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Interview „Tirol Live“ (30.11.23) und Beitrag Tiroler Tageszeitung (31.11.23)
Interview Tirol Live 30.11.2023 
Tiroler Tageszeitung 31.10.2023 -
Zur Zerstörung der kulturellen Lebensqualität in Innsbruck
Dass der Dachsbau in Kürze nicht mehr existiert, ist der nächste dicke Sargnagel für die Innsbrucker Nachtkultur.
Wir erinnern uns: An die Probleme die die (Junge) Talstation regelmäßig durch Anrainerbeschwerden bekommen hat und die nun schon seit ein paar Jahren(!) auf ihren Wiedereinzug wartet. Die Dachziegelflow-Crew die ihren Veranstaltungsort in einem Innsbrucker Industriegebiet wegen Lautstärkebeschwerden räumen musste. Aktuell: Aus eigener Tasche aufgewertete Hallen in St Bartlmä (weil mans als Stadt bekanntlich nicht hinbekommen hat), die aufgrund von Lautstärkebeschwerden – ebenfalls in einem Industriegebiet – nur mehr bis 24 Uhr veranstalten dürfen. Und nun geht auch noch der Dachsbau verloren – einer der wenigen Clubs der physisch im Tiefgeschoss verortet und somit lautstärkemäßig noch „etwas“ handlebarer war als zeitgenössische Kulturarbeit zu ebener Erde. Von der Generation davor – sprich „Weekender Club“ (Tod aufgrund von Lautstärkebeschwerden durch 1 Anrainer) und „Hafen“ haben wir dann noch nicht mal gesprochen.
Ich bin es leid nach der Schließung eines Orte sagen zu müssen: Ja is schad, aber was willsch machen?
Was hier in Innsbruck passiert, ist für tausende Menschen eine systematische Zerstörung von Lebensqualität. Was wir hier erleben, ist ein kulturpolitischer und gesellschaftspolitischer Missstand. Was in unserer Stadt passiert, ist nicht in Ordnung und muss auch genau so benannt werden.
Klar, es ist um jeden einzelnen Laden, der mit Herzblut etwas aufgebaut hat und letztendlich krachend schließen muss, schade. Aber mittlerweile müssen wir dazu übergehen und die größeren Zusammenhänge benennen. Seit Jahren tun wir jetzt wegen öffentlichen Plätzen für junge Menschen herum, nur um dann zu hören, dass „es nicht geht“ weil (insert xyz here). Nicht erst seit der letzten Sillschlucht-Party fantasiert ein Lokalpolitiker davon, die Sillschlucht mit Zäunen abzusperren. Letzten Sommer wurde die Franz-Gschnitzer-Promenade über Monate hinweg gesperrt, um sich hier Scherereien mit feiernden jungen Menschen zu ersparen. Und ob die Club Commission, die versucht hier zu vermitteln und konstruktive Arbeit zu erbringen, in Zukunft weiterarbeiten kann, steht aktuell auch bereits auf wackeligen Beinen.
Gehts eigentlich noch? Wie soll man sich das Zusammenleben in dieser Stadt als Mensch zwischen 16 und 40 mittlerweile konkret vorstellen? Wenn man diese Art von Lebensqualität an diesem Universitätsstandort nicht mehr haben möchte, dann muss man das auch offen so kommunizieren. Kommt her, um zu studieren und bezahlt gerne auch überhöhte Mieten. Aber bildet euch nicht ein, hier nach 22 Uhr noch etwas erleben zu können. Nachtschicht is nimma. Und an die gebürtigen Innsbrucker:innen sei gesagt: Ziagts weck, mia brauchen mehr Gäschtebettn.
Was passiert hier? Die Story vom kriegstreibenden Anrainer, der sich nächtens die Haare rauft und nur das nächste Wummern herbeisehnt, um via Telefon das SEK rufen zu können, ist nämlich auch nicht wahr. Klar, Menschen haben ihr Recht auf Ruhe und Erholung, aber das kann man ja auch anders lösen. Zeigen andere Städte ja auch, dass das geht. Bevor man zB über Jahrzehnte Millionen von Euro an Wertschöpfung und Umsatz für die heimische Wirtschaft/Innenstadt (und Lebensqualität!) liegen lässt, könnte man beispielsweise mal ordentliche Schallschutzmaßnahmen und Umbaumaßnahmen ko-finanzieren. Und im selben Moment dazusagen: Ja, auch das ist Stadt. Da schwingen auch gewisse Geräusche mit. Das macht die Stadt auch bis zu einem gewissen Grad lebenswert. Der Flughafen mitten in unserer Stadt ist z.B auch mega-laut (was war das eigentlich für eine Idee damals?). Das fällt uns nur nicht mehr wirklich auf, außer wenn irgendwelche ortsfremden Tourist:innen vor Schreck die Köpfe nach oben reissen.
