Autor: David Prieth

  • Öffentlichkeit entsteht nicht von selbst. Die Innsbrucker Bogenmeile als geteilter Stadtraum

    Ein Stadtfest ist nie automatisch gesellschaftlich relevant. Es kann auch bloß Programm sein, Bühne, Gastronomie, Frequenz, ein paar schöne Bilder und ein voller Platz. Das ist nicht nichts, aber es bleibt zu wenig, wenn ein Fest den öffentlichen Raum nur kurz bespielt, ohne etwas über ihn sichtbar zu machen. Der Unterschied liegt nicht in der Größe eines Festes, sondern in seiner Herkunft, seinem Zugang, seiner Beteiligung und seiner lokalen Tragfähigkeit.

    An den Innsbrucker Viaduktbögen lässt sich das besonders gut zeigen, denn die Bögen sind kein neutraler Ort. Im Alltag sind sie Verkehrsraum, Arbeitsort, Ausgehmeile, Durchgangszone, Kulturraum, Nachbarschaft, Konfliktfläche und Projektionsfläche zugleich. Züge fahren darüber, Autos und Fahrräder bewegen sich darunter, Menschen gehen zur Arbeit, holen etwas zu essen, treffen sich vor Lokalen, verschwinden in Proberäumen, Bars, Werkstätten, Clubs oder Kulturorten. Vieles passiert nebeneinander – nicht immer miteinander.

    Für manche sind die Bögen vor allem Nachtleben, Lärm und Unordnung. Für andere sind sie seit Jahren ein Ort, an dem Kultur, Gastronomie, Musik, soziale Praxis, Alltag und Stadt auf besondere Weise ineinandergreifen. Genau diese Gleichzeitigkeit macht sie interessant. Die Bögen sind kein glatt inszenierter Stadtraum. Sie sind widersprüchlich, dicht, lebendig und manchmal auch anstrengend. Gerade deshalb eignen sie sich für ein Fest, das mehr kann als zu unterhalten.

    Beim Bogenfest verschiebt sich für einen Tag die Wahrnehmung dieses Ortes. Was sonst oft Durchgang ist, wird Aufenthaltsraum. Was sonst nur nebeneinander existiert, tritt in Beziehung. Zwischen Viadukt, Straße, Bühnen, Betrieben und offenen Türen entsteht ein anderer Blick auf die Bogenmeile: Kinderprogramm und Clubkultur, Familien und Nachtpublikum, Nachbar:innen und Passant:innen, Musik, Tanz, Gespräche, Kunst, Gastronomie und die alltäglichen Orte der Bögen teilen sich denselben Raum.

    Das ist keine kleine Verschiebung – denn die Bögen werden dabei nicht einfach dekoriert. Sie werden anders erfahrbar. Menschen, die sonst vielleicht nur abends dort sind, kommen am Nachmittag mit ihren Kindern vorbei. Menschen, die die Gegend sonst meiden, gehen durch die Bögen, bleiben stehen, hören zu, machen sich ihr eigenes Bild. Orte, die im Alltag hinter Türen, Routinen oder Vorurteilen verschwinden, treten nach außen. Ein Stadtteil, der oft über einzelne Konflikte gelesen wird, zeigt seine soziale und kulturelle Dichte.

    Das Bogenfest ist in diesem Sinn nicht über die Bogenmeile gelegt worden – es ist aus ihr heraus entstanden. Aus Orten, Initiativen, Vereinen, Clubs, Betrieben, Künstler:innen und Menschen, die dort ohnehin arbeiten, organisieren, streiten, feiern, aufbauen und Verantwortung übernehmen. Genau darin liegt der Unterschied zu bloßer Eventisierung: Hier wird kein fertiges Spektakel auf einen Stadtraum gesetzt, hier wird eine vorhandene Struktur verdichtet und für einen Tag sichtbar gemacht. Ein solches Fest zeigt, was Stadt sein kann, wenn sie nicht nur verwaltet, sondern geteilt wird.

    Natürlich liegt die einfache Lesart nahe: Ein Stadtfest belebt die Stadt. Es bringt Menschen hinaus, schafft Atmosphäre, stärkt Gemeinschaft, zeigt kulturelle Vielfalt. Das stimmt. Aber die größere Frage lautet: Wer kann an dieser Öffentlichkeit teilnehmen? Wer fühlt sich eingeladen? Wer bleibt außen vor? Welche Gruppen nutzen denselben Raum? Welche Konflikte werden sichtbar? Und welche Bilder eines Ortes werden dadurch verändert?

    Urbanität entsteht nicht schon dort, wo viel los ist. Sie entsteht dort, wo Unterschiedlichkeit nicht nur nebeneinander existiert, sondern öffentlich ausgehandelt werden kann. Stadt ist kein harmonischer Raum. Sie ist dicht, widersprüchlich, manchmal laut, oft unübersichtlich. In ihr begegnen sich Menschen mit unterschiedlichen Gewohnheiten, Bedürfnissen, Sprachen, Alter, Körpern, Einkommen und Vorstellungen davon, was ein öffentlicher Ort sein soll. Ein gutes Stadtfest darf diese Spannung nicht übermalen – es muss sie organisieren.

    Das ist der Unterschied zwischen Event und öffentlicher Kulturarbeit. Ein Event kann eine Stadt kurzfristig als Kulisse benutzen. Es kann Bilder produzieren, Frequenz erzeugen und den öffentlichen Raum für einige Stunden bespielen. Ein Stadtfest, das gesellschaftlich relevant sein will, muss mehr leisten. Es muss den Raum nicht nur füllen, sondern öffnen. Es muss nicht nur Publikum erzeugen, sondern auch Zugang. Es muss nicht nur Sichtbarkeit herstellen, sondern Begegnung ermöglichen. Das klingt einfach, ist es aber nicht.

    Denn öffentlicher Raum ist nie leer. Er ist bereits belegt: durch Gewohnheiten, Eigentumsverhältnisse, Verkehrslogiken, Sicherheitsvorstellungen, Nachbarschaften, Konsumregeln, unausgesprochene Codes und politische Entscheidungen. Wenn ein Fest in diesen Raum tritt, greift es in bestehende Ordnungen ein. Es verändert Wege, Lautstärken, Aufenthaltsformen und Blickachsen. Es erzeugt Freude, aber auch Reibung. Es schafft Nähe, aber auch Konflikte. Diese Konflikte sind kein Argument gegen solche Räume, sie zeigen vielmehr, dass Stadt gestaltet werden muss.

