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  • Was Kulturarbeit nicht auslagern darf

    Über KI als Arbeitsmittel, den Druck zur Effizienz und die politischen Grenzen der Automatisierung.

    Ich nutze Sprachmodelle inzwischen regelmäßig in meiner Arbeit. Sie helfen mir, umfangreiche Informationen zu ordnen, Übersetzungen zu prüfen, Recherchespuren zu verfolgen oder eine Argumentation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Gerade in einer Arbeitsrealität, in der zwischen Veranstaltungsproduktion, Förderanträgen, Gremiensitzungen und politischer Kommunikation ständig unterschiedliche Anforderungen wechseln, kann das eine erhebliche Entlastung sein.

    Deshalb interessiert mich die allgemeine Frage, ob künstliche Intelligenz gut oder schlecht für uns ist, nur bedingt. Wichtiger erscheint mir, welche Teile unserer Arbeit wir guten Gewissens auslagern können – und was wir unter dem wachsenden Druck zur Automatisierung bewusst selbst verantworten müssen.

    Über diese Grenze zwischen Entlastung und Auslagerung habe ich auch für die aktuelle Ausgabe des UND Magazins gesprochen. Die Gesprächscollage „Den Menschen vor lauter Worten nicht mehr sehen“ versammelt unterschiedliche Perspektiven darauf, wie Sprachmodelle unser Schreiben, Entscheiden und Sprechen verändern. Ihr Titel beschreibt das Grundproblem ziemlich genau: Die Systeme produzieren Sprache, die vertraut, verständig und mitunter erstaunlich treffend wirkt. Gerade deshalb kann leicht aus dem Blick geraten, dass uns hier kein Gegenüber mit eigener Erfahrung, gesellschaftlicher Position oder Verantwortung antwortet.

    ## Entlastung ist nicht das Problem

    Viele Tätigkeiten in der Kulturarbeit sind notwendig, ohne ihren eigentlichen Sinn auszumachen. Ähnliche E-Mails müssen immer wieder formuliert, Informationen aus verschiedenen Dokumenten zusammengeführt, Protokolle geordnet und Texte für unterschiedliche Adressat:innen angepasst werden. Wenn Sprachmodelle dabei Zeit sparen, sehe ich wenig Grund, diese Entlastung aus einem diffusen Reinheitsgebot heraus abzulehnen.

    Hinzu kommt ein emanzipatorisches Potenzial, das man nicht kleinreden sollte. Übersetzungen werden leichter zugänglich, Recherchewege kürzer und komplexe Informationen können schneller erschlossen werden. Ich denke dabei auch an mein Studium zurück: Viele wissenschaftliche Texte und Quellen waren nicht deshalb schwer erreichbar, weil sie inhaltlich unverständlich waren, sondern weil sprachliche, technische oder institutionelle Barrieren den Zugang erschwerten. Wenn solche Hürden sinken, kann sich der Kreis jener erweitern, die an Wissen und Debatten teilhaben.

    Auch als kritisches Gegenüber können Sprachmodelle nützlich sein. Ich lasse mir nicht nur bestätigen, was an einem Gedanken plausibel klingt, sondern frage gezielt nach Leerstellen, Gegenargumenten und möglichen Übertreibungen. In einer Beziehung brauche ich keine Fans. Das gilt auch für die Arbeit mit einem technischen System.

    Die Grenze liegt dort, wo sprachliche Plausibilität mit Urteilskraft verwechselt wird. Ein Modell kann unterschiedliche Positionen darstellen, ohne selbst eine Position einnehmen zu müssen. Es kann einen Konflikt analysieren, ohne von seinen Folgen betroffen zu sein, und Empfehlungen formulieren, ohne für deren Konsequenzen einzustehen. Wer diese Systeme nutzt, kann sich bei der Vorbereitung einer Entscheidung unterstützen lassen. Die Verantwortung für die Entscheidung bleibt dennoch bei den Menschen und Institutionen, die sie treffen.

    ## Kulturarbeit besteht nicht nur aus ihren Ergebnissen

    Von außen betrachtet produziert Kulturarbeit Programme, Veranstaltungen, Förderanträge, Aussendungen und Abrechnungen. Ein beträchtlicher Teil davon lässt sich standardisieren und teilweise automatisieren. Ihr gesellschaftlicher Wert entsteht jedoch nicht allein in diesen sichtbaren Ergebnissen.