Wie gesagt: Dass der Dachsbau in Kürze nicht mehr ist, ist schlimm. Noch schlimmer ist allerdings der Gesamtzustand einer Stadt, die sich um die Lebensbedürfnisse ihrer jungen Einwohner:innen nicht schert.

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Statement: Öffentlicher Raum 7.0
Ein Gespenst geht um in Innsbruck. Nachdem es in Innsbruck seit Jahren heißt, dass junge Menschen konsumfreie Flächen brauchen, um sich zu treffen und ebendiese Flächen seit Jahren – aus zahlreichen Gründen – nicht realisierbar sind (?!), ist die Verwunderung nun erneut groß, dass u.a. in der Sillschlucht wieder Partys stattfinden. Na sowas aber auch. Jedes Jahr wird dann die selbe Erregung durch die Zeitungen getrieben und überlegt, wie man die nächste Saison ohne substanzielle Veränderung rausschinden kann und ohne dass ebendiese jungen Menschen auf die Barrikaden steigen. Ich würde somit an dieser Stelle empfehlen, Innsbruck zwischen Oktober und Juni (die Ski-Saison ausgenommen, aufgrund der abzuführenden Kurtaxe des Gastes!) abzusperren und möglichst gemächlich zu sanieren – weil es geht nicht und weil es gibt kein Geld.
Um fair zu bleiben: Es gibt tatsächlich ein paar Menschen in der Stadtverwaltung und Politik, denen das Thema seit Jahren ein großes Anliegen ist (dafür auch vielen Dank und die Betreffenden wissen wer gemeint ist), aber solange sich nichts REALES an der Situation ändert (tell me about the Konzepte in the Schublade), werden sich Menschen ihre eigenen Lösungen schaffen und das ist (für mich) auch durchaus verständlich. Wie schon mehrmals gesagt, ich bin schon lang aus dem Schul- und Studi-Alter raus und in der glücklichen Situation einiges in der Kulturszene mitgestalten zu dürfen das mich interessiert. Das sind aber allermeistens schon länger keine „Jugend“themen mehr und genausowenig hilft das ebenjenen jungen Leuten, denen seit Jahren erzählt wird, dass sie sich zusammenreissen und warten sollen bis sie schon irgendwann (vielleicht im Afterlife dann) ihre ersehnten Plätze bekommen werden.
Aja, weil wir grad dabei sind hier übrigens paar Wahlkampfthemen für die Gemeinderatswahl 2024, die actually Sinn ergeben würden anstatt die Allgemeinheit mit irgendwelchen Placebo-Themen zu nerven und darüber zu streiten welche Fraktion jetzt „die Mitte“ und „die Gesellschaft“ abbildet: Sitzbankl, Trinkbrunnen, öffentliches Klo. Brauchen alle, wollen alle, reissts euch zamm. Wär alls nit so schwer.

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Offener Brief an die Mitglieder des Innsbrucker Gemeinderates betreffend Kulturstrategie Innsbruck 2030
Offener Brief an die Mitglieder des Innsbrucker Gemeinderates
betreffend Kulturstrategie Innsbruck 2030
Innsbruck, am 19. Dezember 2022
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Sehr geehrte Damen und Herren des Innsbrucker Gemeinderates!Im Dezember 2019 beschloss der Innsbrucker Stadtsenat, eine Kulturstrategie Innsbruck 2030 zu entwickeln, die im Rahmen eines offenen partizipativen Prozesses erarbeitet werden sollte. Das damals formulierte Ziel bestand darin, eine „tragfähige Grundlage für das kulturpolitische Handeln“ zu erhalten, die auch „Prioritäten, Leitlinien und konkrete Maßnahmen zur Umsetzung beinhalten (…) und für die Akteur*innen in Politik, Verwaltung und Kulturszene als Orientierungsrahmen dienen“ soll.
