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  • Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was mit Clubs, Bars und anderen Nachtorten geschieht, ist politisch aufschlussreicher, als es auf den ersten Blick wirkt. An ihnen lässt sich ablesen, wie ein Staat mit Räumen umgeht, die nicht vollständig planbar, nicht vollständig kontrollierbar und gerade deshalb öffentlich relevant sind.

    Wer Nachtorte nur als Freizeitangebote betrachtet, verkennt ihre gesellschaftliche Funktion. Clubs sind nicht bloß Orte des Konsums. Sie sind Räume, in denen Menschen zusammenkommen, ohne dass jede Begegnung bereits institutionell gerahmt, ökonomisch verwertet oder politisch vorstrukturiert ist. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Und genau darin liegt auch ihre politische Verletzlichkeit.

    Ungarn und Russland sollten in diesem Zusammenhang nicht gleichgesetzt werden. Russland steht für offene autoritäre Repression. Ungarn bewegt sich im Kontext eines illiberalen EU-Mitgliedstaats, in dem demokratische Verfahren formal bestehen, Freiheitsrechte, Zivilgesellschaft und unabhängige Öffentlichkeiten jedoch zunehmend unter Druck geraten. Gerade diese Differenz macht den Vergleich politisch interessant. Es geht nicht darum, Unterschiede einzuebnen, sondern darum, eine gemeinsame Frage sichtbar zu machen: Was geschieht mit Räumen, die sich staatlicher, moralischer oder administrativer Kontrolle nicht vollständig fügen?

    In Budapest zeigt sich derzeit, wie repressiv gewendete Ordnungspolitik auf Nachtorte zugreift. Clubs wie Turbina und Arzenál wurden im Frühjahr 2026 im Zuge einer verschärften Anti-Drogen-Politik vorübergehend geschlossen. Turbina erklärte öffentlich, dass weder Drogen im Venue gefunden noch Festnahmen vorgenommen worden seien. Der konkrete Fall ist deshalb über sich selbst hinaus relevant. Er verweist auf eine politische Verschiebung, in der Verdacht, Überwachung und kollektive Verantwortungszuschreibung an Gewicht gewinnen. Nachtorte geraten damit nicht erst dann unter Druck, wenn ihnen konkrete Verstöße nachgewiesen werden, sondern bereits dann, wenn sie als kontrollierbares Risiko markiert werden.

    Der politische Kontext in Ungarn verschärft diese Entwicklung zusätzlich. Das Land befindet sich im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 12. April 2026 und Orbáns Partei „Fidesz“ steht unter Druck. Bereits 2025 hatte die Regierung ein Gesetz zum Verbot der Pride-Parade durchgesetzt. Auch hier zeigt sich ein bekanntes Muster: Wenn Regierungen Freiheitsräume zurückdrängen, treffen die Eingriffe oft zuerst jene Öffentlichkeiten, die als moralisch abweichend, kulturell unangepasst oder politisch unberechenbar gelten.

    Russland markiert eine wesentlich härtere Stufe. Dort geht es nicht mehr primär um administrativen Druck oder ordnungspolitische Verdichtung, sondern um offene Kriminalisierung. Das Oberste Gericht erklärte 2023 das sogenannte „internationale LGBT movement“ für extremistisch. Seit 2024 dient diese Entscheidung als Grundlage für willkürliche Strafverfolgung. Vor wenigen Tagen, im März 2026, wurde die Clubbetreiberin Tatiana Zorina in Chita zu vier Jahren Strafkolonie verurteilt, weil ihr Venue als Ort angeblich extremistischer Tätigkeit behandelt wurde. Hier wird Nachtleben nicht mehr nur reguliert. Es wird kriminalisiert, eingeschüchtert und mit Freiheitsentzug sanktioniert.

    Zwischen den Geschehnissen in Budapest und Russland liegt also ein erheblicher Unterschied – aber gerade deshalb lohnt es sich, beide Fälle nebeneinander zu betrachten. Nicht weil sie identisch wären, sondern weil sie unterschiedliche Stufen derselben politischen Grundproblematik sichtbar machen: den Zugriff auf Öffentlichkeiten, die sich nicht vollständig normieren lassen.

    Clubs, Bars und Nachtorte sind in diesem Sinn mehr als Szeneflächen oder Ausgehlokale – sie sind soziale Infrastrukturen. In ihnen entstehen Zugehörigkeit, informelle Netzwerke, ästhetische Praxis und Formen von Öffentlichkeit, die nicht vollständig institutionalisierbar sind. Menschen treffen dort nicht nur Konsumentscheidungen. Sie erleben Differenz, Selbstorganisation, Begegnung und nicht selten auch Schutzräume jenseits normierter Tagesordnungen. Solche Räume sind gesellschaftlich relevant, gerade weil sie nicht vollständig vorformatiert sind.

    Wer auf sie vor allem mit Verdacht zugreift, signalisiert deshalb mehr als Ordnungspolitik – er signalisiert ein politisches Misstrauen gegenüber Öffentlichkeiten, die nicht im Voraus definiert sind. Repression gegen Nachtleben ist daher oft nicht bloß ein Randthema der Kultur. Sie ist Teil einer umfassenderen Verengung von Öffentlichkeit.

    In Russland erscheint diese Verengung in offen autoritärer Form. In Ungarn zeigt sie sich in anderer, formal demokratischer, aber politisch anschlussfähiger Gestalt: über moralische Rahmungen, über Drogenpolitik, über Eingriffe in Versammlungsfreiheit und LGBTQA*-Rechte, über den schleichenden Druck auf unabhängige Milieus und zivilgesellschaftliche Räume. Die Instrumente unterscheiden sich, doch der politische Reflex ist erkennbar: Öffentlichkeiten, die sich nicht leicht disziplinieren lassen, werden als Problem behandelt.

    Der deutschsprachige Raum sollte das nicht als fernes Spezialthema betrachten. Die Mechanismen verlaufen hier anders – meist treten sie nicht als offene Repression auf, sondern als Verdrängung, Mietdruck, immobiliengetriebene Stadtentwicklung, ordnungspolitische Verkürzung oder mangelnde strategische Absicherung. Aber auch das hat politische Folgen. Szenen und Orte, die strukturell geschwächt sind, werden angreifbarer. Wo Nachtorte nur als Störung, als Risiko oder als ökonomische Verwertungsmasse behandelt werden, fehlt die institutionelle Stärke, die sie in Krisenzeiten schützen könnte.

