steht nun leer neben einer verlassenen Talstation, von der alle wissen, dass sie jetzt erstmal ein paar Jahre vor sich hinrotten wird, bevor man sich in fünf bis zehn Jahren und ein paar Bürgerbeteiligungsprozessen dazu entschließen wird, das Thema noch ein wenig weiter zu vertagen. Auch das Siebenkapellenareal sifft währenddessen munter weiter. Und kennt ihr noch das Stöcklgebäude nahe der Triumphpforte, das vor ein paar Jahren UNBEDINGT geräumt werden musste, weil man dort dringend etwas bauen wollte? Auch hier feiert der Ranz fröhliche Urständ.

    Es wäre doch besser zu sagen: Leute, wir haben keine Kohle und vor allem keinen Bock, irgendetwas mit diesen Gebäuden anzufangen, deshalb lassen wir diese leer stehen und konzentrieren uns auf andere Dinge. Es ist besser, der Raum verkommt, als ihr seid drin. Ansonsten wird es laut für die Anrainer und für uns teuer, weil wir euch dann über Jahre durchfüttern müssen. Sucht’s euch einfach einen richtigen Job. Ein Hochkulturbetrieb zahlt sich zwar auch nicht von selbst, und hier indexieren wir sogar die Gehälter, aber das ist etwas anderes, weil es repräsentativer und meistens ein bissl weniger deppert ist.

    Und falls das nicht die Message sein sollte, dann kommt sie halt zumindest so an. Das ist zwar nichts Neues (wer die Arbeit des Sub-Archivs Innsbruck verfolgt, kann diese Haltung über die vergangenen Jahrzehnte fast durchgängig beobachten – mal mehr, mal weniger), aber immer noch unverständlich. Mal sind es schwierige Besitzverhältnisse, die freche Miete, „es Land“ oder „de in Wien“, die es nicht interessiert. Irgendwas is immer. Manchmal trennen die Lebensrealitäten von Kulturräumen nur wenige Meter: Der Artspace Reich für die Insel kann ein Lied davon singen. Dieser wird mittlerweile überhaupt geghostet, obwohl er ein Top-Konzept vorgelegt hat – sich aber offensichtlich bitte einfach schleichen soll. Alle wissen, dass man das Gebäude nicht von heute auf morgen nutzbar machen kann. Aber auch hier gilt: Bitte geht einfach, damit man den Ort und euch vergisst. Irgendwann wird schon etwas damit passieren.

    Wenn man mit Menschen aus verschiedenen Bereichen (teilweise auch in offiziellen Funktionen) spricht, dann wird hinter vorgehaltener Hand immer wieder mal davon gesprochen, dass man im Prinzip nur darauf hoffen kann, dass sich manche dieser Themen von selbst lösen. Siehe Hofgarten-Café. (Für diejenigen, die von außerhalb Innsbrucks mitlesen und den Kontext nicht kennen: Das jahrelang leerstehende Nachtlokal ging irgendwann spätnächtens in Flammen auf. Viele Leute waren danach sehr erleichtert.) Dann kann man zumindest sagen: Leider hat man nichts mehr machen können – und kann das Ding gesichtswahrend wegbaggern.

    Dass man es nicht allen Menschen recht machen kann, ist klar. Aber die Zeiten ändern sich, und man muss schauen, dass man sich auch in kleineren und mittelgroßen Städten ein Umfeld bewahrt, das ansprechend bleibt – ansonsten bleibt nicht viel übrig, als sich das bisschen Motivation, das man noch hat, zu bewahren und wegzuziehen. Klar, wir sind immer noch sehr dankbar, dass uns die Urgroßeltern die Alpen hingebaut haben, damit wir damit ein gutes Geld verdienen können. Aber davon können wir nicht alle leben. So groß ist die Adlerrunde dann auch wieder nicht.

    Danke (junge) Talstation – danke Reich für die Insel – und danke an alle, die in Innsbruck noch stabil bleiben wollen. Auf eine weitere leerstehende Halle in einer kleinen Stadt. Zum Glück ist es im Saggen endlich wieder still.

    Bildcredit (c) ORF

  • Beitrag zum Clubkultur-Sterben im 6020 Stadtmagazin

    September 2025-Ausgabe des 6020 Stadtmagazins

  • TT-Artikel: Keine neuen Nachtlokale in den Bögen

    Zum Thema „keine neuen Nachtlokale in den Bögen“ – als ÖBB-Kunde mit Goldschiene-Status habe ich hier auch noch ein Wörtchen mitzureden!

