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  • Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was autoritäre Politik mit freien Räumen macht

    Was mit Clubs, Bars und anderen Nachtorten geschieht, ist politisch aufschlussreicher, als es auf den ersten Blick wirkt. An ihnen lässt sich ablesen, wie ein Staat mit Räumen umgeht, die nicht vollständig planbar, nicht vollständig kontrollierbar und gerade deshalb öffentlich relevant sind.

    Wer Nachtorte nur als Freizeitangebote betrachtet, verkennt ihre gesellschaftliche Funktion. Clubs sind nicht bloß Orte des Konsums. Sie sind Räume, in denen Menschen zusammenkommen, ohne dass jede Begegnung bereits institutionell gerahmt, ökonomisch verwertet oder politisch vorstrukturiert ist. Gerade darin liegt ihre Bedeutung. Und genau darin liegt auch ihre politische Verletzlichkeit.

    Ungarn und Russland sollten in diesem Zusammenhang nicht gleichgesetzt werden. Russland steht für offene autoritäre Repression. Ungarn bewegt sich im Kontext eines illiberalen EU-Mitgliedstaats, in dem demokratische Verfahren formal bestehen, Freiheitsrechte, Zivilgesellschaft und unabhängige Öffentlichkeiten jedoch zunehmend unter Druck geraten. Gerade diese Differenz macht den Vergleich politisch interessant. Es geht nicht darum, Unterschiede einzuebnen, sondern darum, eine gemeinsame Frage sichtbar zu machen: Was geschieht mit Räumen, die sich staatlicher, moralischer oder administrativer Kontrolle nicht vollständig fügen?

    In Budapest zeigt sich derzeit, wie repressiv gewendete Ordnungspolitik auf Nachtorte zugreift. Clubs wie Turbina und Arzenál wurden im Frühjahr 2026 im Zuge einer verschärften Anti-Drogen-Politik vorübergehend geschlossen. Turbina erklärte öffentlich, dass weder Drogen im Venue gefunden noch Festnahmen vorgenommen worden seien. Der konkrete Fall ist deshalb über sich selbst hinaus relevant. Er verweist auf eine politische Verschiebung, in der Verdacht, Überwachung und kollektive Verantwortungszuschreibung an Gewicht gewinnen. Nachtorte geraten damit nicht erst dann unter Druck, wenn ihnen konkrete Verstöße nachgewiesen werden, sondern bereits dann, wenn sie als kontrollierbares Risiko markiert werden.

    Der politische Kontext in Ungarn verschärft diese Entwicklung zusätzlich. Das Land befindet sich im Wahlkampf vor der Parlamentswahl am 12. April 2026 und Orbáns Partei „Fidesz“ steht unter Druck. Bereits 2025 hatte die Regierung ein Gesetz zum Verbot der Pride-Parade durchgesetzt. Auch hier zeigt sich ein bekanntes Muster: Wenn Regierungen Freiheitsräume zurückdrängen, treffen die Eingriffe oft zuerst jene Öffentlichkeiten, die als moralisch abweichend, kulturell unangepasst oder politisch unberechenbar gelten.

    Russland markiert eine wesentlich härtere Stufe. Dort geht es nicht mehr primär um administrativen Druck oder ordnungspolitische Verdichtung, sondern um offene Kriminalisierung. Das Oberste Gericht erklärte 2023 das sogenannte „internationale LGBT movement“ für extremistisch. Seit 2024 dient diese Entscheidung als Grundlage für willkürliche Strafverfolgung. Vor wenigen Tagen, im März 2026, wurde die Clubbetreiberin Tatiana Zorina in Chita zu vier Jahren Strafkolonie verurteilt, weil ihr Venue als Ort angeblich extremistischer Tätigkeit behandelt wurde. Hier wird Nachtleben nicht mehr nur reguliert. Es wird kriminalisiert, eingeschüchtert und mit Freiheitsentzug sanktioniert.

    Zwischen den Geschehnissen in Budapest und Russland liegt also ein erheblicher Unterschied – aber gerade deshalb lohnt es sich, beide Fälle nebeneinander zu betrachten. Nicht weil sie identisch wären, sondern weil sie unterschiedliche Stufen derselben politischen Grundproblematik sichtbar machen: den Zugriff auf Öffentlichkeiten, die sich nicht vollständig normieren lassen.