    Genau hier wird Night Governance relevant. Nicht als modischer Begriff, sondern als Hinweis auf ein reales politisches Defizit. Die Nacht ist kein bloßer Anhang des Tages und auch kein Ausnahmezustand urbanen Lebens. Sie ist ein eigenständiges Feld von Stadtpolitik, Kulturpolitik und öffentlicher Koordination. Wer sie nur kontrollieren will, hat sie bereits falsch verstanden.

    Der entscheidende Punkt ist dabei weniger ein bestimmtes Modell als die Einsicht, die hinter dem Begriff steht: Die Nacht muss gestaltet werden, nicht bloß verwaltet oder sanktioniert. Es geht um Verfahren, Zuständigkeiten, Schutzinteressen, Nutzungskonflikte, kulturelle Teilhabe und die Frage, wie Städte mit jenen Räumen umgehen, in denen Offenheit praktisch wird.

    Wer Kulturpolitik, Stadtpolitik und Demokratiepolitik ernst nimmt, muss Nachtorte deshalb als Teil urbaner Öffentlichkeit begreifen: Nicht romantisch, nicht unkritisch, aber institutionell klar.

    Denn die Frage ist nicht nur, ob eine Stadt Nachtleben zulässt. Die eigentliche Frage ist, ob sie Räume schützt, in denen gesellschaftliche Offenheit überhaupt praktisch werden kann.

    Wo die Nacht politisch nur noch als Risiko erscheint, ist meist längst mehr in Gefahr als das Nachtleben.

  • Der Kubus und das strukturelle Versagen der Kulturraumpolitik

    Der Fall Kubus steht nicht einfach für den Verlust eines weiteren Kulturortes. Er legt eine grundsätzliche kulturpolitische Schwäche der Stadt Innsbruck offen: Kulturraumentwicklung wird bis heute nicht strukturell geplant, sondern situativ, intransparent und meist erst dann bearbeitet, wenn öffentlicher Druck entsteht.

    Dass der Glaskubus am Vorplatz des Tiroler Landestheaters künftig einer rein gastronomischen Nutzung zugeführt wird, ist deshalb nicht nur ernüchternd. Es ist vor allem bezeichnend. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob an diesem Ort auch Gastro denkbar wäre. Die entscheidende Frage lautet, warum ein funktionierender Kulturort in Innsbruck politisch so prekär bleibt, obwohl seit Jahren über Kulturraumpolitik gesprochen wird.

    Reich für die Insel war im Kubus keine beliebige Zwischennutzung. Die Initiative war eine schlüssige inhaltliche Ergänzung zu einem Umfeld, das stark von großen, institutionellen und finanziell wie kulturell höherschwelligen Formaten geprägt ist. Zwischen Landestheater, Haus der Musik, Hofburg und Congress schuf Reich für die Insel einen Ort, der niederschwelliger, offener und beweglicher funktioniert hat. Genau darin lag sein Wert: nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Institutionen, sondern als Ergänzung zu ihnen.

    Solche Orte sind kulturpolitisch relevant, weil sie Lücken schließen, die große Häuser strukturell nicht schließen können. Sie bieten Raum für kleinere Formate, für Szenen, für Übergänge zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Alltag, für spontane Kooperationen, für lokale Akteur:innen und für jene kulturellen Praxen, die in institutionell durchgeplanten Häusern oft keinen selbstverständlichen Platz finden. Wer Kulturraumentwicklung ernst meint, müsste genau solche Orte nicht als behelfsmäßige Zwischennutzung behandeln, sondern als Teil einer bewussten städtischen Infrastruktur.

    Hinzu kommt, dass Reich für die Insel nicht nur programmatisch wichtig war, sondern auch infrastrukturell. Die Anbindung an relevante Festivals und Akteur:innen der Stadt war gegeben, gleichzeitig wurden eigene Formate entwickelt und umgesetzt. Auch für das von uns entwickelte Festival Alles Gute war diese Zusammenarbeit zentral. Reich für die Insel hat sich nicht nur inhaltlich eingebracht, sondern der Kubus war auch als Produktions-, Backstage- und Lagerräumlichkeit wesentlich. Gerade daran zeigt sich, wie verkürzt der Blick auf Kulturorte oft ist: Es geht nicht nur um Sichtbarkeit und Programm, sondern auch um die oft unsichtbare Infrastruktur, ohne die kulturelle Produktion in Städten gar nicht funktioniert.

    Genau deshalb reicht es nicht, diese Entscheidung als bedauerlichen Einzelfall abzuhaken. Sie verweist auf ein tiefer liegendes Problem: In Innsbruck wird bis heute nicht überzeugend beantwortet, nach welchen langfristigen Zielen Kulturorte gesichert, entwickelt oder ersetzt werden sollen. Statt eines nachvollziehbaren kulturpolitischen Gesamtbildes entsteht immer wieder der Eindruck, dass auf einzelne Situationen isoliert reagiert wird. Mal wird öffentlicher Druck abgefangen, mal ein Konflikt verwaltet, mal eine Ausschreibung nachgereicht, mal auf spätere Lösungen verwiesen. Was fehlt, ist eine erkennbare Linie.

    Das ist umso bemerkenswerter, als die Debatte über Kulturräume in Innsbruck keineswegs neu ist. Seit Jahren ist bekannt, dass es an leistbaren, flexibel nutzbaren und nicht-kommerziell verengten Räumen fehlt. Ebenso lange ist bekannt, dass funktionierende Initiativen für die Stadt einen realen Mehrwert erzeugen: kulturell, sozial, atmosphärisch und nicht zuletzt auch für jene Form von Urbanität, mit der Innsbruck sich gerne schmückt. Trotzdem bleiben diese Orte politisch prekär. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Kulturpolitik, die Räume noch immer zu selten als dauerhafte Infrastruktur begreift.

    Gerade der Standort rund um den Vorplatz des Tiroler Landestheaters zeigt das besonders deutlich. Seit Jahren stockt dort nicht nur die räumliche und städtebauliche Entwicklung, auch inhaltlich fehlt eine erkennbare, konsistente Vorstellung davon, was dieser Ort für die Stadt eigentlich sein soll. Der Platz verharrt in einem Zustand des Ungefähren, halb repräsentativ, halb Transitraum, halb Aufenthaltsfläche, ohne klare städtische Idee. Umso wichtiger wäre es gewesen, Nutzung nicht nur verwaltungstechnisch, sondern stadt- und kulturpolitisch zu denken. Ein Ort wie der Kubus hätte Teil einer ernst gemeinten Gesamtstrategie für diesen Raum sein können.

    Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob Reich für die Insel den Kubus “verdient” hat. Die eigentliche Frage ist, warum funktionierende Kulturorte in Innsbruck selbst dann keinen stabilen politischen Status haben, wenn sie längst bewiesen haben, dass sie für den Standort, für Szenen und für konkrete Produktionen relevant sind. Wenn solche Orte jederzeit wieder zur Verfügungsmasse werden, dann fehlt es nicht an engagierten Akteur:innen, sondern an politischer Verlässlichkeit.

    Großen Respekt an Severin, Hannah, Xi und das gesamte Team für das, was ihr dort in den letzten Jahren aufgebaut und getragen habt. Ihr habt gezeigt, was ein solcher Ort leisten kann, wenn man ihn nicht bloß verwaltet, sondern mit Haltung, Energie und inhaltlichem Gespür betreibt. Dass das an diesem Standort künftig fehlen wird, ist nicht nur ein Verlust für euch, sondern ein Verlust für die Stadt.

    Und genau darin liegt die kulturpolitische Pointe dieses Falls: Innsbruck reagiert in Fragen von Kulturraum noch immer zu oft zergliedert, situationsbezogen und unter Druck, statt vorausschauend, transparent und strukturell. Solange sich daran nichts ändert, wird man weiter über einzelne verlorene Orte diskutieren, ohne das zugrunde liegende Problem zu lösen.

  • Freiheit im Club ist kein Selbstläufer

    Freiheit im Club ist kein Selbstläufer

    Die aktuellen internationalen Debatten über sexualisierte Gewalt in Teilen der elektronischen Musikszene treffen auch in Wien auf einen sensiblen Hintergrund. Spätestens seit #TechnoMeToo im Jahr 2023 ist sichtbar geworden, dass Übergriffe, Grenzverletzungen und Machtmissbrauch auch in lokalen Clubkontexten stattfinden – und dass viele Betroffene lange keinen sicheren Rahmen hatten, um darüber zu sprechen.

    Clubkultur versteht sich oft als Raum von Freiheit, Selbstbestimmung und gegenseitigem Respekt. Gerade deshalb müssen wir auch bereit sein, hinzusehen, wenn diese Werte verletzt werden. Eine Szene, die sich als progressiv versteht, muss auch den Mut haben, ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen.

    Übergriffe entstehen selten im luftleeren Raum. Sie passieren dort, wo Macht ungleich verteilt ist: in informellen Netzwerken, bei Abhängigkeiten rund um Bookings und Tourstrukturen, in Backstage-Situationen ohne klare Regeln oder in Szenekontexten, in denen Loyalität wichtiger erscheint als Verantwortung. Wenn solche Strukturen nicht reflektiert werden, entsteht ein Klima, in dem Grenzverletzungen leichter passieren – und Betroffene oft alleine bleiben.

    Eine sichere Clubkultur entsteht deshalb nicht durch einzelne Statements, sondern durch gemeinsames Handeln. Verantwortung tragen alle, die Teil dieser Szene sind: Clubs, Veranstalter:innen, Artists, Agenturen, Crew und Publikum.

    Das bedeutet konkret: klare Hausregeln und Codes of Conduct, funktionierende Awareness-Strukturen, sichere Wege für Meldungen und Unterstützung sowie Teams, die geschult sind, in schwierigen Situationen einzugreifen.

    In Wien arbeiten u.a. Strukturen wie die Vienna Club Commission daran, Wissen, Tools und Austauschformate bereitzustellen – etwa über die Workshopreihe „Safer Feiern“. Ziel dieser Arbeit ist es, gemeinsam mit der Szene Standards zu stärken, die Clubs zu Orten machen, an denen Freiheit nicht nur behauptet, sondern aktiv geschützt wird.

    Gerade rund um den Feministischen Kampftag erinnert uns die Debatte daran, dass Sicherheit, Respekt und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit sind – auch nicht im Nachtleben. Eine lebendige Clubkultur lebt davon, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, Grenzen respektieren und nicht wegschauen.

    Wenn du akut Unterstützung brauchst (Österreich): Frauenhelpline 0800 222 555 · Gewaltschutzzentren 0800 700 217 · LEFÖ-IBF +43 1 796 92 98 · Männernotruf 0800 246 247

  • Kultur unter Druck – und warum wir in Österreich strukturell mutig sein dürfen

    Was derzeit europaweit im Verhältnis zwischen Kultur und Politik zu beobachten ist, ist keine lose Abfolge einzelner Skandale, sondern ein strukturelles Muster. Kulturinstitutionen geraten unter Druck, nicht primär über offene Verbote, sondern über Budgetlogiken, Personalentscheidungen, Förderkriterien und diskursive Delegitimierung. Wer die Entwicklungen in Ungarn oder Polen mitverfolgt, erkennt schnell: Der entscheidende Hebel ist nicht die spektakuläre Zensurmaßnahme, sondern die schrittweise Verschiebung institutioneller Autonomie.

    Österreich befindet sich (noch) nicht in einer vergleichbaren Situation, aber die Mechanismen, die anderswo wirksam wurden, sind auch hier erkennbar. Politisch engagierte Kunst wird als „Agitation“ geframt, kulturelle Programme als „Steuergeldverschwendung“ skandalisiert, Institutionen sehen sich mit Neutralitätsforderungen konfrontiert, die bei genauer Betrachtung weniger auf Transparenz als auf Inhaltsdisziplinierung abzielen. Gleichzeitig stehen Kulturbudgets unter einem generellen Sparvorbehalt, der in der Praxis selten neutral wirkt. Besonders vulnerabel sind jene Bereiche, die experimentell, divers oder gesellschaftskritisch arbeiten. Genau dort, wo demokratische Auseinandersetzung stattfindet, entsteht Rechtfertigungsdruck.

    Das sind keine spektakulären Angriffe, sondern Verschiebungen. Und sie entfalten ihre Wirkung nicht über das Verbot, sondern über den sogenannten Chilling Effect. Institutionen beginnen, Risiken zu vermeiden. Programme werden vorsichtiger formuliert. Konflikte werden entschärft, bevor sie entstehen. Demokratische Öffentlichkeit verengt sich nicht abrupt, sondern graduell.