    Die politische Frage ist nicht, ob Reibung entsteht. Die Frage ist, ob es Strukturen gibt, die mit ihr umgehen können. Gibt es klare Zuständigkeiten? Gibt es faire Verfahren? Gibt es ein Verständnis dafür, dass Kultur im öffentlichen Raum nicht bloß Dekoration ist, sondern eine gesellschaftliche Funktion erfüllt? Hier wird ein Stadtfest zu mehr als einem kulturellen Anlass. Es wird zu einem Test für demokratische Stadtpolitik.

    Denn Demokratie besteht nicht nur aus Wahlen, Gremien und Debatten. Sie braucht auch Erfahrungsräume. Orte, an denen Menschen nicht nur als Konsument:innen, Anrainer:innen, Zielgruppen oder Verkehrsteilnehmer:innen vorkommen, sondern als Teil einer gemeinsamen Stadt. Orte, an denen Unterschiedlichkeit nicht nur behauptet, sondern praktisch ausgehalten wird.

    Für einen Tag kann die Bogenmeile so ein Ort sein. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, nicht losgelöst vom Alltag. Aber offen genug, um andere Begegnungen möglich zu machen. Zwischen Bühnen und Betrieben, zwischen Nachmittagsprogramm und Abendmusik, zwischen Straße und Kulturort entsteht eine Situation, in der Menschen die Bögen nicht nur als Problemraum, Ausgehzone oder Verkehrsachse erleben, sondern als geteilten Stadtraum.

    Viele gesellschaftliche Spaltungen entstehen nicht nur durch unterschiedliche Meinungen, sondern auch durch getrennte Erfahrungsräume. Menschen leben nebeneinander, aber begegnen sich kaum. Sie sprechen über Orte, ohne sie zu kennen. Sie urteilen über Gruppen, ohne mit ihnen in Kontakt zu kommen. Öffentlichkeit zerfällt dort, wo gemeinsame Räume fehlen. Ein Stadtfest kann das nicht lösen, aber es kann für einen Moment zeigen, dass es anders möglich ist.

    Dabei darf man solche Formate nicht romantisieren – auch Stadtfeste können ausschließen. Sie können zu teuer, zu laut, zu konsumorientiert, zu unübersichtlich oder zu sehr auf bestimmte Milieus zugeschnitten sein. Sie können öffentliche Räume privatisieren, Marketing über Teilhabe stellen oder kulturelle Vielfalt nur als Oberfläche benutzen. Gerade deshalb reicht es nicht, von Offenheit zu sprechen – Offenheit muss auch organisiert werden. Durch freien oder leistbaren Zugang, durch Programm, das unterschiedliche Gruppen nicht nur adressiert, sondern tatsächlich einbindet, durch Räume zum Verweilen, nicht nur zum Konsumieren. Durch Barrierefreiheit, verständliche Kommunikation, sichere Wege, Rückzugsmöglichkeiten und die Bereitschaft, Konflikte nicht als Störung, sondern als Teil öffentlicher Verantwortung zu begreifen. Vielfalt ist kein Plakat. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Menschen denselben Raum nutzen können, ohne sich vollständig aneinander angleichen zu müssen.

    Darin liegt die eigentliche Bedeutung eines Stadtfestes im öffentlichen Raum. Es ist nicht bloß ein kulturelles Ereignis. Es kann für kurze Zeit zeigen, was im Alltag oft verdeckt bleibt: welche Beziehungen, Initiativen, Orte und Konflikte eine Stadt tatsächlich tragen. Beim Bogenfest wird diese Struktur sichtbar, weil sie nicht erfunden werden muss, sondern längst da ist.

    Vielleicht ist genau das heute wichtiger, als es zunächst klingt. In einer Zeit, in der digitale Öffentlichkeiten fragmentierter werden, politische Debatten härter und viele Räume stärker durch Konsum, Kontrolle oder Rückzug geprägt sind, gewinnen reale gemeinsame Räume wieder an Bedeutung. Nicht als nostalgische Gegenwelt, sondern als praktische Voraussetzung dafür, dass Stadtgesellschaft erfahrbar bleibt.

    Ein Stadtfest kann keine Demokratie retten, aber es kann sichtbar machen, worauf demokratische Kultur angewiesen ist: Zugang, Begegnung, Konfliktfähigkeit, gemeinsame Erfahrung und Räume, die nicht vollständig durch Markt oder Verwaltung definiert sind.

    Wer Stadtfeste nur als Unterhaltung betrachtet, unterschätzt ihre politische Funktion. An den Viaduktbögen zeigt sich für einen Tag, was Stadt sein kann: nicht behauptet, nicht plakatiert, sondern gemeinsam erlebt.

  • Politische Bekenntnisse retten keine Kulturräume

    Politische Bekenntnisse retten keine Kulturräume

    Der Kulturort Halle 6 in St. Bartlmä steht aktuell massiv unter Druck. Laut aktuellen Verordnungen soll dort nur noch an maximal zehn Tagen im Jahr Kultur stattfinden dürfen. Und wir sprechen hier nicht von Veranstaltungen, die die ganze Nacht laufen. Nach aktuellem Stand: Musik bis 00:00 Uhr, Veranstaltungsende um 01:00 Uhr.

    Selbst großzügig gerechnet sollte klar sein: Mit zehn Veranstaltungstagen im Jahr lässt sich kein vernünftiger Kulturbetrieb finanzieren. Schon gar nicht an einem Ort, der nicht gewinnorientiert arbeitet, seine Veranstaltungen korrekt anmeldet und dabei mit fast allen relevanten Festivals verbunden ist und sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt der Innsbrucker Kultur (und ja, auch der sogenannten Hochkultur) entwickelt hat.

