Vergangene Woche war ich im Rahmen der Gesprächsreihe „Museum im Werden“ der Tiroler Landesmuseen eingeladen, um über das Verhältnis zwischen freier Kulturszene und großen Institutionen zu sprechen. Ausgangspunkt war die scheinbar einfache Frage: Wo liegen die Unterschiede – und wo ergeben sich sinnvolle Schnittstellen der Zusammenarbeit?
Im Verlauf des Gesprächs wurde für mich aber deutlich, dass die eigentliche Frage weniger darin liegt wer welche Rolle erfüllt, sondern vielmehr darin, wofür wir gemeinsam stehen und welche gesellschaftliche Verantwortungen wir teilen. Wir befinden uns mMn längst in einem Kulturkampf, der international – insbesondere in den USA – bereits offen ausgetragen wird und der auch Europa zunehmend erfasst.
Es geht dabei nicht mehr ausschließlich um Kunstproduktion im engeren Sinn, sondern um Deutungshoheit, um Sichtbarkeit und letztlich um die Frage, wessen Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen präsent sind – und welche systematisch ausgeblendet werden.
Die freie Szene agiert schneller, beweglicher und experimenteller. Sie testet Formate, setzt Impulse, irritiert etablierte Narrative und schafft Räume, in denen sich Menschen ermächtigen, vernetzen und organisieren können. Gerade diese Offenheit und Reaktionsfähigkeit machen sie politisch exponiert. International lässt sich beobachten, wie rechte Akteur:innen deshalb gezielt jene Orte unter Druck setzen, an denen Gegenöffentlichkeit entsteht – unabhängige Medien, subkulturelle Räume, soziale Initiativen. Denn sie wissen: Wer kulturelle Infrastruktur schwächt, schwächt damit auch die demokratische Resilienz einer Gesellschaft.
Große Institutionen verfügen über stabilere Budgets, längerfristige Strukturen und eine formale Legitimation, die sie weniger unmittelbar angreifbar erscheinen lässt. Doch Stabilität ist nicht gleichbedeutend mit Neutralität. Museen, Theater oder Archive treffen ebenfalls Entscheidungen darüber, was gesammelt, ausgestellt und erinnert wird – und was nicht. In diesen Auswahlprozessen manifestiert sich Verantwortung. Wenn demokratische Räume unter Druck geraten, genügt es also nicht mehr Programme zu kuratieren; dann ist Haltung und auch Solidarität gefragt.
Kooperationen zwischen freier Szene und Institutionen können sinnvoll sein, sofern sie nicht auf symbolische Imagepflege reduziert werden. Kooperationen, bei denen strukturell schwächere Akteur:innen Risiken tragen, während andere von Legitimation profitieren, untergraben langfristig Vertrauen. Ebenso verkürzt wäre es aber auch, Institutionen ausschließlich auf schwerfällige Apparate zu reduzieren oder die freie Szene auf den fleissigen Ideenlieferanten. Beide sind Teil demokratischer Infrastruktur – mit unterschiedlichen, aber komplementären Funktionen; irritieren, stabilisieren; beide tragen zur Legitimation kultureller Öffentlichkeit bei.
Was richtig nervt ist, dass Kulturorte, sobald sie recht gut gefördert werden, gern anfangen die Pappm zu halten – auch in der freien Szene. Reibung, besonders nach außen, wird dann gerne vermieden. Aber Demokratie ist kein Komfortzustand, sondern ein dauernder Aushandlungsprozess. Sie lebt von Widerspruch, von Differenz, und auch von produktiver Spannung. Kultur ist kein bloßes Unterhaltungsangebot, sondern ein Raum, in dem gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar werden. Wer diesen Raum neutralisieren möchte, versteht seine Funktion nicht.
Freie Szene und Institutionen müssen nicht in allen Fragen übereinstimmen – das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Entscheidend ist aber, dass wir gemeinsam dafür einstehen, dass kulturelle Freiheit, künstlerische Autonomie und demokratische Offenheit nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wenn wir uns in einem enger werdenden politischen Handlungsspielraum primär als Konkurrent:innen sehen, verlieren wir nicht nur Energie, sondern bald auch die Räume, in denen wir arbeiten und wirken.
Deshalb ist Kulturpolitik für mich ist kein Randthema, sondern ein Gradmesser demokratischer Verfasstheit. Und genau deshalb ist die Frage nach Zusammenarbeit zwischen freier Szene und Institutionen keine organisatorische Detailfrage, sondern auch eine politische.
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too long; didn’t read: Wir stehen längst in einem Kulturkampf – es geht nicht um Programme, sondern um Macht, Sichtbarkeit und darum, wessen Stimmen zählen.