    Die internationalen Beispiele zeigen, wie entscheidend institutionelle Architektur ist. In Ungarn wurde über Gesetzesänderungen und Mitspracherechte bei Leitungsbestellungen schrittweise Kontrolle aufgebaut. In Polen wurden Personalentscheidungen und Förderlogiken politisch neu ausgerichtet. Entscheidend war dabei weniger der einzelne Skandal als die strukturelle Verankerung von Abhängigkeiten. Sobald Gremien umgebaut, Förderkriterien umcodiert und Leitungspositionen systematisch politisiert sind, reicht ein Regierungswechsel nicht mehr aus, um Autonomie wiederherzustellen: Die Architektur bleibt.

    Genau an diesem Punkt unterscheidet sich die österreichische Situation: Unsere föderale Struktur erschwert zentrale Durchsteuerung, Kulturkompetenzen sind verteilt, Entscheidungszentren plural. Hinzu kommt eine vergleichsweise starke freie Szene, vernetzte Interessensvertretungen und eine Öffentlichkeit, die sensibel auf Eingriffe in die Kunstfreiheit reagiert. Diese Faktoren sind keine Garantie, aber sie sind reale Resilienzressourcen.

    Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob es Angriffe gibt. Die Frage lautet, wie robust unsere institutionellen Strukturen sind, wenn sie unter Druck geraten. Und hier zeigt die europäische Analyse klar: Moralische Empörung ist kein wirksames Schutzinstrument – strukturelle Klarheit allerdings schon.

    Dort, wo Förderentscheidungen transparent dokumentiert werden, wo Jurys unabhängig besetzt sind, wo Conflict-of-Interest-Regeln greifen und Leitungsbestellungen objektiviert erfolgen, verlieren Angriffe an Durchschlagskraft. Je sauberer Governance organisiert ist, desto geringer ist die politische Angriffsfläche. Wer nachvollziehbar entscheidet, schützt Autonomie nicht nur symbolisch, sondern administrativ.

    Ebenso entscheidend ist institutionelle Redundanz. Autonomie darf nicht an Einzelpersonen hängen. Resiliente Kultursysteme verfügen über mehrere Finanzierungssäulen, über Kooperationen zwischen Institutionen, über Allianzen mit Bildungs- und Sozialbereichen sowie mit Wissenschaft und urbaner Entwicklung. Je stärker Kultur als Querschnittsstruktur verankert ist, desto schwieriger ist ihre politische Isolierung.

    Ein weiterer Hebel liegt in der begrifflichen Rahmung. Solange Kultur als freiwillige Leistung oder als Standortfaktor argumentiert wird, bleibt sie verwundbar. Wirksamer ist eine klare Positionierung: Kultur ist demokratische Infrastruktur. Sie ist der Ort, an dem Widerspruch, Mehrdeutigkeit und Konfliktfähigkeit gesellschaftlich eingeübt werden. Wer Kultur in dieser Funktion versteht, verschiebt die Debatte weg vom Geschmacksurteil hin zur Frage demokratischer Funktionsfähigkeit.

    Schließlich braucht es professionelle Reaktionsfähigkeit. Shitstorms und Kampagnen sind kalkuliert. Institutionen, die über klare Kommunikationsstrategien, juristische Beratung und definierte Eskalationsstufen verfügen, reagieren souverän statt defensiv. Souveränität wiederum reduziert die Abschreckungswirkung politischer Angriffe.

    Warum dürfen wir also mutig sein? Nicht, weil die Lage harmlos wäre. Sondern weil Mut keine Gefühlslage ist – er ist eine Funktion von Struktur. Österreich verfügt bislang über keine systematische institutionelle Umcodierung seiner Kulturarchitektur: Zivilgesellschaftliche Reaktionsfähigkeit ist vorhanden, Europäische Netzwerke erzeugen Sichtbarkeit und Schutz. Und nicht zuletzt zeigt die internationale Erfahrung, dass autoritäre Kulturpolitik langfristig Innovationskraft und internationale Reputation schwächt – mit realen ökonomischen Folgen.

    Die eigentliche Bewährungsprobe liegt deshalb nicht im nächsten medialen Konflikt, sondern in der Frage, wie konsequent wir Governance stärken, Allianzen ausbauen und die demokratische Funktion von Kultur artikulieren. Wenn diese Grundlagen klar sind, entsteht keine defensive Haltung, sondern institutionelle Souveränität.

  • Bei einem Monopol ist Nachvollziehbarkeit keine Servicefrage, sondern demokratische Mindestbedingung.

    In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über Streitfälle rund um die AKM – also jene Organisation, die Musiknutzung einsammelt und die Einnahmen an Urheber:innen verteilt. DJs melden ihre Playlists, Veranstalter reichen ihre Veranstaltungsdaten ein – und dennoch bleibt für viele Beteiligte unklar, wie genau abgerechnet und ausgeschüttet wird. Das ist mehr als eine Detailfrage. Es berührt die Governance eines monopolistisch organisierten Systems.

    Was passiert konkret?

    Zwei Konfliktlinien sind sichtbar.

    Erstens: die Ausschüttung im DJ-Bereich. Wie Der Standard (16.02.2026) berichtet, werden DJ-Sets häufig nicht titelgenau abgerechnet. Stattdessen basiert die Verteilung auf Stichproben eines Meinungsforschungsinstituts – es wird also nicht alles gemessen; ein Ausschnitt entscheidet darüber, welche Werke berücksichtigt werden. Gleichzeitig investiert die AKM in ein KI-Startup, ohne konkrete Angaben zu Kosten oder Zeitplan zu machen.

    Zweitens: die Rechnungslegung gegenüber Veranstalter:innen. Laut Der Standard (24.11.2025) sind Rechnungen vielfach nicht prüfbar. Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte scheinen nicht auf. Ein von der Aufsichtsbehörde eingeleitetes Vermittlungsverfahren (§64 VerwGesG) wurde von der AKM abgelehnt.

    Die KUPF OÖ dokumentiert in einem Blogbeitrag vom 24.11.2025 darüber hinaus operative Folgen der Zentralisierung: Entpersonalisierung, erhöhte Fehlerquote bei automatisierter Rechnungserstellung und Rechnungskorrekturen ohne nachvollziehbare Erläuterung. Die zentrale Forderung: Berechnungsmethode, Kriterien und Rabatt transparent ausweisen.

    Warum das strukturell ist

    Die AKM verwaltet ein gesetzlich eingeräumtes Monopol. Wer Musik öffentlich nutzt, muss darüber lizenzieren. Es gibt faktisch keine Alternative. In solchen Strukturen entsteht ein asymmetrisches Machtverhältnis: Nutzer:innen können nicht ausweichen, sie sind auf die Fairness und Nachvollziehbarkeit des Systems angewiesen.