    Und genau deshalb geht es hier nicht nur um die Halle 6. Es geht um ein wiederkehrendes Muster in Innsbruck: Kulturorte entstehen durch enorme Eigeninitiative. Menschen investieren Zeit, Arbeit, Geld, Netzwerke und Risiko. Sie schaffen Räume, die die Stadt selbst nicht schafft. Irgendwann wird sichtbar, dass diese Orte funktionieren. Dann werden sie politisch gelobt. Dann wird mit ihnen gerne Stadtprofil gemacht. Dann tauchen sie in Hochglanzkommunikation auf. Dann werden Erfolge in „Innsbruck informiert“ gefeiert. Dann stellen sich Parteien vor Kulturstätten und produzieren Instagram-Reels.

    Aber bevor es so weit ist, müssen diese Orte offenbar erst eine erstaunliche Leidensfähigkeit beweisen. Bei der Talstation. Bei Reich für die Insel im Kubus. Und jetzt bei der Halle 6.

    Immer wieder braucht es zuerst Aufschrei, Medienberichte, Empörung und öffentlichen Druck, bevor Bewegung entsteht. Immer wieder kommt die politische Reaktion erst im Anschluss. Das ist keine vorausschauende Kulturraumpolitik – das ist Krisenverwaltung.

    Dabei liegt die Analyse längst auf dem Tisch. Die Kulturstrategie Innsbruck 2030 benennt selbst, dass Innsbruck nur wenige kostengünstige Räume für künstlerische und kulturelle Aktivitäten hat, dass in den letzten Jahren Subkulturinitiativen und Veranstaltungsorte verschwunden sind und nicht adäquat ersetzt werden konnten. Sie hält außerdem fest, dass Kultur als Teil von Stadtentwicklung und Stadtplanung aufgefasst und Räume für Kultur geschaffen werden sollen. Genau daran muss sich die Stadt jetzt messen lassen.

    Deshalb reicht es nicht, wenn politisch wieder einmal gesagt wird, man wolle die Halle 6 erhalten. Natürlich ist dieses Bekenntnis besser als Gleichgültigkeit. Aber ein Bekenntnis ist noch keine Struktur. Ein freundliches Zitat ist noch keine Absicherung. Und ein spätes Bemühen ist noch keine Strategie.

    Die eigentliche Frage lautet: Warum geraten funktionierende Kulturorte in Innsbruck überhaupt immer wieder in diese Lage?

    Warum müssen selbst gut vernetzte, korrekt arbeitende und nicht profitorientierte Initiativen immer wieder darum kämpfen, überhaupt weiterarbeiten zu dürfen?

    Warum wird Kulturraum politisch gewollt, aber verwaltungstechnisch nicht ausreichend ermöglicht?

    Die Halle 6 ist kein Luxusproblem. Solche Orte sind kulturelle Infrastruktur. Sie sind nicht bloß Veranstaltungsflächen. Sie sind Produktionsorte, Treffpunkte, Szeneanker und Möglichkeitsräume. Sie schaffen jene Form von Öffentlichkeit, die große Institutionen allein nicht herstellen können: niederschwellig, selbstorganisiert, experimentell, offen und nah an den Menschen, die diese Stadt kulturell tatsächlich mittragen.

    Wenn eine Stadt solche Orte ernst nimmt, behandelt sie sie nicht wie zufällige Einzelfälle. Dann schafft sie Verfahren, Zuständigkeiten und Lösungen, bevor der nächste Konflikt eskaliert. Dann gibt es frühzeitige baurechtliche und veranstaltungsrechtliche Beratung, koordinierte Abstimmung zwischen Kultur, Bau, Stadtentwicklung und Verwaltung und eine politische Linie, die nicht erst unter öffentlichem Druck sichtbar wird.

    Innsbruck braucht keine weitere Sonntagsrede über die Bedeutung freier Kultur. Innsbruck braucht eine Kulturraumpolitik, die funktioniert.

    Es gibt motivierte Menschen in dieser Stadt, die etwas wollen, aufbauen und Verantwortung übernehmen. Die Frage ist nur, wie lange man ihnen zumuten kann, sich das immer wieder anzutun.

    Eine Stadt, die ihre Kulturorte immer erst dann rettet, wenn sie gefährdet sind, spart nicht an Luxus. Sie beschädigt ihre eigene kulturelle Infrastruktur.

    Die Halle 6 braucht eine tragfähige Lösung.  

    Und Innsbruck braucht endlich eine Kulturraumpolitik, die handelt, bevor der nächste Ort auf der Kippe steht.

    Foto: Imo Kd

  • Afrika Bambaataa und die widersprüchliche Geschichte der Clubkultur

    Afrika Bambaataa (17. April 1957 – 9. April 2026) gehört zu jenen Figuren, ohne die sich die Geschichte moderner Clubkultur nur unvollständig erzählen lässt. Als früher Hip-Hop-DJ, Produzent und Mitbegründer der Universal Zulu Nation prägte er die Verbindung von Breakbeat, Electro und urbaner DJ-Kultur entscheidend mit. Vor allem Planet Rock wurde zu einem Wendepunkt: Der Track verband elektronische Klangästhetik mit schwarzer US-amerikanischer Tanzmusik und verschob damit die Grenze zwischen Bronx, Dancefloor und globaler Popzirkulation. Sein Einfluss reichte weit über den frühen Hip-Hop hinaus und wirkte tief in die Entwicklung von Electro hinein; mittelbar prägte er auch jene musikalischen und technischen Logiken, aus denen spätere Clubkulturen hervorgingen. 

    Bambaataas Bedeutung lag dabei nicht nur in einzelnen Produktionen, sondern auch in einer kulturellen Infrastruktur: in der Idee, DJing, Soundsysteme, Szeneorganisation und kollektive Identität zusammenzuführen. Die frühe Clubkultur verdankt solchen Figuren nicht nur neue Sounds, sondern auch neue Formen von Vernetzung, Zirkulation und Zugehörigkeit. Gerade deshalb wäre es falsch, seine historische Wirkung einfach zu tilgen. Ebenso falsch wäre jedoch jede rückblickende Heroisierung. 

