Die Clubszene steht unter Druck. Vorwürfe sexualisierter Gewalt, strukturelles Fehlverhalten, politische Polarisierung und Boykottaufrufe treffen auf eine Öffentlichkeit, die schnelle Antworten verlangt. In sozialen Medien verdichten sich Konflikte in wenigen Stunden zu moralischen Erwartungshaltungen. Clubs, Festivals und Kollektive sehen sich gezwungen, Position zu beziehen – oft bevor Sachverhalte geklärt sind, bevor interne Prozesse greifen, bevor überhaupt definiert ist, wer entscheidet und auf welcher Grundlage.
Als Kulturarbeiter und Teil der Vienna Club Commission erlebe ich diese Situation nicht als Ausnahme, sondern als neue Normalität. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, ob Fehlverhalten sanktioniert werden muss – das steht außer Zweifel. Die entscheidende Frage ist, wie Entscheidungen zustande kommen, wie sie legitimiert werden und wie Vertrauen in einer polarisierten Öffentlichkeit gesichert werden kann. Genau hier liegt das strukturelle Defizit der Szene: Es mangelt nicht primär an Haltung, sondern an Verfahren.
Internationale Verdichtung: Techno-MeToo, Boykottdebatten, Social-Media-Dynamiken
Wer die Berichterstattung von Resident Advisor, Beiträge in Mixmag oder DJ Mag sowie Diskussionen in Reddit-Foren verfolgt, erkennt wiederkehrende Muster. Seit den Debatten rund um „Techno-MeToo“, in denen Machtmissbrauch und sexualisierte Übergriffe in der elektronischen Musikszene thematisiert wurden, ist die Sensibilität gestiegen. Parallel dazu verschärfen geopolitische Konflikte – etwa im Kontext von Israel/Palästina oder Russland/Ukraine – die Erwartung, dass Künstler:innen und Institutionen politische Position beziehen.
Institutionen wie Berghain oder Boiler Room standen wiederholt unter öffentlichem Druck, Line-ups zu ändern, Artists auszuladen oder Statements zu veröffentlichen. Die Dynamik folgt oft einem klaren Ablauf: Ein Vorwurf wird öffentlich, die Empörung verstärkt sich digital, die Institution reagiert – und jede Reaktion wird wiederum moralisch bewertet. In diesem Prozess verschiebt sich die Aufmerksamkeit schnell von der ursprünglichen Problematik auf die Frage, ob die Institution „richtig“ gehandelt hat.
Was in diesen Debatten auffällt, ist weniger ein Mangel an Sensibilität als vielmehr ein Mangel an strukturierten Entscheidungsprozessen. Transparente Verfahren, klar definierte Zuständigkeiten oder dokumentierte Kriterien sind selten sichtbar. Entscheidungen erscheinen dadurch situativ, mitunter willkürlich, selbst wenn sie aus ernsthafter Verantwortung heraus getroffen wurden.
Drei Perspektiven: Sicherheit, Überforderung, Legitimität
Aus Sicht der Clubgänger:innen – insbesondere von FLINTA*-Personen, queeren Communities oder migrantischen Szenen – sind Clubs nicht bloß Freizeitorte, sondern Schutzräume. Wenn Vorwürfe sexualisierter Gewalt oder Machtmissbrauch bekannt werden, entsteht unmittelbar die Vertrauensfrage: Ist dieser Ort sicher? Wird Verantwortung übernommen? Reagiert die Institution nachvollziehbar?
In Online-Diskussionen zeigt sich deutlich, dass pauschale PR-Statements ohne erkennbare Konsequenzen als unzureichend wahrgenommen werden. Gleichzeitig werden kurzfristige Absagen ohne transparente Begründung ebenfalls kritisch betrachtet. Das Bedürfnis richtet sich weniger auf symbolische Härte als auf Nachvollziehbarkeit. Vertrauen entsteht nicht allein durch moralische Positionierung, sondern durch erkennbare Strukturen.
Für Betreiber:innen stellt sich die Situation komplexer dar. Sie tragen arbeitsrechtliche Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden, haften unter Umständen zivilrechtlich, stehen unter wirtschaftlichem Druck und müssen zugleich die öffentliche Erwartungshaltung berücksichtigen. Kleinere Clubs verfügen in der Regel weder über Rechtsabteilungen noch über professionelle Krisenkommunikation. Awareness-Teams leisten wichtige Arbeit im unmittelbaren Veranstaltungsbetrieb, sind jedoch kein Ersatz für strukturierte Konfliktaufarbeitung oder juristisch belastbare Verfahren.
In dieser Konstellation entsteht eine institutionelle Überforderung: Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, oft auf Basis unvollständiger Informationen. Ohne klar definierte Prozesse wird jede Entscheidung angreifbar – und das wiederum verstärkt den Vertrauensverlust.
Aus demokratischer Perspektive schließlich geht es um Legitimität. Clubs sind Teil urbaner Öffentlichkeit. Sie fungieren als Orte kultureller Aushandlung, an denen gesellschaftliche Konflikte sichtbar werden. Wenn Entscheidungen als intransparent oder inkonsistent wahrgenommen werden, untergräbt das nicht nur das Vertrauen in einzelne Orte, sondern in die Szene als Ganzes.