2020 wurde der Prozess unter Einbeziehung einer externen professionellen Prozessbegleitung gestartet, die auf Basis von 33 qualitativen Interviews mit Persönlichkeiten aus den Innsbrucker Kulturszenen und Vertreter*innen anderer Schnittstellen eine umfangreiche Analyse und Grundlagenarbeit erstellte. Im April 2021 begann der öffentliche Beteiligungsprozess. Darüber hinaus wurde eine siebenköpfige Arbeitsgruppe mit Vertreter*innen des Innsbrucker Kunst- und Kulturbereichs sowie ein Advisory Board mit 33 Expert*innen aus den Fachbereichen Wissenschaft, Bildung, Jugend, Soziales, Integration, Tourismus, Kreativwirtschaft und Stadtplanung unter der Leitung des städtischen Projektteams eingerichtet.
In insgesamt sechs öffentlichen Workshops mit einer unentgeltlichen Beteiligung von rund 500 Bürger*innen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen wie beruflichen Bereichen wurde mit viel Engagement, Ernsthaftigkeit und vor allem partizipativ ein umfangreiches Papier erarbeitet, das auf Basis von Analysen des Status quo in diversen Bereichen – von Jugendkultur über Fragen der Diversität bis hin zur kulturellen Stadtentwicklung – Defizite benannte und konkrete Lösungsansätze und Maßnahmen formulierte.
Ein großer Teil dieser formulierten Ziele und Maßnahmen wurde nun von einzelnen politischen Vertreter*innen – ohne Rücksprache mit den am Prozess Beteiligten, dem Advisory Board oder der Arbeitsgruppe – gestrichen und das Papier in einer wesentlich verkürzten Fassung dem Gemeinderat am 15. Dezember 2022 zur Beschlussfassung vorgelegt.
Für einen partizipativen Beteiligungsprozess ist jedoch ein sensibler Umgang mit den Beiträgen aus der Bevölkerung unabdingbar! Eine klare und offene Kommunikation, wie und in welcher Form Vorschläge in die Entscheidungsfindung einfließen werden, ist grundlegend, um Missverständnisse und Frustration zu vermeiden. Für die Akzeptanz eines Beteiligungsprozesses reicht die “Inszenierung von Beteiligung” nicht aus! Nach einer Sammlung von Lösungsvorschlägen sollten diese in einem konstruktiven Prozess zwischen den Beteiligten und der Politik zu konkreten Leitlinien und Strategien verdichtet werden. Diese Auseinandersetzung und diesen Dialog auf Augenhöhe gab es nicht.
Diese Vorgangsweise ist sowohl kultur- wie vor allem demokratiepolitisch bedenklich, da damit der Partizipationsprozess nicht ernst genommen und die Expertise sowie das Engagement der am Prozess Beteiligten für unerwünscht bzw. irrelevant erklärt werden. Dies verstärkt in Zeiten wie diesen die ohnehin vorhandene Politikverdrossenheit, denn der öffentliche Beteiligungsprozess wurde so zu einem unverbindlichen Brainstorming degradiert, das von der Politik nach Belieben zurechtgestutzt werden kann. Damit wurde der Beteiligungsprozess grundlegend missverstanden.
Die nun beschlossene Kulturstrategie Innsbruck 2030 ist kein Strategiepapier, denn es enthält großteils vage Formulierungen, die unverbindlich bleiben und nicht wirklich strategisch gedacht sind, um die Kulturentwicklung der Stadt zukunftsfähig zu machen. Abgesehen davon, dass alle Hinweise auf den Beteiligungsprozess fehlen, wurden die konkret erarbeiteten Lösungsansätze zu einem großen Teil gestrichen. Auch wurde die an manchen Stellen formulierte aktive Rolle der Stadt Innsbruck bei der Umsetzung der Kulturstrategie eingeschränkt.