    Denn zur Geschichte dieser Figur gehören auch die schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfe, die seit 2016 öffentlich wurden. Die Universal Zulu Nation entschuldigte sich damals bei den mutmaßlich Betroffenen für ihre Reaktion, und 2025 wurde gegen Bambaataa in einem Zivilverfahren ein Versäumnisurteil wegen Missbrauchs- und Trafficking-Vorwürfen erlassen. Diese Gewaltgeschichte ist kein nachträglicher Zusatz zur Kulturgeschichte, sondern Teil derselben Machtverhältnisse, in denen Szenen, Autorität und Schutz organisiert wurden. 

    Ein ernsthafter Nachruf muss deshalb beides zugleich festhalten: den prägenden Einfluss auf Hip-Hop, Electro und die Genese moderner Clubkultur – und die Tatsache, dass dieser Einfluss nicht von den Vorwürfen und den ihn umgebenden Strukturen getrennt betrachtet werden kann. Kritische Clubkulturgeschichte beginnt dort, wo sie weder ausblendet noch verklärt. 

  • Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was mit Clubs, Bars und anderen Nachtorten geschieht, ist politisch aufschlussreicher, als es auf den ersten Blick wirkt. An ihnen lässt sich ablesen, wie ein Staat mit Räumen umgeht, die nicht vollständig planbar, nicht vollständig kontrollierbar und gerade deshalb öffentlich relevant sind.

    Wer Nachtorte nur als Freizeitangebote betrachtet, verkennt ihre gesellschaftliche Funktion. Clubs sind nicht bloß Orte des Konsums. Sie sind Räume, in denen Menschen zusammenkommen, ohne dass jede Begegnung bereits institutionell gerahmt, ökonomisch verwertet oder politisch vorstrukturiert ist. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Und genau darin liegt auch ihre politische Verletzlichkeit.

    Ungarn und Russland sollten in diesem Zusammenhang nicht gleichgesetzt werden. Russland steht für offene autoritäre Repression. Ungarn bewegt sich im Kontext eines illiberalen EU-Mitgliedstaats, in dem demokratische Verfahren formal bestehen, Freiheitsrechte, Zivilgesellschaft und unabhängige Öffentlichkeiten jedoch zunehmend unter Druck geraten. Gerade diese Differenz macht den Vergleich politisch interessant. Es geht nicht darum, Unterschiede einzuebnen, sondern darum, eine gemeinsame Frage sichtbar zu machen: Was geschieht mit Räumen, die sich staatlicher, moralischer oder administrativer Kontrolle nicht vollständig fügen?

    In Budapest zeigt sich derzeit, wie repressiv gewendete Ordnungspolitik auf Nachtorte zugreift. Clubs wie Turbina und Arzenál wurden im Frühjahr 2026 im Zuge einer verschärften Anti-Drogen-Politik vorübergehend geschlossen. Turbina erklärte öffentlich, dass weder Drogen im Venue gefunden noch Festnahmen vorgenommen worden seien. Der konkrete Fall ist deshalb über sich selbst hinaus relevant. Er verweist auf eine politische Verschiebung, in der Verdacht, Überwachung und kollektive Verantwortungszuschreibung an Gewicht gewinnen. Nachtorte geraten damit nicht erst dann unter Druck, wenn ihnen konkrete Verstöße nachgewiesen werden, sondern bereits dann, wenn sie als kontrollierbares Risiko markiert werden.

    Der politische Kontext in Ungarn verschärft diese Entwicklung zusätzlich. Das Land befindet sich im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 12. April 2026 und Orbáns Partei „Fidesz“ steht unter Druck. Bereits 2025 hatte die Regierung ein Gesetz zum Verbot der Pride-Parade durchgesetzt. Auch hier zeigt sich ein bekanntes Muster: Wenn Regierungen Freiheitsräume zurückdrängen, treffen die Eingriffe oft zuerst jene Öffentlichkeiten, die als moralisch abweichend, kulturell unangepasst oder politisch unberechenbar gelten.

    Russland markiert eine wesentlich härtere Stufe. Dort geht es nicht mehr primär um administrativen Druck oder ordnungspolitische Verdichtung, sondern um offene Kriminalisierung. Das Oberste Gericht erklärte 2023 das sogenannte „internationale LGBT movement“ für extremistisch. Seit 2024 dient diese Entscheidung als Grundlage für willkürliche Strafverfolgung. Vor wenigen Tagen, im März 2026, wurde die Clubbetreiberin Tatiana Zorina in Chita zu vier Jahren Strafkolonie verurteilt, weil ihr Venue als Ort angeblich extremistischer Tätigkeit behandelt wurde. Hier wird Nachtleben nicht mehr nur reguliert. Es wird kriminalisiert, eingeschüchtert und mit Freiheitsentzug sanktioniert.

    Zwischen den Geschehnissen in Budapest und Russland liegt also ein erheblicher Unterschied – aber gerade deshalb lohnt es sich, beide Fälle nebeneinander zu betrachten. Nicht weil sie identisch wären, sondern weil sie unterschiedliche Stufen derselben politischen Grundproblematik sichtbar machen: den Zugriff auf Öffentlichkeiten, die sich nicht vollständig normieren lassen.

    Clubs, Bars und Nachtorte sind in diesem Sinn mehr als Szeneflächen oder Ausgehlokale – sie sind soziale Infrastrukturen. In ihnen entstehen Zugehörigkeit, informelle Netzwerke, ästhetische Praxis und Formen von Öffentlichkeit, die nicht vollständig institutionalisierbar sind. Menschen treffen dort nicht nur Konsumentscheidungen. Sie erleben Differenz, Selbstorganisation, Begegnung und nicht selten auch Schutzräume jenseits normierter Tagesordnungen. Solche Räume sind gesellschaftlich relevant, gerade weil sie nicht vollständig vorformatiert sind.

    Wer auf sie vor allem mit Verdacht zugreift, signalisiert deshalb mehr als Ordnungspolitik – er signalisiert ein politisches Misstrauen gegenüber Öffentlichkeiten, die nicht im Voraus definiert sind. Repression gegen Nachtleben ist daher oft nicht bloß ein Randthema der Kultur. Sie ist Teil einer umfassenderen Verengung von Öffentlichkeit.