    Transparenz ist hier keine Servicequalität. Sie ist Voraussetzung demokratischer Legitimation. Wenn Rechnungen nicht überprüfbar sind oder Ausschüttungslogiken nicht nachvollziehbar erscheinen, verschiebt sich das Problem von der operativen Ebene auf die Ebene institutioneller Glaubwürdigkeit.

    Kulturpolitische Relevanz

    Für Politik und Verwaltung ist das keine Randfrage. Veranstalter:innen – insbesondere in der freien Szene – arbeiten mit engen Budgets und Förderlogiken, die Planbarkeit voraussetzen. Wenn Abrechnungen monatelang offenbleiben oder methodisch nicht nachvollziehbar sind, wirkt sich das unmittelbar auf Budgetierung, Liquidität und Risikobewertung aus.

    Ebenso stellt sich die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit: Wenn im DJ-Bereich nicht titelgenau erfasst wird, sondern mit Stichproben gearbeitet wird, können strukturelle Verzerrungen entstehen. Das betrifft nicht nur einzelne Akteur:innen, sondern die Breite und Vielfalt musikalischer Produktion.

    Was jetzt sachlich notwendig wäre

    Aus den dokumentierten Konflikten lassen sich drei Mindeststandards ableiten:
    1. Rechnungen müssen Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte transparent ausweisen.
    2. Umstrukturierungen dürfen nicht zu einem Verlust an Zuständigkeit und Reaktionsfähigkeit führen; nachvollziehbare Service- und Bearbeitungsstandards sind erforderlich.
    3. Für die digitale Erfassung und Ausschüttung – insbesondere im DJ-Bereich – braucht es einen transparenten Zeitplan und Klarheit über Implementierungsschritte.

    Diese Punkte stellen das Prinzip kollektiver Rechtewahrnehmung nicht infrage. Im Gegenteil: Sie stärken es.

    Verwertungsgesellschaften sind zentrale Infrastruktur für Kunst und Kultur. Gerade deshalb müssen sie in ihrer Funktionsweise nachvollziehbar sein. In monopolistischen Strukturen ist Transparenz keine optionale Serviceleistung – sie ist demokratische Mindestbedingung.

    Quellen:
    https://kupf.at/blog/fehlende-transparenz-warum-wir-ein-verfahren-gegen-die-akm-anstrengen/
    https://www.derstandard.at/story/3000000297708/117-millionen-zu-verteilen-musiker-fordern-transparenz-bei-akm-abrechnungen
    https://www.derstandard.at/story/3000000308792/wachsender-missmut-bei-musikern-ueber-tantiemen-berechnung-der-akm

  • Kulturräume als demokratische Infrastruktur: Warum „Reich für die Insel“ erhalten werden muss

    Im Zukunftsvertrag 2024–2030 bekennt sich die Innsbrucker Stadtregierung ausdrücklich zu Transparenz, nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen, verantwortungsvollem Umgang mit öffentlichen Mitteln und echter Bürger:innenbeteiligung. Diese Grundsätze sind kein rhetorischer Rahmen. Sie sind Maßstab politischen Handelns.

    Genau an diesen Maßstäben muss sich der Umgang mit dem Glaskubus und der dort angesiedelten Kulturinitiative „Reich für die Insel“ messen lassen. Es geht nicht um einen einzelnen Raum, sondern um den größeren Zusammenhang.

    Kulturräume sind keine dekorativen Ergänzungen einer Stadt. Sie sind soziale Infrastruktur. Sie sind jene „dritten Orte“, die nicht primär Wohnen oder Arbeiten dienen, sondern Begegnung ermöglichen. Orte, an denen Menschen einander nicht als Kund:innen oder Konkurrent:innen begegnen, sondern als Mitgestaltende.

    Viele kulturelle und gesellschaftliche Innovationen entstehen nicht in durchoptimierten Institutionen. Sie entstehen in Experimentierfeldern. In Zwischenräumen. In selbstorganisierten Strukturen. Der Glaskubus ist ein solcher Ort. Er ist kein fertiges Produkt, er ist ein Möglichkeitsraum. Und genau solche Räume sind in einer Stadt wie Innsbruck, die mit steigenden Mieten und hohen Eintrittsschwellen konfrontiert ist, strukturell gefährdet. Wenn diese Räume verschwinden, entstehen sie nicht automatisch neu. Sie entstehen nur dort, wo politische Entscheidungen sie ermöglichen.

    Transparenz ist kein Versprechen – sie ist Verpflichtung
    Die Stadt Innsbruck hat 2025 öffentlich betont, dass neue Kulturräume in Kooperation mit der IIG entwickelt werden sollen – mit dem Ziel eines „fairen, transparenten Prozesses“. Auch in der medialen Darstellung wurde die Schaffung von mehr Raum für die alternative Szene als politisches Ziel formuliert. Diese Aussagen sind verbindliche politische Setzungen. Sie erzeugen Erwartungen.

    Transparenz bedeutet in diesem Zusammenhang:

    • klare Kriterien für Auswahl und Weiterführung von Standorten
    • nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen
    • dokumentierte Bewertungsprozesse
    • transparente Kommunikation über Alternativen, Fristen und Perspektiven

    Gerade weil im Kulturbereich häufig mit befristeten Nutzungen, individuellen Vertragsmodellen und projektbezogenen Lösungen gearbeitet wird, braucht es besonders saubere Verfahren. Ein intransparenter oder situativer Umgang mit einem bestehenden Kulturort untergräbt die Glaubwürdigkeit jener Offensive, die gleichzeitig neue Räume verspricht. Beteiligung ist kein Informationsformat – sie ist Mitgestaltung

    Im Zukunftsvertrag wird Bürger:innenbeteiligung als Leitlinie definiert. Wenn über die Zukunft eines bestehenden Kulturortes entschieden wird, betrifft das nicht nur eine einzelne Initiative. Es betrifft Netzwerke, Szenen, Nutzer:innen, Anrainer:innen und die kulturelle Identität eines Stadtteils.

    Beteiligung bedeutet hier:

    • frühzeitige Einbindung
    • transparente Diskussion von Szenarien
    • nachvollziehbare Abwägung öffentlicher Interessen

    Nicht nachträgliche Information, sondern Mitgestaltung im Prozess.

    Gerade „Reich für die Insel“ steht exemplarisch für eine Form von Stadtproduktion von unten. Wenn solche Orte ohne klar kommunizierte Perspektive verschwinden, entsteht nicht nur räumlicher Verlust, sondern politischer Vertrauensverlust.