    Clubs, Bars und Nachtorte sind in diesem Sinn mehr als Szeneflächen oder Ausgehlokale – sie sind soziale Infrastrukturen. In ihnen entstehen Zugehörigkeit, informelle Netzwerke, ästhetische Praxis und Formen von Öffentlichkeit, die nicht vollständig institutionalisierbar sind. Menschen treffen dort nicht nur Konsumentscheidungen. Sie erleben Differenz, Selbstorganisation, Begegnung und nicht selten auch Schutzräume jenseits normierter Tagesordnungen. Solche Räume sind gesellschaftlich relevant, gerade weil sie nicht vollständig vorformatiert sind.

    Wer auf sie vor allem mit Verdacht zugreift, signalisiert deshalb mehr als Ordnungspolitik – er signalisiert ein politisches Misstrauen gegenüber Öffentlichkeiten, die nicht im Voraus definiert sind. Repression gegen Nachtleben ist daher oft nicht bloß ein Randthema der Kultur. Sie ist Teil einer umfassenderen Verengung von Öffentlichkeit.

    In Russland erscheint diese Verengung in offen autoritärer Form. In Ungarn zeigt sie sich in anderer, formal demokratischer, aber politisch anschlussfähiger Gestalt: über moralische Rahmungen, über Drogenpolitik, über Eingriffe in Versammlungsfreiheit und LGBTQA*-Rechte, über den schleichenden Druck auf unabhängige Milieus und zivilgesellschaftliche Räume. Die Instrumente unterscheiden sich, doch der politische Reflex ist erkennbar: Öffentlichkeiten, die sich nicht leicht disziplinieren lassen, werden als Problem behandelt.

    Der deutschsprachige Raum sollte das nicht als fernes Spezialthema betrachten. Die Mechanismen verlaufen hier anders – meist treten sie nicht als offene Repression auf, sondern als Verdrängung, Mietdruck, immobiliengetriebene Stadtentwicklung, ordnungspolitische Verkürzung oder mangelnde strategische Absicherung. Aber auch das hat politische Folgen. Szenen und Orte, die strukturell geschwächt sind, werden angreifbarer. Wo Nachtorte nur als Störung, als Risiko oder als ökonomische Verwertungsmasse behandelt werden, fehlt die institutionelle Stärke, die sie in Krisenzeiten schützen könnte.

    Genau hier wird Night Governance relevant. Nicht als modischer Begriff, sondern als Hinweis auf ein reales politisches Defizit. Die Nacht ist kein bloßer Anhang des Tages und auch kein Ausnahmezustand urbanen Lebens. Sie ist ein eigenständiges Feld von Stadtpolitik, Kulturpolitik und öffentlicher Koordination. Wer sie nur kontrollieren will, hat sie bereits falsch verstanden.

    Der entscheidende Punkt ist dabei weniger ein bestimmtes Modell als die Einsicht, die hinter dem Begriff steht: Die Nacht muss gestaltet werden, nicht bloß verwaltet oder sanktioniert. Es geht um Verfahren, Zuständigkeiten, Schutzinteressen, Nutzungskonflikte, kulturelle Teilhabe und die Frage, wie Städte mit jenen Räumen umgehen, in denen Offenheit praktisch wird.

    Wer Kulturpolitik, Stadtpolitik und Demokratiepolitik ernst nimmt, muss Nachtorte deshalb als Teil urbaner Öffentlichkeit begreifen: Nicht romantisch, nicht unkritisch, aber institutionell klar.

    Denn die Frage ist nicht nur, ob eine Stadt Nachtleben zulässt. Die eigentliche Frage ist, ob sie Räume schützt, in denen gesellschaftliche Offenheit überhaupt praktisch werden kann.

    Wo die Nacht politisch nur noch als Risiko erscheint, ist meist längst mehr in Gefahr als das Nachtleben.

  • Der Kubus und das strukturelle Versagen der Kulturraumpolitik

    Der Fall Kubus steht nicht einfach für den Verlust eines weiteren Kulturortes. Er legt eine grundsätzliche kulturpolitische Schwäche der Stadt Innsbruck offen: Kulturraumentwicklung wird bis heute nicht strukturell geplant, sondern situativ, intransparent und meist erst dann bearbeitet, wenn öffentlicher Druck entsteht.

    Dass der Glaskubus am Vorplatz des Tiroler Landestheaters künftig einer rein gastronomischen Nutzung zugeführt wird, ist deshalb nicht nur ernüchternd. Es ist vor allem bezeichnend. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob an diesem Ort auch Gastro denkbar wäre. Die entscheidende Frage lautet, warum ein funktionierender Kulturort in Innsbruck politisch so prekär bleibt, obwohl seit Jahren über Kulturraumpolitik gesprochen wird.