    In Russland erscheint diese Verengung in offen autoritärer Form. In Ungarn zeigt sie sich in anderer, formal demokratischer, aber politisch anschlussfähiger Gestalt: über moralische Rahmungen, über Drogenpolitik, über Eingriffe in Versammlungsfreiheit und LGBTQA*-Rechte, über den schleichenden Druck auf unabhängige Milieus und zivilgesellschaftliche Räume. Die Instrumente unterscheiden sich, doch der politische Reflex ist erkennbar: Öffentlichkeiten, die sich nicht leicht disziplinieren lassen, werden als Problem behandelt.

    Der deutschsprachige Raum sollte das nicht als fernes Spezialthema betrachten. Die Mechanismen verlaufen hier anders – meist treten sie nicht als offene Repression auf, sondern als Verdrängung, Mietdruck, immobiliengetriebene Stadtentwicklung, ordnungspolitische Verkürzung oder mangelnde strategische Absicherung. Aber auch das hat politische Folgen. Szenen und Orte, die strukturell geschwächt sind, werden angreifbarer. Wo Nachtorte nur als Störung, als Risiko oder als ökonomische Verwertungsmasse behandelt werden, fehlt die institutionelle Stärke, die sie in Krisenzeiten schützen könnte.

    Genau hier wird Night Governance relevant. Nicht als modischer Begriff, sondern als Hinweis auf ein reales politisches Defizit. Die Nacht ist kein bloßer Anhang des Tages und auch kein Ausnahmezustand urbanen Lebens. Sie ist ein eigenständiges Feld von Stadtpolitik, Kulturpolitik und öffentlicher Koordination. Wer sie nur kontrollieren will, hat sie bereits falsch verstanden.

    Der entscheidende Punkt ist dabei weniger ein bestimmtes Modell als die Einsicht, die hinter dem Begriff steht: Die Nacht muss gestaltet werden, nicht bloß verwaltet oder sanktioniert. Es geht um Verfahren, Zuständigkeiten, Schutzinteressen, Nutzungskonflikte, kulturelle Teilhabe und die Frage, wie Städte mit jenen Räumen umgehen, in denen Offenheit praktisch wird.

    Wer Kulturpolitik, Stadtpolitik und Demokratiepolitik ernst nimmt, muss Nachtorte deshalb als Teil urbaner Öffentlichkeit begreifen: Nicht romantisch, nicht unkritisch, aber institutionell klar.

    Denn die Frage ist nicht nur, ob eine Stadt Nachtleben zulässt. Die eigentliche Frage ist, ob sie Räume schützt, in denen gesellschaftliche Offenheit überhaupt praktisch werden kann.

    Wo die Nacht politisch nur noch als Risiko erscheint, ist meist längst mehr in Gefahr als das Nachtleben.

  • Der Kubus und das strukturelle Versagen der Kulturraumpolitik

    Der Fall Kubus steht nicht einfach für den Verlust eines weiteren Kulturortes. Er legt eine grundsätzliche kulturpolitische Schwäche der Stadt Innsbruck offen: Kulturraumentwicklung wird bis heute nicht strukturell geplant, sondern situativ, intransparent und meist erst dann bearbeitet, wenn öffentlicher Druck entsteht.

    Dass der Glaskubus am Vorplatz des Tiroler Landestheaters künftig einer rein gastronomischen Nutzung zugeführt wird, ist deshalb nicht nur ernüchternd. Es ist vor allem bezeichnend. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob an diesem Ort auch Gastro denkbar wäre. Die entscheidende Frage lautet, warum ein funktionierender Kulturort in Innsbruck politisch so prekär bleibt, obwohl seit Jahren über Kulturraumpolitik gesprochen wird.

    Reich für die Insel war im Kubus keine beliebige Zwischennutzung. Die Initiative war eine schlüssige inhaltliche Ergänzung zu einem Umfeld, das stark von großen, institutionellen und finanziell wie kulturell höherschwelligen Formaten geprägt ist. Zwischen Landestheater, Haus der Musik, Hofburg und Congress schuf Reich für die Insel einen Ort, der niederschwelliger, offener und beweglicher funktioniert hat. Genau darin lag sein Wert: nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Institutionen, sondern als Ergänzung zu ihnen.

    Solche Orte sind kulturpolitisch relevant, weil sie Lücken schließen, die große Häuser strukturell nicht schließen können. Sie bieten Raum für kleinere Formate, für Szenen, für Übergänge zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Alltag, für spontane Kooperationen, für lokale Akteur:innen und für jene kulturellen Praxen, die in institutionell durchgeplanten Häusern oft keinen selbstverständlichen Platz finden. Wer Kulturraumentwicklung ernst meint, müsste genau solche Orte nicht als behelfsmäßige Zwischennutzung behandeln, sondern als Teil einer bewussten städtischen Infrastruktur.

    Hinzu kommt, dass Reich für die Insel nicht nur programmatisch wichtig war, sondern auch infrastrukturell. Die Anbindung an relevante Festivals und Akteur:innen der Stadt war gegeben, gleichzeitig wurden eigene Formate entwickelt und umgesetzt. Auch für das von uns entwickelte Festival Alles Gute war diese Zusammenarbeit zentral. Reich für die Insel hat sich nicht nur inhaltlich eingebracht, sondern der Kubus war auch als Produktions-, Backstage- und Lagerräumlichkeit wesentlich. Gerade daran zeigt sich, wie verkürzt der Blick auf Kulturorte oft ist: Es geht nicht nur um Sichtbarkeit und Programm, sondern auch um die oft unsichtbare Infrastruktur, ohne die kulturelle Produktion in Städten gar nicht funktioniert.

    Genau deshalb reicht es nicht, diese Entscheidung als bedauerlichen Einzelfall abzuhaken. Sie verweist auf ein tiefer liegendes Problem: In Innsbruck wird bis heute nicht überzeugend beantwortet, nach welchen langfristigen Zielen Kulturorte gesichert, entwickelt oder ersetzt werden sollen. Statt eines nachvollziehbaren kulturpolitischen Gesamtbildes entsteht immer wieder der Eindruck, dass auf einzelne Situationen isoliert reagiert wird. Mal wird öffentlicher Druck abgefangen, mal ein Konflikt verwaltet, mal eine Ausschreibung nachgereicht, mal auf spätere Lösungen verwiesen. Was fehlt, ist eine erkennbare Linie.