    Kulturarbeit bedeutet, Entscheidungen unter widersprüchlichen Bedingungen zu treffen. Sie muss künstlerische Interessen, politische Ansprüche, begrenzte Ressourcen, institutionelle Abhängigkeiten und die Bedürfnisse unterschiedlicher Öffentlichkeiten miteinander vermitteln. Sie entscheidet darüber, welche Stimmen Raum erhalten, welche Risiken eine Institution eingeht und wie mit Konflikten, Ausschlüssen und ungleichen Machtverhältnissen umgegangen wird.

    Eine programmatische Entscheidung kann deshalb nicht ausschließlich aus Reichweitenzahlen, bisherigen Erfolgen oder erwartbaren Publikumsinteressen abgeleitet werden. Gerade freie Kulturarbeit muss auch Positionen ermöglichen, für die es noch keine gesicherte Nachfrage gibt. Sie muss mitunter etwas vertreten, das institutionell unbequem, ökonomisch unvernünftig oder öffentlich schwer vermittelbar erscheint.

    Je stärker Entscheidungen automatisiert oder an datenbasierte Empfehlungen gebunden werden, desto größer ist die Gefahr, dass vor allem das bereits Sichtbare, Dokumentierte und Erfolgreiche reproduziert wird. Weniger erfasste Praktiken, lokale Besonderheiten oder erst entstehende Szenen hätten strukturell schlechtere Chancen. Aus einem Werkzeug zur Arbeitserleichterung könnte so ein Mechanismus kultureller Normierung werden.

    ## Wem kommt die gewonnene Zeit zugute?

    Kulturorganisationen arbeiten seit Jahren unter hohem Ressourcen- und Legitimationsdruck. Viele Aufgaben, die früher auf mehrere Stellen verteilt waren, konzentrieren sich heute bei wenigen Personen. Neben Programm und Produktion treten Kommunikation, Fördermanagement, Dokumentation, Awareness, Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit, Datenschutz und politische Interessenvertretung. Fast alle diese Anforderungen sind für sich genommen begründbar. In ihrer Summe führen sie jedoch häufig zu einer strukturellen Überlastung, die durch persönliches Engagement und unbezahlte Mehrarbeit aufgefangen wird.

    Unter diesen Bedingungen liegt es nahe, KI vor allem als Produktivitätswerkzeug zu betrachten. Kulturpolitisch problematisch wird es, wenn die gewonnene Zeit nicht zu besseren Arbeitsbedingungen, sorgfältigeren Entscheidungen oder tatsächlicher Entlastung führt, sondern lediglich die Erwartung erhöht, mit denselben Ressourcen noch mehr zu leisten. Dann löst Automatisierung den Ressourcenmangel nicht. Sie macht ihn weniger sichtbar.

    Wenn Kommunikation schneller produziert werden kann, sollen plötzlich mehr Kanäle bespielt werden. Wenn Anträge leichter formuliert werden können, wächst ihr erwarteter Umfang. Wenn Konzepte schneller entstehen, steigt die Zahl der Projekte. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, was Kulturorganisationen mithilfe von KI zusätzlich leisten können, sondern wem die dadurch gewonnene Zeit zugutekommt. Reduziert sie Überstunden und prekäre Arbeitsverhältnisse? Schafft sie Raum für Recherche, Beziehungen und programmatische Entwicklung? Oder dient sie dazu, weitere Aufgaben auf dieselben Personen zu übertragen?

    Diese Frage richtet sich nicht nur an Kulturorganisationen. Auch Förderstellen und politische Entscheidungsträger:innen dürfen mögliche Produktivitätsgewinne nicht stillschweigend als Begründung dafür verwenden, Budgets oder Personalressourcen weiter zu verknappen. Wer davon ausgeht, dass Kulturarbeit durch Automatisierung grundsätzlich billiger wird, verwechselt die schnellere Herstellung einzelner Arbeitsergebnisse mit dem gesellschaftlichen Wert der Arbeit selbst.

    ## Auch die Infrastruktur wird ausgelagert

    Mit der Nutzung von Sprachmodellen lagern Kulturorganisationen nicht nur einzelne Tätigkeiten aus. Sie binden Teile ihrer Wissens- und Kommunikationsarbeit an private Technologiekonzerne, deren Systeme, Geschäftsbedingungen und Kosten sie kaum beeinflussen können.