    Reich für die Insel war im Kubus keine beliebige Zwischennutzung. Die Initiative war eine schlüssige inhaltliche Ergänzung zu einem Umfeld, das stark von großen, institutionellen und finanziell wie kulturell höherschwelligen Formaten geprägt ist. Zwischen Landestheater, Haus der Musik, Hofburg und Congress schuf Reich für die Insel einen Ort, der niederschwelliger, offener und beweglicher funktioniert hat. Genau darin lag sein Wert: nicht als Konkurrenz zu den bestehenden Institutionen, sondern als Ergänzung zu ihnen.

    Solche Orte sind kulturpolitisch relevant, weil sie Lücken schließen, die große Häuser strukturell nicht schließen können. Sie bieten Raum für kleinere Formate, für Szenen, für Übergänge zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Alltag, für spontane Kooperationen, für lokale Akteur:innen und für jene kulturellen Praxen, die in institutionell durchgeplanten Häusern oft keinen selbstverständlichen Platz finden. Wer Kulturraumentwicklung ernst meint, müsste genau solche Orte nicht als behelfsmäßige Zwischennutzung behandeln, sondern als Teil einer bewussten städtischen Infrastruktur.

    Hinzu kommt, dass Reich für die Insel nicht nur programmatisch wichtig war, sondern auch infrastrukturell. Die Anbindung an relevante Festivals und Akteur:innen der Stadt war gegeben, gleichzeitig wurden eigene Formate entwickelt und umgesetzt. Auch für das von uns entwickelte Festival Alles Gute war diese Zusammenarbeit zentral. Reich für die Insel hat sich nicht nur inhaltlich eingebracht, sondern der Kubus war auch als Produktions-, Backstage- und Lagerräumlichkeit wesentlich. Gerade daran zeigt sich, wie verkürzt der Blick auf Kulturorte oft ist: Es geht nicht nur um Sichtbarkeit und Programm, sondern auch um die oft unsichtbare Infrastruktur, ohne die kulturelle Produktion in Städten gar nicht funktioniert.

    Genau deshalb reicht es nicht, diese Entscheidung als bedauerlichen Einzelfall abzuhaken. Sie verweist auf ein tiefer liegendes Problem: In Innsbruck wird bis heute nicht überzeugend beantwortet, nach welchen langfristigen Zielen Kulturorte gesichert, entwickelt oder ersetzt werden sollen. Statt eines nachvollziehbaren kulturpolitischen Gesamtbildes entsteht immer wieder der Eindruck, dass auf einzelne Situationen isoliert reagiert wird. Mal wird öffentlicher Druck abgefangen, mal ein Konflikt verwaltet, mal eine Ausschreibung nachgereicht, mal auf spätere Lösungen verwiesen. Was fehlt, ist eine erkennbare Linie.

    Das ist umso bemerkenswerter, als die Debatte über Kulturräume in Innsbruck keineswegs neu ist. Seit Jahren ist bekannt, dass es an leistbaren, flexibel nutzbaren und nicht-kommerziell verengten Räumen fehlt. Ebenso lange ist bekannt, dass funktionierende Initiativen für die Stadt einen realen Mehrwert erzeugen: kulturell, sozial, atmosphärisch und nicht zuletzt auch für jene Form von Urbanität, mit der Innsbruck sich gerne schmückt. Trotzdem bleiben diese Orte politisch prekär. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer Kulturpolitik, die Räume noch immer zu selten als dauerhafte Infrastruktur begreift.

    Gerade der Standort rund um den Vorplatz des Tiroler Landestheaters zeigt das besonders deutlich. Seit Jahren stockt dort nicht nur die räumliche und städtebauliche Entwicklung, auch inhaltlich fehlt eine erkennbare, konsistente Vorstellung davon, was dieser Ort für die Stadt eigentlich sein soll. Der Platz verharrt in einem Zustand des Ungefähren, halb repräsentativ, halb Transitraum, halb Aufenthaltsfläche, ohne klare städtische Idee. Umso wichtiger wäre es gewesen, Nutzung nicht nur verwaltungstechnisch, sondern stadt- und kulturpolitisch zu denken. Ein Ort wie der Kubus hätte Teil einer ernst gemeinten Gesamtstrategie für diesen Raum sein können.

    Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob Reich für die Insel den Kubus “verdient” hat. Die eigentliche Frage ist, warum funktionierende Kulturorte in Innsbruck selbst dann keinen stabilen politischen Status haben, wenn sie längst bewiesen haben, dass sie für den Standort, für Szenen und für konkrete Produktionen relevant sind. Wenn solche Orte jederzeit wieder zur Verfügungsmasse werden, dann fehlt es nicht an engagierten Akteur:innen, sondern an politischer Verlässlichkeit.

    Großen Respekt an Severin, Hannah, Xi und das gesamte Team für das, was ihr dort in den letzten Jahren aufgebaut und getragen habt. Ihr habt gezeigt, was ein solcher Ort leisten kann, wenn man ihn nicht bloß verwaltet, sondern mit Haltung, Energie und inhaltlichem Gespür betreibt. Dass das an diesem Standort künftig fehlen wird, ist nicht nur ein Verlust für euch, sondern ein Verlust für die Stadt.

    Und genau darin liegt die kulturpolitische Pointe dieses Falls: Innsbruck reagiert in Fragen von Kulturraum noch immer zu oft zergliedert, situationsbezogen und unter Druck, statt vorausschauend, transparent und strukturell. Solange sich daran nichts ändert, wird man weiter über einzelne verlorene Orte diskutieren, ohne das zugrunde liegende Problem zu lösen.

  • Freiheit im Club ist kein Selbstläufer

    Freiheit im Club ist kein Selbstläufer

    Die aktuellen internationalen Debatten über sexualisierte Gewalt in Teilen der elektronischen Musikszene treffen auch in Wien auf einen sensiblen Hintergrund. Spätestens seit #TechnoMeToo im Jahr 2023 ist sichtbar geworden, dass Übergriffe, Grenzverletzungen und Machtmissbrauch auch in lokalen Clubkontexten stattfinden – und dass viele Betroffene lange keinen sicheren Rahmen hatten, um darüber zu sprechen.

    Clubkultur versteht sich oft als Raum von Freiheit, Selbstbestimmung und gegenseitigem Respekt. Gerade deshalb müssen wir auch bereit sein, hinzusehen, wenn diese Werte verletzt werden. Eine Szene, die sich als progressiv versteht, muss auch den Mut haben, ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen.

    Übergriffe entstehen selten im luftleeren Raum. Sie passieren dort, wo Macht ungleich verteilt ist: in informellen Netzwerken, bei Abhängigkeiten rund um Bookings und Tourstrukturen, in Backstage-Situationen ohne klare Regeln oder in Szenekontexten, in denen Loyalität wichtiger erscheint als Verantwortung. Wenn solche Strukturen nicht reflektiert werden, entsteht ein Klima, in dem Grenzverletzungen leichter passieren – und Betroffene oft alleine bleiben.

    Eine sichere Clubkultur entsteht deshalb nicht durch einzelne Statements, sondern durch gemeinsames Handeln. Verantwortung tragen alle, die Teil dieser Szene sind: Clubs, Veranstalter:innen, Artists, Agenturen, Crew und Publikum.

    Das bedeutet konkret: klare Hausregeln und Codes of Conduct, funktionierende Awareness-Strukturen, sichere Wege für Meldungen und Unterstützung sowie Teams, die geschult sind, in schwierigen Situationen einzugreifen.

    In Wien arbeiten u.a. Strukturen wie die Vienna Club Commission daran, Wissen, Tools und Austauschformate bereitzustellen – etwa über die Workshopreihe „Safer Feiern“. Ziel dieser Arbeit ist es, gemeinsam mit der Szene Standards zu stärken, die Clubs zu Orten machen, an denen Freiheit nicht nur behauptet, sondern aktiv geschützt wird.

    Gerade rund um den Feministischen Kampftag erinnert uns die Debatte daran, dass Sicherheit, Respekt und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit sind – auch nicht im Nachtleben. Eine lebendige Clubkultur lebt davon, dass Menschen füreinander Verantwortung übernehmen, Grenzen respektieren und nicht wegschauen.