    In Innsbruck von einer schrankenlosen Nachtgastronomie zu sprechen, bedarf eines relativ dörflichen Verständnisses vom Life. Die Summe an Auflagen, um in Österreich irgendetwas zu tun, kann man vielfältig beschreiben, aber sicherlich nicht mit „schrankenlos“. Im Land der Bürokratie gibt es ein ganzes Bündel an Schranken in beinahe jeder Lebens- und Arbeitssituation.

    Es gibt meines Wissens nach in ganz Innsbruck auch kein einziges Lokal mehr, das durchgehend geöffnet hätte – und wenn, dann maximal an irgendeiner Tankstelle. Auch gibt es in den Bögen mittlerweile nur noch wenige Lokale mit sehr langen Öffnungszeiten. Es gibt ein paar verbleibende mit späten Öffnungszeiten, aber die sperren dafür auch erst nachts auf.

    Ich arbeite und wohne seit über zehn Jahren in der Innsbrucker Bogenmeile und mittlerweile ist die Gegend schon so dermaßen entspannt, dass ich froh bin, gleichzeitig auch in Wien in der Nähe des Gürtels zu wohnen. Ein bisschen urbanes Lebensgefühl darf’s dann schon auch noch sein.

    Klar, Wien und Innsbruck sind in vielen Belangen sehr unterschiedlich (Größe, soziale Zusammensetzung etc.), teilweise aber auch sehr ähnlich. Und die Gründe, warum Clubs schließen, sind ohnehin international und nicht auf eine Stadt begrenzt. Menschen treffen nach wie vor gerne andere Menschen, aber sie wollen dafür nicht mehr mehrmals pro Woche viel Geld in Alkohol und Eintritte investieren. Darauf basiert aber leider ein großer Teil des Club-Modells.

    Zusätzlich sind die Kosten für Clubbetreibende extrem gestiegen und die Planbarkeit ist im Keller, weil Entscheidungen meist kurzfristiger getroffen werden. Einen Club zu unterstützen, weil’s einfach „mein Stammclub“ ist und heute Dienstag? Das ist mittlerweile nicht mehr selbstverständlich.

    Und teilweise sehe ich’s ja auch ein: Ansprüche und Bedürfnisse verändern sich über die Zeit und über Generationen hinweg. Was mich vor 15 Jahren abgeholt hat, muss für junge Menschen heute nicht mehr gleich interessant sein.

    Man muss sich allerdings bewusst sein, dass jede aufgelassene Bühne und jeder geschlossene Club dann halt auch wirklich dauerhaft weg sind. Der eine oder andere wird vielleicht übernommen oder adaptiert, aber im Großen und Ganzen wirft jede Clubschließung ein Schäufchen mehr ins Grab.

    Wir wissen, dass es auch die kleinen Läden braucht, um die Trends von morgen setzen zu können. Und auch wenn ich auf Insta meinen Fame bekomme und erstmal keinen physischen Laden brauche, um mich Menschen vorstellen zu können – irgendwann später braucht es dann doch eine Konzerthalle o. ä. als soziales Schmiermittel, um mir die Show mit anderen Menschen ansehen zu können.

    Alles geht dann halt doch nicht alleine im Privaten. Und ich glaube schon noch fest daran, dass wir grundsätzlich Bock auf andere Leute haben. Außer man bleibt beim Solo-Black-Metal-Projekt ohne Livegigs – was ja auch okay ist. Aber alles andere wird früher oder später mal einen sozialen Kontext oder einen Ort der Darbietung benötigen. Und da der öffentliche Raum zwar uns allen gehören sollte, es de facto aber nicht tut, brauchen wir diese Orte, um uns in ihnen treffen zu können.

    Ja, die Zeiten sind nicht einfach und das Weggehen hat sich auch schon mal unbeschwerter angefühlt. Aber alles, was jetzt flöten geht, wird auch dann noch weg sein, wenn die Zeichen hoffentlich wieder mehr auf „Ja zum gemeinsamen Sein“, „Ja zum gemeinsamen Träumen in der Nacht“ und „Ja zum gemeinsamen Entdecken“ stehen.