    Das ist umso bemerkenswerter, als die Debatte über Kulturräume in Innsbruck keineswegs neu ist. Seit Jahren ist bekannt, dass es an leistbaren, flexibel nutzbaren und nicht-kommerziell verengten Räumen fehlt. Ebenso lange ist bekannt, dass funktionierende Initiativen für die Stadt einen realen Mehrwert erzeugen: kulturell, sozial, atmosphärisch und nicht zuletzt auch für jene Form von Urbanität, mit der Innsbruck sich gerne schmückt. Trotzdem bleiben diese Orte politisch prekär. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Kulturpolitik, die Räume noch immer zu selten als dauerhafte Infrastruktur begreift.

    Gerade der Standort rund um den Vorplatz des Tiroler Landestheaters zeigt das besonders deutlich. Seit Jahren stockt dort nicht nur die räumliche und städtebauliche Entwicklung, auch inhaltlich fehlt eine erkennbare, konsistente Vorstellung davon, was dieser Ort für die Stadt eigentlich sein soll. Der Platz verharrt in einem Zustand des Ungefähren, halb repräsentativ, halb Transitraum, halb Aufenthaltsfläche, ohne klare städtische Idee. Umso wichtiger wäre es gewesen, Nutzung nicht nur verwaltungstechnisch, sondern stadt- und kulturpolitisch zu denken. Ein Ort wie der Kubus hätte Teil einer ernst gemeinten Gesamtstrategie für diesen Raum sein können.

    Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob Reich für die Insel den Kubus “verdient” hat. Die eigentliche Frage ist, warum funktionierende Kulturorte in Innsbruck selbst dann keinen stabilen politischen Status haben, wenn sie längst bewiesen haben, dass sie für den Standort, für Szenen und für konkrete Produktionen relevant sind. Wenn solche Orte jederzeit wieder zur Verfügungsmasse werden, dann fehlt es nicht an engagierten Akteur:innen, sondern an politischer Verlässlichkeit.

    Großen Respekt an Severin, Hannah, Xi und das gesamte Team für das, was ihr dort in den letzten Jahren aufgebaut und getragen habt. Ihr habt gezeigt, was ein solcher Ort leisten kann, wenn man ihn nicht bloß verwaltet, sondern mit Haltung, Energie und inhaltlichem Gespür betreibt. Dass das an diesem Standort künftig fehlen wird, ist nicht nur ein Verlust für euch, sondern ein Verlust für die Stadt.

    Und genau darin liegt die kulturpolitische Pointe dieses Falls: Innsbruck reagiert in Fragen von Kulturraum noch immer zu oft zergliedert, situationsbezogen und unter Druck, statt vorausschauend, transparent und strukturell. Solange sich daran nichts ändert, wird man weiter über einzelne verlorene Orte diskutieren, ohne das zugrunde liegende Problem zu lösen.

  • Kulturpolitik scheitert oft schon daran, dass sie Kultur für ein Randthema hält

    In der vergangenen Woche ergaben sich für mich zwei sehr unterschiedliche, aber inhaltlich eng verbundene Begegnungen: ein kulturpolitischer Austausch auf Landesebene mit Landeshauptmann Anton Mattle zur Frage, warum Räume der freien Kulturszene als demokratische Infrastruktur begriffen werden müssen, sowie Gespräche im Anschluss an den Tiroler Innovationstag, in denen erneut deutlich wurde, wie wichtig neue Verbindungen zwischen Kultur, Wirtschaft, Innovation, Stadt- und Regionalentwicklung sind.

    Gerade diese Gegenüberstellung war aufschlussreich. Sie verweist auf ein Grundproblem, das viele kulturpolitische Debatten bis heute prägt: Kultur wird noch immer zu oft als abgegrenztes Feld behandelt — als Fördermaterie, als Programm, als Standortfaktor oder als freiwillige Zusatzleistung. Damit wird ihre tatsächliche gesellschaftliche Funktion systematisch unterschätzt.

    Freie Kulturarbeit produziert nicht bloß Veranstaltungen. Sie schafft Öffentlichkeit, eröffnet Räume der Auseinandersetzung, ermöglicht Teilhabe, stiftet Identifikation und hält gesellschaftliche Imaginationskraft dort lebendig, wo Institutionen häufig auf Routinen, Standardverfahren und Effizienzlogiken angewiesen sind. Gerade in freien Kulturorten entstehen jene Formen von Begegnung, Erprobung und Reibung, die für eine demokratische Gesellschaft zentral sind, sich aber nicht ohne Weiteres in klassische Verwertungs- oder Verwaltungslogiken übersetzen lassen.

    Deshalb ist auch Kreativität keine bloß „weiche“ Kategorie. Sie betrifft nicht nur den Kulturbereich im engeren Sinn, sondern die Frage, wie Städte und Regionen mit Komplexität umgehen, wie Verwaltung lernfähig bleibt und wie gesellschaftliche Entwicklung jenseits rein technokratischer oder ökonomischer Raster vorstellbar wird. Wo Kreativität nur als dekoratives Beiwerk erscheint, wird ihr eigentlicher Gehalt verkannt: ihre Fähigkeit, neue Perspektiven hervorzubringen, festgefahrene Denkweisen zu irritieren und Möglichkeitsräume zu öffnen.

    Gerade daraus folgt die Notwendigkeit, Kultur nicht länger in ihren eigenen Binnenräumen zu belassen. Es braucht tragfähige Netzwerke zwischen Kultur und jenen Bereichen, in denen über Zukunftsfähigkeit, Innovation, Stadtentwicklung, regionale Entwicklung und institutionelle Steuerung entschieden wird. Solange Kultur zwar rhetorisch gerne als Querschnittsmaterie bezeichnet wird, praktisch aber vor allem in monothematischen Gesprächsrunden zirkuliert, bleibt ihr strukturelles Potenzial untererfasst.