    Wenn du akut Unterstützung brauchst (Österreich): Frauenhelpline 0800 222 555 · Gewaltschutzzentren 0800 700 217 · LEFÖ-IBF +43 1 796 92 98 · Männernotruf 0800 246 247

  • Kultur unter Druck – und warum wir in Österreich strukturell mutig sein dürfen

    Was derzeit europaweit im Verhältnis zwischen Kultur und Politik zu beobachten ist, ist keine lose Abfolge einzelner Skandale, sondern ein strukturelles Muster. Kulturinstitutionen geraten unter Druck, nicht primär über offene Verbote, sondern über Budgetlogiken, Personalentscheidungen, Förderkriterien und diskursive Delegitimierung. Wer die Entwicklungen in Ungarn oder Polen mitverfolgt, erkennt schnell: Der entscheidende Hebel ist nicht die spektakuläre Zensurmaßnahme, sondern die schrittweise Verschiebung institutioneller Autonomie.

    Österreich befindet sich (noch) nicht in einer vergleichbaren Situation, aber die Mechanismen, die anderswo wirksam wurden, sind auch hier erkennbar. Politisch engagierte Kunst wird als „Agitation“ geframt, kulturelle Programme als „Steuergeldverschwendung“ skandalisiert, Institutionen sehen sich mit Neutralitätsforderungen konfrontiert, die bei genauer Betrachtung weniger auf Transparenz als auf Inhaltsdisziplinierung abzielen. Gleichzeitig stehen Kulturbudgets unter einem generellen Sparvorbehalt, der in der Praxis selten neutral wirkt. Besonders vulnerabel sind jene Bereiche, die experimentell, divers oder gesellschaftskritisch arbeiten. Genau dort, wo demokratische Auseinandersetzung stattfindet, entsteht Rechtfertigungsdruck.

    Das sind keine spektakulären Angriffe, sondern Verschiebungen. Und sie entfalten ihre Wirkung nicht über das Verbot, sondern über den sogenannten Chilling Effect. Institutionen beginnen, Risiken zu vermeiden. Programme werden vorsichtiger formuliert. Konflikte werden entschärft, bevor sie entstehen. Demokratische Öffentlichkeit verengt sich nicht abrupt, sondern graduell.

    Die internationalen Beispiele zeigen, wie entscheidend institutionelle Architektur ist. In Ungarn wurde über Gesetzesänderungen und Mitspracherechte bei Leitungsbestellungen schrittweise Kontrolle aufgebaut. In Polen wurden Personalentscheidungen und Förderlogiken politisch neu ausgerichtet. Entscheidend war dabei weniger der einzelne Skandal als die strukturelle Verankerung von Abhängigkeiten. Sobald Gremien umgebaut, Förderkriterien umcodiert und Leitungspositionen systematisch politisiert sind, reicht ein Regierungswechsel nicht mehr aus, um Autonomie wiederherzustellen: Die Architektur bleibt.

    Genau an diesem Punkt unterscheidet sich die österreichische Situation: Unsere föderale Struktur erschwert zentrale Durchsteuerung, Kulturkompetenzen sind verteilt, Entscheidungszentren plural. Hinzu kommt eine vergleichsweise starke freie Szene, vernetzte Interessensvertretungen und eine Öffentlichkeit, die sensibel auf Eingriffe in die Kunstfreiheit reagiert. Diese Faktoren sind keine Garantie, aber sie sind reale Resilienzressourcen.

    Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob es Angriffe gibt. Die Frage lautet, wie robust unsere institutionellen Strukturen sind, wenn sie unter Druck geraten. Und hier zeigt die europäische Analyse klar: Moralische Empörung ist kein wirksames Schutzinstrument – strukturelle Klarheit allerdings schon.

    Dort, wo Förderentscheidungen transparent dokumentiert werden, wo Jurys unabhängig besetzt sind, wo Conflict-of-Interest-Regeln greifen und Leitungsbestellungen objektiviert erfolgen, verlieren Angriffe an Durchschlagskraft. Je sauberer Governance organisiert ist, desto geringer ist die politische Angriffsfläche. Wer nachvollziehbar entscheidet, schützt Autonomie nicht nur symbolisch, sondern administrativ.

    Ebenso entscheidend ist institutionelle Redundanz. Autonomie darf nicht an Einzelpersonen hängen. Resiliente Kultursysteme verfügen über mehrere Finanzierungssäulen, über Kooperationen zwischen Institutionen, über Allianzen mit Bildungs- und Sozialbereichen sowie mit Wissenschaft und urbaner Entwicklung. Je stärker Kultur als Querschnittsstruktur verankert ist, desto schwieriger ist ihre politische Isolierung.