    Kulturelle Gerechtigkeit ist soziale Gerechtigkeit
    Im Zukunftsvertrag bekennt sich die Stadtregierung zur Verantwortung gegenüber allen Menschen dieser Stadt – unabhängig von sozialem Status oder ökonomischer Leistungsfähigkeit.

    Freie Kulturräume sind oft die einzigen Orte, an denen Menschen ohne große finanzielle Ressourcen Sichtbarkeit erlangen können. Sie sind Labore für junge Initiativen, Underdogs, neue Formate.

    Wenn der Zugang zu Raum ausschließlich über Marktmechanismen funktioniert, entsteht strukturelle Ungleichheit. Der Glaskubus muss kein Luxusobjekt sein. Er kann ein Instrument kultureller Durchlässigkeit darstellen.

    Wer solche Orte als verzichtbar betrachtet, verengt den Zugang zu kultureller Teilhabe.

    Innsbruck hat zuletzt öffentlich den Bedarf an alternativen Kulturräumen anerkannt. Es wurden neue Liegenschaften präsentiert, Exposés veröffentlicht, Interessensbekundungen eingefordert. Diese Schritte sind wichtig. Doch es wäre widersprüchlich, neue Räume in Aussicht zu stellen und gleichzeitig bestehende funktionierende Strukturen ohne klaren, transparenten Entwicklungsplan aufzugeben.

    Die zentrale Frage lautet daher: Werden Kulturräume als austauschbare Zwischennutzungen behandelt oder als Teil demokratischer Infrastruktur?

    Wenn wir akzeptieren, dass Orte wie „Reich für die Insel“ verschwinden, weil sie nicht dauerhaft abgesichert oder nicht maximal verwertbar sind, dann verschiebt sich die Logik urbaner Entwicklung dauerhaft. Dann werden Möglichkeitsräume zur Ausnahme. Dann wird kulturelle Innovation dem Zufall überlassen. Dann verlieren wir nicht nur einen Kulturraum, sondern soziale Verdichtungsräume, solidarische Netzwerke und Experimentierfelder. Und vor allem verlieren wir Vertrauen in politische Verlässlichkeit.

  • Demokratie ist kein Komfortzustand

    Demokratie ist kein Komfortzustand

    Vergangene Woche war ich im Rahmen der Gesprächsreihe „Museum im Werden“ der Tiroler Landesmuseen eingeladen, um über das Verhältnis zwischen freier Kulturszene und großen Institutionen zu sprechen. Ausgangspunkt war die scheinbar einfache Frage: Wo liegen die Unterschiede – und wo ergeben sich sinnvolle Schnittstellen der Zusammenarbeit?

    Im Verlauf des Gesprächs wurde für mich aber deutlich, dass die eigentliche Frage weniger darin liegt wer welche Rolle erfüllt, sondern vielmehr darin, wofür wir gemeinsam stehen und welche gesellschaftliche Verantwortungen wir teilen. Wir befinden uns mMn längst in einem Kulturkampf, der international – insbesondere in den USA – bereits offen ausgetragen wird und der auch Europa zunehmend erfasst.

    Es geht dabei nicht mehr ausschließlich um Kunstproduktion im engeren Sinn, sondern um Deutungshoheit, um Sichtbarkeit und letztlich um die Frage, wessen Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen präsent sind – und welche systematisch ausgeblendet werden.

    Die freie Szene agiert schneller, beweglicher und experimenteller. Sie testet Formate, setzt Impulse, irritiert etablierte Narrative und schafft Räume, in denen sich Menschen ermächtigen, vernetzen und organisieren können. Gerade diese Offenheit und Reaktionsfähigkeit machen sie politisch exponiert. International lässt sich beobachten, wie rechte Akteur:innen deshalb gezielt jene Orte unter Druck setzen, an denen Gegenöffentlichkeit entsteht – unabhängige Medien, subkulturelle Räume, soziale Initiativen. Denn sie wissen: Wer kulturelle Infrastruktur schwächt, schwächt damit auch die demokratische Resilienz einer Gesellschaft.

    Große Institutionen verfügen über stabilere Budgets, längerfristige Strukturen und eine formale Legitimation, die sie weniger unmittelbar angreifbar erscheinen lässt. Doch Stabilität ist nicht gleichbedeutend mit Neutralität. Museen, Theater oder Archive treffen ebenfalls Entscheidungen darüber, was gesammelt, ausgestellt und erinnert wird – und was nicht. In diesen Auswahlprozessen manifestiert sich Verantwortung. Wenn demokratische Räume unter Druck geraten, genügt es also nicht mehr Programme zu kuratieren; dann ist Haltung und auch Solidarität gefragt.

    Kooperationen zwischen freier Szene und Institutionen können sinnvoll sein, sofern sie nicht auf symbolische Imagepflege reduziert werden. Kooperationen, bei denen strukturell schwächere Akteur:innen Risiken tragen, während andere von Legitimation profitieren, untergraben langfristig Vertrauen. Ebenso verkürzt wäre es aber auch, Institutionen ausschließlich auf schwerfällige Apparate zu reduzieren oder die freie Szene auf den fleissigen Ideenlieferanten. Beide sind Teil demokratischer Infrastruktur – mit unterschiedlichen, aber komplementären Funktionen; irritieren, stabilisieren; beide tragen zur Legitimation kultureller Öffentlichkeit bei.

    Was richtig nervt ist, dass Kulturorte, sobald sie recht gut gefördert werden, gern anfangen die Pappm zu halten – auch in der freien Szene. Reibung, besonders nach außen, wird dann gerne vermieden. Aber Demokratie ist kein Komfortzustand, sondern ein dauernder Aushandlungsprozess. Sie lebt von Widerspruch, von Differenz, und auch von produktiver Spannung. Kultur ist kein bloßes Unterhaltungsangebot, sondern ein Raum, in dem gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar werden. Wer diesen Raum neutralisieren möchte, versteht seine Funktion nicht.

    Freie Szene und Institutionen müssen nicht in allen Fragen übereinstimmen – das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Entscheidend ist aber, dass wir gemeinsam dafür einstehen, dass kulturelle Freiheit, künstlerische Autonomie und demokratische Offenheit nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wenn wir uns in einem enger werdenden politischen Handlungsspielraum primär als Konkurrent:innen sehen, verlieren wir nicht nur Energie, sondern bald auch die Räume, in denen wir arbeiten und wirken.