    Wer Kultur ausschließlich als Ressort behandelt, unterschätzt ihre eigentliche Funktion. Sie ist kein dekorativer Zusatz zum Gemeinwesen, sondern Teil seiner demokratischen, sozialen und urbanen Infrastruktur. Die eigentliche Herausforderung besteht daher nicht nur darin, Kultur zu fördern, sondern sie endlich als das zu behandeln, was sie längst ist: ein Querschnittsthema für Demokratie, Stadt- und Regionalentwicklung sowie institutionelle Zukunftsfähigkeit.

    Für mich liegt genau hier eine zentrale kulturpolitische Aufgabe der kommenden Jahre: Kultur nicht bloß als Bereich zu verteidigen, sondern ihre Funktion in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen präziser zu benennen — und jene Allianzen aufzubauen, die notwendig sind, um daraus auch strukturelle Konsequenzen zu ziehen.

  • Diskurs reicht nicht mehr – wir müssen anfangen, Entscheidungen zu strukturieren.

    Diskurs reicht nicht mehr – wir müssen anfangen, Entscheidungen zu strukturieren.

    Das gestrige Panel „Zwischen Kritik und Konsequenz“ in Wien hat für mich sehr deutlich gezeigt, in welchem Spannungsfeld wir uns aktuell bewegen.

    Aus meiner Arbeit für die Vienna Club Commission, im Veranstaltungsbereich und in der kulturpolitischen Interessenvertretung kenne ich viele dieser Fragen seit Jahren – aber ich habe selten so klar gesehen, wie sehr sich die Erwartungen verschoben haben.

    Was gestern sichtbar wurde:

    Es reicht nicht mehr, über Prozesse zu sprechen, wenn konkrete Konsequenzen eingefordert werden.

    Es reicht nicht, Konflikte zu moderieren, wenn struktureller Machtmissbrauch im Raum steht.

    Und es reicht nicht, Verantwortung auf Einzelne abzuschieben, wenn die eigentlichen Fragen auf institutioneller und systemischer Ebene liegen.

    Gleichzeitig zeigt meine Erfahrung aus der Praxis auch:
    Diese Themen sind nicht einfach aufzulösen.

    Ein Übergriff ist kein Konflikt.
    Nicht jede Kritik ist gleich gelagert.
    Und viele Situationen bewegen sich in Graubereichen, in denen Entscheidungen trotzdem getroffen werden müssen.

    Genau hier entsteht aktuell die größte Unsicherheit – und auch der größte Druck auf Veranstalter:innen, Clubs und Institutionen.

    Das Panel konnte diese Spannungen nicht auflösen.
    Aber es hat etwas anderes geschafft:

    Es hat sichtbar gemacht, wo die Bruchlinien verlaufen.

    Zwischen Aufarbeitung und Konsequenz.
    Zwischen individueller und struktureller Verantwortung.
    Zwischen dem Anspruch, „richtig“ zu handeln – und den realen Handlungsspielräumen in einem komplexen System.

    Und auch zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, was ein öffentliches Diskursformat überhaupt leisten kann.

    Für mich ist daraus klar ableitbar:

    Wir kommen an einen Punkt, an dem Diskurs alleine nicht mehr ausreicht.

    Was fehlt, sind nachvollziehbare Entscheidungslogiken – also Strukturen, die klären:
    Wie gehen wir mit Vorwürfen um?
    Wer entscheidet?
    Und auf welcher Grundlage?

    Genau daran arbeite ich aktuell gemeinsam mit der Vienna Club Commission und anderen Akteur:innen im Feld.

    Der nächste Schritt kann aus meiner Sicht nur sein:
    Formate zu entwickeln, die nicht nur Austausch ermöglichen, sondern zu konkreten Orientierungen und Entscheidungen führen.

    Denn die eigentliche Herausforderung beginnt genau hier:

    Wie kommen wir von Diskussion zu Struktur?

    Danke an alle, die sich gestern eingebracht haben – am Podium und im Publikum. Die nächsten Schritte folgen.

  • Wer entscheidet eigentlich im Club, wenn es ernst wird?

    Wer entscheidet eigentlich im Club, wenn es ernst wird?

    Der Clubszene fehlt weniger Haltung als Verfahren.

    Über diese These habe ich hier bereits vor zwei Wochen geschrieben. Seitdem lässt mich eine Frage nicht los: Wie entstehen in Clubs eigentlich verantwortungsvolle Entscheidungen – und wer trifft sie?

    Konflikte, Vorwürfe und Boykottforderungen gehören längst zum Alltag kultureller Räume. Gleichzeitig arbeiten viele Clubs, Festivals und Veranstaltungsorte noch immer ohne klare Verfahren, wenn solche Situationen auftreten. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Problem.

    Die Szene diskutiert intensiv über Haltung – aber deutlich seltener über Zuständigkeiten, Prozesse und Entscheidungslogiken. Genau dort entscheidet sich jedoch, ob Kulturorte langfristig handlungsfähig bleiben. Ohne Verfahren entstehen Entscheidungen unter Druck: situativ, intransparent und oft abhängig von Einzelpersonen. Mit Verfahren entsteht etwas anderes – Verantwortung, Nachvollziehbarkeit und institutionelle Lernfähigkeit.

    Vor diesem Hintergrund haben wir als Teil der Vienna Club Commission ein Panel konzipiert, das genau diese Lücke adressiert.

    Zwischen Kritik und Verantwortung
    Do. 19.03. | 19:00
    O – der Klub, Wien
    Eintritt frei

    Am Podium sitzen Akteur:innen, die täglich mit diesen Fragen arbeiten – aus unterschiedlichen Perspektiven:

    • Susanne Kirchmayr (Electric Indigo / female:pressure) – langjährige Erfahrung mit internationalen Szenen und strukturellen Machtfragen
    • Meike Lauggas (vera*) – Aufbau von Vertrauens- und Beratungsstrukturen im Kulturbereich
    • Laura Platzer (Universo Diverso) – Entwicklung von FLINTA*-Räumen als konkrete Praxis im Clubkontext
    • Judith Staudinger (Wiener Festwochen) – Mitentwicklung institutioneller Verfahren im Umgang mit öffentlichen Konflikten
    • Michael Gröss (U4) – 20 Jahre Clubbetrieb und Konfliktpraxis ohne standardisierte Prozesse

    Moderiert wird das Gespräch von Antonia Rauth (DER STANDARD / Inside Austria).