    Wir müssen deshalb sicherstellen, dass die soziale Infrastruktur abseits von Zuhause und Arbeitsplatz als dritter Ort der Interaktion erhalten bleibt.

    Jeder Club und jedes Kulturzentrum, das schließt, ist eines zu viel. Und wenn der privatwirtschaftliche Ansatz nicht mehr funktioniert, müssen wir eben schauen, dass wir unsere Freiräume anders erhalten – sei es durch ein community-basiertes, gemeinschaftlich getragenes Modell oder eines, das nicht darauf basiert, dass man möglichst viel Schnaps verkaufen muss, um den Menschen einen schönen Abend bieten zu können.

    Es braucht Orte, die der grassierenden sozialen Isolation und der gesellschaftlichen Spaltung vorbeugen und Platz für Gemeinschaft und Selbstverwirklichung abseits des Wettbewerbs bieten.

    Sonst wea ma alle deppat.

  • Über Generationenkonflikte im Kulturbetrieb

    Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe des IG Kultur Magazins erschienen.

    Brücken bauen und Sessel sägen

    Dass die freie Kulturszene derzeit in einem Generationenumbruch begriffen ist, ist kein Geheimnis. Viele etablierte und geförderte Kulturzentren, die als gemeinnützige Vereine organisiert sind, identifiziert man mit „der einen“ Person oder einem eingeschworenen Grüppchen, das seit Jahrzehnten aus denselben Mitgliedern besteht. In dieser Hinsicht ähneln diese Initiativen Firmen mit langjährigen Senior- und Juniorchef*innen. Ebenso ist bekannt, dass Generationenwechsel oft schwierig bis gar nicht funktionieren. Man landet im Gespräch schnell bei Vorwürfen der Sesselkleberei oder dass „die Jungen“ ohnehin keine Chance bekommen würden, bevor „die Alten“ nicht das Zeitliche segnen würden. Dementsprechend schnell können Gespräche verletzende Wendungen nehmen und hart an der Ignoranzgrenze oder überhaupt weit darunter verlaufen. Es sind Momente wie diese, in denen klar wird, dass der freie Kulturbetrieb eben auch nur ein Teil der Gesellschaft mit all ihren Konflikten ist.

    Ein großes Problem entsteht aber dann, wenn sämtliche Schlüsselfähigkeiten und Weisungsbefugnisse auf eine oder wenige Personen konzentriert werden und eine Übergabe nicht einmal für den Fall der Fälle vorbereitet wird.

    Vereinbarungen werden überlicherweise zu einem Zeitpunkt getroffen, wenn man sich (noch) versteht; doch was tun, wenn der Haussegen bereits schief hängt oder man nicht mehr miteinander reden kann oder gar nicht will? Es ist selbstverständlich nicht einfach, eine Struktur und ein geliebtes Projekt, mit dem man im Laufe vieler Jahre verwachsen ist, hinter sich zu lassen. Oder auch die eigene Expertise in Frage zu stellen, nachdem man einer Sache den Gutteil seines Lebens gewidmet, sowie wertvolle Netzwerk- und Aufbauarbeit geleistet hat. Kulturinitiativen sind zudem meist anders strukturiert als große Firmen mit starren Hierarchien, in denen ganz klar ist, welche Position einer anderen welche Weisungen erteilen kann. Vieles ergibt sich im Tun oder wechselt über die Jahre. Ein großes Problem entsteht aber dann, wenn sämtliche Schlüsselfähigkeiten und Weisungsbefugnisse auf eine oder wenige Personen konzentriert werden und eine Übergabe nicht einmal für den Fall der Fälle vorbereitet wird. Sollten diese Personen dann wirklich längerfristig ausfallen, steht der gesamte Betrieb still. Genauso problematisch ist die „pro forma“-Übergabe, bei der im täglichen Betrieb alles weiterläuft wie bisher und die neue Person in Wirklichkeit nichts entscheiden kann, ohne überwacht und sofort zurückgepfiffen zu werden. Beide Varianten verhindern, dass sich ein fruchtbarer Generationendialog unter Kulturarbeiter*innen ergibt, der Wissen und Expertise wertschätzt, weitertragen, langfristig sichern und das Beste für die Kulturinitiative erwirken kann. Zumindest hinterfragt werden darf auch das „dynastische“ Denken, bei dem – wie in einem Familienbetrieb – selbstverständlich die eigenen Kinder den Betrieb weiterführen sollten, auch wenn es dazu klare Alternativen gäbe: Ausschreibungen.