    Damit stellen sich sehr konkrete institutionelle Fragen: Welche internen oder personenbezogenen Daten dürfen in solche Systeme eingegeben werden? Wie nachvollziehbar sind die Ergebnisse? Was geschieht mit Arbeitsabläufen, wenn ein Anbieter seine Preise, Zugangsbedingungen oder Funktionen verändert? Und wie lässt sich institutionelles Wissen erhalten, wenn wesentliche Teile seiner Verarbeitung über externe Plattformen laufen?

    Gerade kleinere Organisationen verfügen selten über die Ressourcen, eigene technische Infrastrukturen aufzubauen oder jedes System umfassend zu prüfen. Umso problematischer wäre es, diese Verantwortung vollständig an einzelne Mitarbeiter:innen und deren private Nutzungspraxis zu delegieren. Der Einsatz von KI ist daher nicht nur eine Frage individueller Medienkompetenz, sondern auch eine Frage institutioneller Regeln, gemeinsamer Standards und öffentlicher Infrastruktur.

    Kulturorganisationen sollten zumindest festlegen, welche Daten sie externen Systemen anvertrauen, bei welchen Entscheidungen menschliche Verantwortlichkeit verbindlich bleibt und wie Ergebnisse überprüft werden. Ebenso wichtig ist eine bewusste Entscheidung darüber, wofür die gewonnene Arbeitszeit verwendet wird. Ohne eine solche Verständigung droht aus punktueller Entlastung schleichend eine neue Abhängigkeit zu werden.

    ## Verantwortung braucht eine Adresse

    Auslagern lassen sich Entwürfe, Ordnungsarbeit und wiederkehrende Abläufe. Nicht auslagern lassen sich Fürsorge, politische Positionierung und die Verantwortung für deren Folgen.

    Ein Sprachmodell kann Argumente für eine Entscheidung sammeln, aber nicht verantworten, wer durch sie ausgeschlossen wird. Es kann einen Konflikt beschreiben, aber weder Vertrauen wiederherstellen noch die Konsequenzen einer Eskalation tragen. Es kann eine Stellungnahme formulieren, aber nicht entscheiden, welches Risiko eine Organisation damit eingeht und ob sie bereit ist, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

    Kulturarbeit entsteht nicht nur am Schreibtisch, sondern in Gesprächen, Auseinandersetzungen und oft langwierigen Verständigungsprozessen. Auch Kulturorte sind dabei keineswegs automatisch menschlichere oder demokratischere Gegenwelten zu digitalen Systemen. Sie können hierarchisch, ausschließend und unzugänglich sein. Ihr demokratisches Potenzial entsteht erst dadurch, wie sie Begegnung organisieren, Widerspruch zulassen und Verantwortung verteilen.

    Die sinnvolle Grenze verläuft deshalb nicht pauschal zwischen menschlicher und maschineller Arbeit, sondern zwischen Unterstützung und Verantwortungsverschiebung. Automatisieren sollten wir dort, wo Menschen von repetitiver Arbeit entlastet und Zugänge zu Wissen geöffnet werden. Bewahren müssen wir jene Tätigkeiten, in denen gesellschaftliche Maßstäbe ausgehandelt, Beziehungen gestaltet und Konsequenzen getragen werden.

    Für die Kulturpolitik folgt daraus ein klarer Auftrag: Sie muss nicht nur den Zugang zu neuen Werkzeugen fördern, sondern auch gute Arbeitsbedingungen, Datenschutz, unabhängige Infrastruktur und verbindliche menschliche Verantwortlichkeit absichern. Technischer Fortschritt darf nicht zur nächsten Begründung dafür werden, strukturelle Unterfinanzierung zu normalisieren.

    Denn Kulturarbeit besteht nicht nur darin, Inhalte zu produzieren. Sie entscheidet darüber, was öffentlich werden kann, wer daran beteiligt ist und welche Formen des Zusammenlebens wir für möglich halten. Genau diese Entscheidung darf sie nicht auslagern.

    Ausgangspunkt dieses Textes war meine Beteiligung an der Gesprächscollage „Den Menschen vor lauter Worten nicht mehr sehen – Gespräche im Spiegellabyrinth von Big Tech“ in der Ausgabe 20 des UND Magazins. Darin kommen unterschiedliche Perspektiven auf Sprachmodelle, Big Tech und die Veränderung menschlicher Kommunikation zu Wort.