    Deshalb ist Kulturpolitik für mich ist kein Randthema, sondern ein Gradmesser demokratischer Verfasstheit. Und genau deshalb ist die Frage nach Zusammenarbeit zwischen freier Szene und Institutionen keine organisatorische Detailfrage, sondern auch eine politische.

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    too long; didn’t read: Wir stehen längst in einem Kulturkampf – es geht nicht um Programme, sondern um Macht, Sichtbarkeit und darum, wessen Stimmen zählen.

  • Solidarität mit Reich für die Insel.

    Was derzeit rund um den Artspace Reich für die Insel verhandelt wird, ist mehr als eine Standortfrage. Es ist eine kulturpolitische Grundsatzentscheidung darüber, wie ernst es die Stadt Innsbruck mit zeitgenössischer Kunst, fairen Verfahren und transparenter Entscheidungsfindung meint.

    Seit 2019 hat das Team rund um Reich für die Insel aus einer ehemaligen Gastro-Ruine einen lebendigen, weithin anerkannten Kunst- und Kulturort geschaffen. Professionell kuratiert, offen, diskursiv, mit Ausstellungen, Performances, Lesungen, Workshops und zahlreichen Kooperationen. Ein Ort, der nicht nur von der Szene getragen wird, sondern auch von Stadt, Land und Bund gefördert ist – und damit unmissverständlich als kulturell relevant anerkannt wurde.

    Umso unverständlicher ist das nun kolportierte Vorgehen, diesen etablierten Kunstort ohne öffentliche Ausschreibung, ohne offengelegte Kriterien und ohne transparente politische Debatte zugunsten einer reinen kommerziellen Nutzung aufzulösen. Wenn von einem „Bestbieterprinzip“ gesprochen wird, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kann es ohne offene, faire und nachvollziehbare Ausschreibung einen Bestbieter geben? Und nach welchen Maßstäben wurde ein ausgearbeitetes Nutzungskonzept – das Kunst und Gastronomie sinnvoll verbinden wollte – als „nicht zweckmäßig“ beurteilt?

    Gerade im sogenannten Kulturquartier ist es nicht einzusehen, einen weiteren reinen Gastronomiebetrieb zu etablieren. Mit dem BRAHMS befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft bereits eine Gastronomie, deren Immobilieneigentümer*innen Stadt und Land sind und die auch verpachtet wird. Sich wenige Meter daneben selbst Konkurrenz zu schaffen, ist nicht nur kulturpolitisch kurzsichtig, sondern auch wirtschaftlich fragwürdig.

    Hinzu kommt: Reich für die Insel ist kein isolierter Kunstraum. Initiativen wie das Alles Gute Festival sind unmittelbar aus der Zusammenarbeit mit diesem Artspace entstanden. Ohne den Kubus als inhaltlichen Partner, als Produktionsbüro, Backstage- und Lagerfläche wäre dieses Festival in seiner jetzigen Form nicht möglich. Eine Verdrängung zugunsten reiner Gastronomie gefährdet somit nicht nur einen Kunstort, sondern ganze kulturelle Ökosysteme – und stellt die Zukunft bestehender Formate massiv infrage.

    Gerade an diesem Ort braucht es einen klaren Kontrapunkt. Zwischen Hochkultur im Landestheater, Volkskultur im Volkskunstmuseum, großen Veranstaltungen in der Dogana und der Hofburg, Schützenaufmärschen am Platz und sportlichen Großereignissen ist zeitgenössische, kritische Kunst- und Kulturarbeit kein Störfaktor, sondern die einzig sinnvolle Ergänzung. Sie sorgt für Reibung, Vielfalt und kulturelle Gegenwart – all das, womit sich eine Stadt gerne schmückt, solange es nicht unbequem wird.

    Die PMK und das Team des ALLES GUTE Festivals stellen sich solidarisch hinter das Team von Reich für die Insel und fordern die Stadt Innsbruck unmissverständlich auf, transparente, faire und politisch sauber abgestimmte Prozesse sicherzustellen. Entscheidungen dieser Tragweite gehören offen diskutiert, im Gemeinderat verhandelt und nachvollziehbar begründet – nicht im Schnellverfahren und nicht hinter verschlossenen Türen.

    Es ist ernüchternd, dass es auch hier offenbar erst öffentlichen Druck und mediale Aufmerksamkeit braucht, um Bewegung in die Sache zu bringen. Kulturpolitische Gespräche sollten nicht erst dann stattfinden, wenn der Druck zu groß wird, sondern als selbstverständlicher Teil einer ernst gemeinten Zusammenarbeit mit der freien Szene.

    Reich für die Insel steht exemplarisch für das, was in Innsbruck auf dem Spiel steht: die Frage, ob Kunst als lästiger Kostenfaktor oder als Motor einer lebendigen Stadt verstanden wird.

    Jetzt braucht es klare Haltung und eine Entscheidung, die diesem Ort und seiner Bedeutung gerecht wird.

    Kulturverein ALLES GUTE Festival
    PMK – Plattform mobile Kulturinitiativen
    Die Bäckerei – Kulturbackstube
    Arche*Ahoi
    BONANZA Festival

  • SCC Club Talks #3 – Frei(e) Flächen für die Clubkultur

    SCC Club Talks #3 – Frei(e) Flächen für die Clubkultur

    Talk am 10. Dezember 2025, MARK Salzburg

    Ich war eingeladen, beim dritten und letzten „Club Talk“ der Salzburg Club Commission über die Frage zu sprechen, wie Städte Freiflächen für eine lebendige Clubkultur öffnen können – und welche strukturellen Voraussetzungen es dafür braucht.

    In meinem Input habe ich Einblicke in das Free-Spaces-Projekt der Vienna Club Commission gegeben, das in Wien seit 2023 legale Open-Air-Raves im öffentlichen Raum ermöglicht und ein neues Modell der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Szene erprobt. Gleichzeitig habe ich über das Bogenfest in Innsbruck gesprochen – ein Beispiel dafür, wie subkulturelle Akteur*innen städtische Räume zurückerobern und mitgestalten können.

    Ein zentraler Punkt meines Beitrags war die Frage, wie Kooperation funktionieren kann, ohne dass die kulturelle oder inhaltliche Klarheit verloren geht. Städte und Gebietskörperschaften sind stark darin, das heavy lifting zu übernehmen – Genehmigungsverfahren, finanzielle Unterstützung, Abwicklung, Sicherheit. Die inhaltliche Gestaltung hingegen ist und bleibt die Expertise der Kulturarbeiter*innen, Initiativen und Kollektive.