Weder die interessierte Öffentlichkeit, noch die an dem Prozess Beteiligten kennen die sachlichen Argumente, die für die Streichung von vielen Zielen und Maßnahmen jeweils maßgeblich waren.Das nun vorliegende Ergebnis der Kulturstrategie Innsbruck 2030 basiert offensichtlich weniger auf sachlichen Argumenten als auf parteipolitischem Kalkül. Das “toxische” Klima innerhalb der Innsbrucker Stadtpolitik hat auch den Verlauf und das Ergebnis der Kulturstrategie überlagert – sehr zum Bedauern der beteiligten Kulturakteur*innen. Die Wortmeldungen der Kulturausschussmitglieder in der Gemeinderatssitzung am 15. Dezember 2022 zeigen, dass ihnen der zu erwartende Frust in der Kulturszene bewusst ist und in Kauf genommen wird. Sie betonen jedoch mehrfach, dass das Ergebnis nun “mehrheitsfähig” sei, was auf den Gemeinderat zutreffen mag, aber kaum auf die Kunst- und Kulturszenen in Innsbruck.
Die im Ergebnispapier aus dem Partizipationsprozess formulierten Ziele und Maßnahmen wurden auf ein unverbindliches Minimum gekürzt, zudem fehlen eine klare Priorisierung der Maßnahmen, sowie Budget und Zeitplan für die Umsetzung. Das vermittelt wenig Hoffnung auf Veränderung. Die Vorsitzende des Kulturausschusses Frau Irene Heisz hat vor der Abstimmung über die Kulturstrategie in der Gemeinderatssitzung besonders die beschlossenen Punkte Fair Pay und Gedenkkultur positiv hervorgehoben. Jedoch sind diese ohnehin bereits in Umsetzung bzw. haben breiten politischen Konsens.Mitglieder des Kulturausschusses argumentieren mehrfach damit, dass die beschlossene Kulturstrategie nun “realisierbar und leistbar” wäre. Dabei fällt auf, dass viele Maßnahmen gestrichen wurden, die sehr leicht umsetzbar gewesen wären und zudem kaum Kosten verursachen hätten, insbesondere Maßnahmen, die zu mehr Vernetzung, Mitsprache und Teilhabe an kulturpolitischen Prozessen führen würden (Stichwort “Kulturbeirat”). Diese Expertise in einen strukturell verbindlich verankerten Kontext einzubinden, scheint unerwünscht.
Die Arbeit an der Kulturstrategie Innsbruck 2030 ist vor drei Jahren mit Enthusiasmus gestartet. Viele kulturinteressierte Menschen in Innsbruck haben große Hoffnungen in den Beteiligungsprozess gesetzt und darin ein Potenzial für eine positive kulturelle Entwicklung der Stadt gesehen. Daher fordern wir die Mitglieder des Gemeinderates auf, ihre Entscheidung zu überdenken, und ersuchen um eine Stellungnahme, warum viele der im Prozess erarbeiteten Ziele und Maßnahmen gestrichen wurden.
Die Mitglieder der battlegroup for art sind natürlich jederzeit bereit, ihren oben dargelegten Standpunkt näher zu erklären.
Unterzeichnet von den Mitgliedern der battlegroup for art
(Netzwerk der in Innsbruck tätigen Interessenvertretungen, Plattformen und Zusammenschlüssen aus dem Bereich zeitgenössischer Kunst und Kultur)Arno Ritter – aut. architektur und tirol, Kulturbeirat des Landes Tirol, Mitglied des Advisory Board der Kulturstrategie Innsbruck 2030
Marco Trenkwalder – Filmfestival DIAMETRALE
Bettina Lutz – FREIRAD Freies Radio Innsbruck
Siljarosa Schletterer – IG Autorinnen Autoren Tirol
Barbara Fischer – IG Freie Musikschaffende Österreich
Daniela Oberrauch – IG Freie Theater Tirol, Mitglied des Advisory Board der Kulturstrategie Innsbruck 2030
Kristin Jenny – Literaturhaus am Inn
David Prieth – p.m.k Plattform mobile Kulturinitiativen, Vorstand IG Kultur Österreich, Mitglied der Arbeitsgruppe Kulturstrategie Innsbruck 2030
Bettina Siegele – Tiroler Künstler:innenschaft
Andrei Siclodi – Tiroler Künstler:innenschaft, Kulturbeirat des Landes TirolHelene Schnitzer – TKI – Tiroler Kulturinitiativen, Kulturbeirat des Landes Tirol, Mitglied der Arbeitsgruppe Kulturstrategie Innsbruck 2030
Nicola Weber WEI SRAUM Designforum Tirol, Mitglied der Arbeitsgruppe Kulturstrategie Innsbruck 2030