Warum „Cancel vs. Nicht-Cancel“ analytisch unzureichend ist
Die verkürzte Gegenüberstellung von „Canceln“ oder „Nicht-Canceln“ reduziert komplexe Sachverhalte auf binäre Entscheidungen. Sie blendet strukturelle Machtasymmetrien ebenso aus wie rechtliche Rahmenbedingungen oder die Frage der Verfahrensgerechtigkeit. Ein sofortiger Ausschluss kann in bestimmten Fällen notwendig und richtig sein, insbesondere zum Schutz Betroffener. Doch ohne transparentes Verfahren bleibt selbst eine gerechtfertigte Entscheidung fragil, weil ihre Legitimation nicht nachvollziehbar ist.
Umgekehrt kann ein Festhalten an einer Zusammenarbeit unter bestimmten Bedingungen legitim sein, etwa wenn Vorwürfe geprüft werden oder wenn keine belastbaren Hinweise vorliegen. Ohne transparente Kommunikation wirkt eine solche Entscheidung jedoch schnell wie Gleichgültigkeit. Das Problem liegt daher nicht im Fehlen moralischer Sensibilität, sondern im Fehlen institutioneller Klarheit.
Gemeinsame Governance-Standards und Mediationsmodelle
Wenn die Clubszene dauerhaft Vertrauen sichern will, muss sie Governance professionalisieren. Das bedeutet nicht Bürokratisierung um ihrer selbst willen, sondern die Entwicklung gemeinsamer Mindeststandards. Dazu gehören klar definierte Beschwerdewege, dokumentierte Eskalationsstufen und transparente Entscheidungslogiken.
Externe Ombudsstellen könnten eine zentrale Rolle spielen, insbesondere für kleinere Kollektive, die interne Konflikte nicht allein bewältigen können. Unabhängige Beratung schafft Distanz und erhöht Legitimität. Ethik-Klauseln in Verträgen, die Erwartungen an Verhalten klar definieren, tragen zur Prävention bei.
Zudem sollten restorative Ansätze stärker berücksichtigt werden. Nicht jeder Konflikt lässt sich durch Ausschluss lösen. In bestimmten Fällen kann ein strukturiert moderierter Aufarbeitungsprozess – unter Einbeziehung Betroffener und unter Wahrung ihrer Rechte – nachhaltiger wirken als eine rein punitive Maßnahme. Entscheidend ist, dass solche Prozesse klar gerahmt und professionell begleitet werden.
Club als demokratisches Labor
Clubs sind mehr als Bühnen für Musik. Sie sind soziale Räume, in denen unterschiedliche Gruppen aufeinandertreffen, Normen verhandelt und Konflikte sichtbar werden. Wenn sie Governance professionalisieren, können sie zu demokratischen Laborräumen werden, in denen Konfliktbearbeitung exemplarisch erprobt wird.
Das bedeutet nicht, dass Clubs staatliche Institutionen ersetzen sollen. Es bedeutet vielmehr, dass sie ihre Rolle als Teil demokratischer Infrastruktur ernst nehmen. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Polarisierung zunimmt, können sie Räume schaffen, in denen Auseinandersetzungen nicht ausschließlich digital und eskalativ geführt werden, sondern in klar gerahmten, verantwortungsvoll moderierten Kontexten.
Ein solcher Anspruch erfordert institutionelle Rahmung: transparente Leitlinien, dokumentierte Entscheidungsprozesse, regelmäßige Evaluation und Austausch zwischen Clubs, Verbänden und Fördergebern. Governance wird damit nicht als Zwang, sondern als Voraussetzung kultureller Freiheit verstanden.
Struktur statt Symbolik
Die Alternative zu reflexhaftem „Canceln“ ist nicht Gleichgültigkeit. Sie ist strukturierte Verantwortung. Fehlverhalten muss ernst genommen und, wo notwendig, sanktioniert werden. Gleichzeitig müssen Entscheidungen nachvollziehbar, begründet und überprüfbar sein. Nur so entsteht langfristiges Vertrauen – bei Gästen, Mitarbeitenden und in der demokratischen Öffentlichkeit.
Die Clubszene befindet sich in einer Phase moralischer Verdichtung. Die Sensibilität für Machtmissbrauch und Diskriminierung ist gestiegen, die Erwartung an Institutionen ebenso. Diese Entwicklung ist Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts. Doch sie verlangt nach institutioneller Weiterentwicklung.
Wenn Clubs ihre Konfliktbearbeitung professionalisieren, stärken sie nicht nur ihre eigene Legitimität. Sie leisten einen Beitrag zur demokratischen Kultur insgesamt. Der Club wird dann nicht zum Schauplatz kurzfristiger Empörung, sondern zu einem Ort, an dem Verantwortung organisiert, Vertrauen aufgebaut und Konflikte bearbeitet werden können. Genau darin liegt seine Zukunft als demokratisches Labor.