    Ich habe betont, dass wir neue Allianzen brauchen, um spannende Inhalte auch in Zukunft gewährleisten zu können. Die Clubkultur verändert sich rasant: Publikum, soziale Dynamiken und Nutzungsformen sind nicht mehr dieselben wie vor zehn oder zwanzig Jahren.

    Es wäre ein Fehler, überholte Modelle nostalgisch in die Zukunft verlängern zu wollen. Stattdessen müssen wir wachsam bleiben, wie wir eine neue Generation von ausgeh-hungrigen Menschen für Clubs, Gemeinschaft und gemeinsames Schaffen begeistern können.

    Der Talk war ein Anlass, diese Fragen offen zu diskutieren – und einmal mehr sichtbar zu machen, wie wichtig frei(e) Flächen, niederschwellige Zugänge und echte Zusammenarbeit zwischen Stadt und Szene für eine nachhaltige, vielfältige Clubkultur sind.

  • Statement zur Schließung der Talstation in Innsbruck

    Dass die Talstation in Innsbruck jetzt leer steht, ist eine Schande für die ganze Stadt. Dem bis vor Kurzem dort angesiedelten Kulturverein, der dazu beigetragen hat, das Gebäude und die Gegend insgesamt zu beleben, gebührt hingegen mein größter Respekt für die langjährige Arbeit und die Ausdauer im Bestreben, diesen Ort als lebendige Plattform zu erhalten. Danke für euer Herzblut, euren Schweiß und die vielen Stunden, die ihr dort investiert habt. Danke für die Proberäume, Ausstellungen, Konzerte und Begegnungsmöglichkeiten für viele junge Menschen in Innsbruck, die sich mittlerweile nicht mehr wirklich gehört fühlen und vielerorts unerwünscht sind.

    Die Stadt fühlt sich nun schon wieder ein wenig kleiner an. Grundsätzlich ist es aktuell überhaupt schwer abzuschätzen, wie es weitergehen soll. Dass privatwirtschaftlich geführte Nachtclubs international der Reihe nach zusperren, ist das eine – dass aber interdisziplinär arbeitende Kulturzentren, die die öffentliche Hand erhalten könnte, fallen gelassen werden, ist skandalös und kurzsichtig. Vor allem in einer Stadt, die aufgrund topografischer Gegebenheiten ohnehin nur wenig Platz und Möglichkeiten bietet.

    Ein Gebäude wie die Rotunde (die man nicht mal geschenkt haben möchte, weil sich die Sanierung niemand leisten kann) steht nun leer neben einer verlassenen Talstation, von der alle wissen, dass sie jetzt erstmal ein paar Jahre vor sich hinrotten wird, bevor man sich in fünf bis zehn Jahren und ein paar Bürgerbeteiligungsprozessen dazu entschließen wird, das Thema noch ein wenig weiter zu vertagen. Auch das Siebenkapellenareal sifft währenddessen munter weiter. Und kennt ihr noch das Stöcklgebäude nahe der Triumphpforte, das vor ein paar Jahren UNBEDINGT geräumt werden musste, weil man dort dringend etwas bauen wollte? Auch hier feiert der Ranz fröhliche Urständ.

    Es wäre doch besser zu sagen: Leute, wir haben keine Kohle und vor allem keinen Bock, irgendetwas mit diesen Gebäuden anzufangen, deshalb lassen wir diese leer stehen und konzentrieren uns auf andere Dinge. Es ist besser, der Raum verkommt, als ihr seid drin. Ansonsten wird es laut für die Anrainer und für uns teuer, weil wir euch dann über Jahre durchfüttern müssen. Sucht’s euch einfach einen richtigen Job. Ein Hochkulturbetrieb zahlt sich zwar auch nicht von selbst, und hier indexieren wir sogar die Gehälter, aber das ist etwas anderes, weil es repräsentativer und meistens ein bissl weniger deppert ist.

    Und falls das nicht die Message sein sollte, dann kommt sie halt zumindest so an. Das ist zwar nichts Neues (wer die Arbeit des Sub-Archivs Innsbruck verfolgt, kann diese Haltung über die vergangenen Jahrzehnte fast durchgängig beobachten – mal mehr, mal weniger), aber immer noch unverständlich. Mal sind es schwierige Besitzverhältnisse, die freche Miete, „es Land“ oder „de in Wien“, die es nicht interessiert. Irgendwas is immer. Manchmal trennen die Lebensrealitäten von Kulturräumen nur wenige Meter: Der Artspace Reich für die Insel kann ein Lied davon singen. Dieser wird mittlerweile überhaupt geghostet, obwohl er ein Top-Konzept vorgelegt hat – sich aber offensichtlich bitte einfach schleichen soll. Alle wissen, dass man das Gebäude nicht von heute auf morgen nutzbar machen kann. Aber auch hier gilt: Bitte geht einfach, damit man den Ort und euch vergisst. Irgendwann wird schon etwas damit passieren.

    Wenn man mit Menschen aus verschiedenen Bereichen (teilweise auch in offiziellen Funktionen) spricht, dann wird hinter vorgehaltener Hand immer wieder mal davon gesprochen, dass man im Prinzip nur darauf hoffen kann, dass sich manche dieser Themen von selbst lösen. Siehe Hofgarten-Café. (Für diejenigen, die von außerhalb Innsbrucks mitlesen und den Kontext nicht kennen: Das jahrelang leerstehende Nachtlokal ging irgendwann spätnächtens in Flammen auf. Viele Leute waren danach sehr erleichtert.) Dann kann man zumindest sagen: Leider hat man nichts mehr machen können – und kann das Ding gesichtswahrend wegbaggern.

    Dass man es nicht allen Menschen recht machen kann, ist klar. Aber die Zeiten ändern sich, und man muss schauen, dass man sich auch in kleineren und mittelgroßen Städten ein Umfeld bewahrt, das ansprechend bleibt – ansonsten bleibt nicht viel übrig, als sich das bisschen Motivation, das man noch hat, zu bewahren und wegzuziehen. Klar, wir sind immer noch sehr dankbar, dass uns die Urgroßeltern die Alpen hingebaut haben, damit wir damit ein gutes Geld verdienen können. Aber davon können wir nicht alle leben. So groß ist die Adlerrunde dann auch wieder nicht.

    Danke (junge) Talstation – danke Reich für die Insel – und danke an alle, die in Innsbruck noch stabil bleiben wollen. Auf eine weitere leerstehende Halle in einer kleinen Stadt. Zum Glück ist es im Saggen endlich wieder still.

    Bildcredit (c) ORF