    Klar ist: Es muss sichergestellt werden, dass die jahrzehntelange Arbeit der Vorgängergeneration wertgeschätzt wird und daran angeknüpft werden kann. Klar ist aber auch: Es frustriert jüngere Initiativen, wenn diese keinen Zugriff auf Ressourcen oder kulturelle Gestaltungsmöglichkeiten bekommen. Gegenüber Fördergeberinnen argumentieren „die Jungen“ dann, warum es jetzt „schon wieder“ etwas Neues braucht, obwohl doch bereits tolle kulturelle Räume vorhanden sind. Bereits stärker verankerte Initiativen sind oft mit anderen Themen oder sich selbst beschäftigt und nicht bereit, bestehende Ressourcen (Raum oder Geld) abzugeben – gerade weil in der freien Kulturlandschaft so gut wie niemand im Überfluss arbeitet und lebt. Ressourcen, die man sich hart erarbeitet hat, wollen also bewahrt werden. Fest steht: Einfach nur für einen Abend Untermieterin in einem bestehenden Kulturzentrum zu sein, ist wenig motivierend und hat in den wenigsten Fällen mit jener leidenschaftlichen Kulturarbeit zu tun, die viele eigentlich anstreben. Häufig passiert es aber, dass Grenzen innerhalb der Kulturszene härter verteidigt werden als gegenüber Dritten, da man auf demselben „Schlachtfeld“ um Ressourcen, Prestige und gesellschaftlichen Einfluss kämpft. Dazu gesellt sich gerne die Gewissheit, dass man selbst besser wüsste, was „gute“ und „wertvolle“ Kulturarbeit wäre, wohingegen die anderen deutlich weniger spannende Projekte verfolgten – aus welchen Gründen auch immer. Das Auftreten gegenüber Politik, Verwaltung und Fördergeber*innen fällt in diesen Fällen sogar leichter, als sich mit anderen Kulturinitiativen zu streiten, die es ja „eigentlich eh wissen müssten“. Im Laufe der letzten 13 Jahre Kulturarbeit habe ich genügend Situationen miterlebt, die sich genau so oder in leichter Variation abgespielt haben.

    Aus diesem Grund möchte ich auch nicht anderen Kulturzentren im Detail erklären, wie sie ihre Generationenübergabe organisieren sollen. Es ist immer leichter, die vermeintlichen und offensichtlichen Fehler von anderen zu bekritteln, als die in den eigenen Projekten zu bearbeiten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen Blick auf meine eigene Arbeit und meine Eindrücke im Kulturzentrum p.m.k richten. Dieses kenne ich sehr gut, da ich dort seit mittlerweile acht Jahren als Geschäftsführer tätig bin.

    Die p.m.k – plattform mobile kulturinitiativen ist ein Kulturzentrum in Innsbruck und besteht aktuell aus 35 Kulturvereinen mit über zweihundert Mitgliedern. Die Altersspanne der einzelnen Mitglieder beträgt um die vierzig Jahre, von Anfang zwanzig bis Mitte sechzig. Der Schwerpunkt liegt auf dem Veranstalten von Konzerten, performativen und diskursiven Kulturveranstaltungen. Alle Veranstaltungen werden dabei eigenständig von den Mitgliedsvereinen organisiert und umgesetzt, die p.m.k bildet als Dachverband bzw. Zusammenschluss den Überbau, das Forum und die Struktur. Die p.m.k als Verein wurde 2004 von Kulturarbeiterinnen aus der freien Innsbrucker Szene gegründet, als Reaktion auf einen eklatanten Raummangel. Mit der Umsetzung schuf man einen Raum, der durch seine Mitgliedsvereine niederschwellig bespielbar ist und vor allem Möglichkeiten zur Mitgestaltung bietet. Alle zwei Wochen werden im Rahmen einer Beiratssitzung (Plenum) sämtliche größere und kleinere Entscheidungen per Mehrheitsvotum getroffen. Dies ist auch der Ort, an dem Wissen weitergegeben wird, in dem bereits erfahrene Vereine Tipps und Arbeitsweisen weitergeben können. Viele tun sich hier leichter, Fragen zu stellen, als bei einer Interessensgemeinschaft anzurufen, die sich vielleicht noch nicht persönlich kennengelernt haben. Ja, auch hier muss man sich als neu dazu gekommene Initiative zuerst einmal orientieren, hat aber sofort ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht, was die Identifikation mit dem gemeinsamen Kulturzentrum schnell verstärkt. Die eigene Expertise kann somit in das Projekt einfließen, ohne dass man lediglich wie ein:e Untermieterin oder ein Schulkind behandelt wird.