    Im Zentrum stehen Fragen, die aktuell viele Kulturorte betreffen: Wie politisch kann oder soll Clubkultur sein? Spalten gesellschaftliche Konflikte zunehmend die Szene? Wie können Clubs mit Vorwürfen umgehen, ohne vorschnelle Urteile oder institutionelle Blindheit? Und was passiert nach Konflikten – gibt es Wege der Rehabilitation und Weiterarbeit?

    Wir werden an diesem Abend nicht klären, wer „cancelbar“ ist. Uns interessiert etwas anderes: Was passiert, wenn Kulturorte keine Verfahren haben – und was möglich wird, wenn sie beginnen, welche zu entwickeln.

    Clubs sind Teil urbaner Öffentlichkeit. Wenn sie gesellschaftlich ernst genommen werden wollen, müssen auch ihre Entscheidungsprozesse ernst genommen werden. Ohne Governance bleibt Haltung folgenlos.

  • Nachtstrategie Innsbruck (Leserbrief TT)

    Heute wurde ein kurzer Leserbrief von mir in der Tiroler Tageszeitung veröffentlicht.

    Ausgangspunkt dafür war eine Beobachtung, die viele Städte derzeit beschäftigt: Die Nacht wird politisch und planerisch oft erst dann sichtbar, wenn Konflikte entstehen – etwa rund um Lärm, Sicherheit oder die Nutzung öffentlicher Räume.

    Gleichzeitig ist die Nacht längst ein zentraler Teil des urbanen Lebens. Nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten Menschen in Gastronomie, Kultur, Mobilität oder Sicherheitsdiensten. Clubs, Festivals und Veranstaltungen schaffen soziale Räume für Begegnung, kulturelle Produktion und Austausch.

    In meiner Arbeit an Kulturorten und Festivals erlebe ich regelmäßig, wie stark diese nächtlichen Strukturen das soziale Leben einer Stadt prägen – und wie wenig sie bislang strategisch gedacht werden.

    Viele europäische Städte beginnen deshalb, ihre Nacht bewusster zu organisieren – etwa mit Nachtbeauftragten, koordinierten Verwaltungsstrukturen oder eigenen Nachtstrategien.

    Auch Innsbruck wird sich früher oder später intensiver mit dieser Frage beschäftigen müssen. Gerade in Städten mit lebendiger Kultur- und Veranstaltungsszene entstehen hier sowohl Nutzungskonflikte als auch große Potenziale für urbane Begegnungsräume.

    Der Leserbrief greift diesen Gedanken kurz auf: Eine Stadt, die ihre Zukunft gestalten will, sollte nicht nur den Tag planen – sondern auch verstehen, wie sie ihre Nacht organisiert.

  • Zehn Jahre DIAMETRALE. Zehn Jahre „nutzlos und schön“.

    Als Kulturarbeiter bewegt man sich in einem Bereich, den man politisch und wirtschaftlich niemals wirklich ernst nimmt – und den man deshalb ständig verteidigen muss.

    „nutzlos und schön“ – das Motto unseres Filmfestivals klingt deshalb auf den ersten Blick nach strategischer Selbstsabotage. Ist es aber nicht. Oder zumindest: nicht nur. Das Nutzlose und das Schöne zu ehren bedeutet für mich eine unerschütterliche Liebe zum (zwischen)menschlichen Tun, zur Intensität und zum Scheitern. Es wirft dem Drang, sämtliche Lebensbereiche durchzuökonomisieren, mit Freude Prügel vor die Füße. Und es nickt wohlwollend all jenen zu, die sich der Verzögerung der Zeit verschrieben haben – innezuhalten, wo blinder Aktivismus und partikulare Interessen Scheinlösungen produzieren.

    Das diesjährige, beigestellte Jubiläumsmotto lautet: Apokalypse LOL. Auch dieses lässt erahnen: Im Grunde geht’s um nicht so viel. Was natürlich gleichzeitig bedeutet, dass es irgendwie um alles geht.

    Denn weshalb streben wir nach Erfolg, Selbstoptimierung, Likes, Karriere? Weil wir uns wohlfühlen, gut essen, schön lieben und uns von Menschen – die wir im Idealfall schätzen – gut behandelt fühlen wollen. Mehr steckt da eigentlich nicht dahinter. Und im Idealfall erlauben wir uns, das auch zuzulassen.

    Ein kleiner Gruß an die Nachgeborenen, die sich aktuell mit einem schauderhaften Vergleichsdruck herumschlagen müssen: Lasst euch von ein paar Menschen, die sich ihrer Lebensmitte nähern, diesen einen Rat mitgeben – Im Grunde geht’s um nicht so viel. Oder: Man darf sich den Investment-Punk als scheiternden Menschen vorstellen.

    Ich habe in meinen 30ern begonnen, neben den zugegeben inspirierenden Kräften Wut, Schmerz und Abgründigkeit auch die entspannteren Dinge des Lebens zu schätzen. Ein bisschen spazieren. Im Schatten auf der Bank sitzen. Schauen, ob die Schneeglöckchen schon blühen. Und je älter ich werde, desto lieber esse ich ein bisschen Kuchen.

    Was ich zusätzlich dazugelernt habe: Man muss nicht immer erreichbar sein – auch wenn man die Leute gerne mag. Man sollte sich aber immer wieder bewusst melden – wenn man die Leute gerne mag. Und FOMO ist etwas für Menschen, die noch ihre Bezugsgruppen suchen. Wer seine gefunden hat, kann sich zurücklehnen und das Buffet genießen.

    Damit das Böse in der Welt seinen Schrecken verliert, brauchen wir das Nutzlose und das Schöne. Wir befinden uns gesamtgesellschaftlich gerade an der Kippe zur Verrohung – die kommenden fünf Tage sollen hierfür ein wohlschmeckendes Gegengift darstellen.

    DIAMETRALE #10 | Apokalypse LOL | 11.–15. März 2026 | Innsbruck
    Filmfestival für Experimentelles & Komisches – nutzlos und schön, seit 10 Jahren.
    www.diametrale.at