    Zwanzig Jahre später existiert unser Verein noch immer, die Struktur und der Zweck der p.m.k sind ebenfalls gleich geblieben. Trotzdem fühlt sich die p.m.k heute anders an als vor zehn oder zwanzig Jahren. Diese Transformation hat nicht nur mit personellen Veränderungen und räumlichen Adaptionen zu tun, sondern ergibt sich vor allem aus den Menschen, die in die Entscheidungsprozesse der vergangenen Jahre eingebunden wurden. Unsere jungen Mitgliedsvereine bringen andere Themen ein, die ihnen wichtig sind, als Vereine, die schon seit zwanzig Jahren tätig sind. Ich selbst habe ebenfalls andere Schwerpunkte und Impulse gesetzt als meine geschätzte Vorgängerin Ulrike Mair, die die p.m.k vor allem in den ersten Jahren mit viel juristischem und kulturpolitischem Know-how unterstützte. Aktuell teilen sich mein Kollege Chris Koubek und ich die Geschäftsführung und Büroarbeit, wobei wir anstreben, eine dritte Person ins Büroteam einzugliedern, die einen anderen Background mitbringt als wir selbst. Es liegt auf der Hand, dass divers besetzte Gruppen anders entscheiden und anders miteinander umgehen als eine homogenere Gruppe. Dazu sei gesagt: Der Anteil von BIPoC-Mitgliedern in der p.m.k ist aktuell immer noch sehr niedrig, die Anzahl von FLINTA-Personen bei Beiratssitzungen und bei Vorstandsmitgliedern hat sich in den letzten Jahren etwas erhöht, könnte und sollte jedoch selbstverständlich höher sein. Dieser Umstand gilt grundsätzlich für fast alle Kulturinitiativen, die ich in Tirol kenne.

    Auch aktuell, nach zwei Jahrzehnten, entwickelt sich die p.m.k weiter. Im Rahmen einer gemeinsamen Klausur wurde klar, dass sich der Großteil der Mitglieder Veränderungen im Bereich der Kommunikation wünscht. Das betrifft zum einen die Kommunikation mit den Besucher*innen (Social Media, Werbung, Website), sowie mit potentiellen Mitgliedern und nach innen, was mit der Erarbeitung eines gemeinsamen Selbstverständnisses einhergeht. Vieles, was über die Jahre informell gewachsen ist, soll endlich explizit festgehalten werden. Gleichzeitig muss und soll an gemeinsamen Strategien zum besseren Umgang mit Konflikten innerhalb des Vereins gearbeitet werden. All diese Aspekte sind wichtig, um eine Kulturinitiative langfristig und motiviert am Leben zu erhalten. Hier bin ich zuversichtlich, auch wenn es selbstverständlich Themen gibt, an denen wir sensibler arbeiten und die wir entschlossener angehen müssen.

    Grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass die p.m.k in Innsbruck langfristig ein spannender Ort bleibt, der Kulturvereine aktiv einbinden und inspirieren kann. Sollte das einmal nicht mehr der Fall sein, muss man sich anschauen, was schief läuft und entsprechend reagieren. Zentral bleibt, dass es nicht „die eine“ Person in der p.m.k gibt, die alles entscheidet und mit aller Gewalt ihr Ding durchdrücken will. Das wäre nie die Idee unseres Kulturzentrums gewesen. Ich hoffe jedenfalls ernsthaft, dass es nicht soweit kommen muss, dass „die Jungen“ mir einmal sagen müssen, dass ich ihnen die Möglichkeit verbaue, selbst aktiv zu werden oder den Zugriff auf kulturelle Ressourcen verstelle. Spätestens dann müsst ihr mich rausschmeißen, versprochen?! Ich freue mich aber, wenn ich die p.m.k noch ein Stückchen begleiten darf und wir gemeinsam als Brückenbauer*innen innerhalb und über die Szene hinaus aktiv sind.