    Ein weiterer Hebel liegt in der begrifflichen Rahmung. Solange Kultur als freiwillige Leistung oder als Standortfaktor argumentiert wird, bleibt sie verwundbar. Wirksamer ist eine klare Positionierung: Kultur ist demokratische Infrastruktur. Sie ist der Ort, an dem Widerspruch, Mehrdeutigkeit und Konfliktfähigkeit gesellschaftlich eingeübt werden. Wer Kultur in dieser Funktion versteht, verschiebt die Debatte weg vom Geschmacksurteil hin zur Frage demokratischer Funktionsfähigkeit.

    Schließlich braucht es professionelle Reaktionsfähigkeit. Shitstorms und Kampagnen sind kalkuliert. Institutionen, die über klare Kommunikationsstrategien, juristische Beratung und definierte Eskalationsstufen verfügen, reagieren souverän statt defensiv. Souveränität wiederum reduziert die Abschreckungswirkung politischer Angriffe.

    Warum dürfen wir also mutig sein? Nicht, weil die Lage harmlos wäre. Sondern weil Mut keine Gefühlslage ist – er ist eine Funktion von Struktur. Österreich verfügt bislang über keine systematische institutionelle Umcodierung seiner Kulturarchitektur: Zivilgesellschaftliche Reaktionsfähigkeit ist vorhanden, Europäische Netzwerke erzeugen Sichtbarkeit und Schutz. Und nicht zuletzt zeigt die internationale Erfahrung, dass autoritäre Kulturpolitik langfristig Innovationskraft und internationale Reputation schwächt – mit realen ökonomischen Folgen.

    Die eigentliche Bewährungsprobe liegt deshalb nicht im nächsten medialen Konflikt, sondern in der Frage, wie konsequent wir Governance stärken, Allianzen ausbauen und die demokratische Funktion von Kultur artikulieren. Wenn diese Grundlagen klar sind, entsteht keine defensive Haltung, sondern institutionelle Souveränität.

  • Bei einem Monopol ist Nachvollziehbarkeit keine Servicefrage, sondern demokratische Mindestbedingung.

    In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über Streitfälle rund um die AKM – also jene Organisation, die Musiknutzung einsammelt und die Einnahmen an Urheber:innen verteilt. DJs melden ihre Playlists, Veranstalter reichen ihre Veranstaltungsdaten ein – und dennoch bleibt für viele Beteiligte unklar, wie genau abgerechnet und ausgeschüttet wird. Das ist mehr als eine Detailfrage. Es berührt die Governance eines monopolistisch organisierten Systems.

    Was passiert konkret?

    Zwei Konfliktlinien sind sichtbar.

    Erstens: die Ausschüttung im DJ-Bereich. Wie Der Standard (16.02.2026) berichtet, werden DJ-Sets häufig nicht titelgenau abgerechnet. Stattdessen basiert die Verteilung auf Stichproben eines Meinungsforschungsinstituts – es wird also nicht alles gemessen; ein Ausschnitt entscheidet darüber, welche Werke berücksichtigt werden. Gleichzeitig investiert die AKM in ein KI-Startup, ohne konkrete Angaben zu Kosten oder Zeitplan zu machen.

    Zweitens: die Rechnungslegung gegenüber Veranstalter:innen. Laut Der Standard (24.11.2025) sind Rechnungen vielfach nicht prüfbar. Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte scheinen nicht auf. Ein von der Aufsichtsbehörde eingeleitetes Vermittlungsverfahren (§64 VerwGesG) wurde von der AKM abgelehnt.

    Die KUPF OÖ dokumentiert in einem Blogbeitrag vom 24.11.2025 darüber hinaus operative Folgen der Zentralisierung: Entpersonalisierung, erhöhte Fehlerquote bei automatisierter Rechnungserstellung und Rechnungskorrekturen ohne nachvollziehbare Erläuterung. Die zentrale Forderung: Berechnungsmethode, Kriterien und Rabatt transparent ausweisen.

    Warum das strukturell ist

    Die AKM verwaltet ein gesetzlich eingeräumtes Monopol. Wer Musik öffentlich nutzt, muss darüber lizenzieren. Es gibt faktisch keine Alternative. In solchen Strukturen entsteht ein asymmetrisches Machtverhältnis: Nutzer:innen können nicht ausweichen, sie sind auf die Fairness und Nachvollziehbarkeit des Systems angewiesen.

    Transparenz ist hier keine Servicequalität. Sie ist Voraussetzung demokratischer Legitimation. Wenn Rechnungen nicht überprüfbar sind oder Ausschüttungslogiken nicht nachvollziehbar erscheinen, verschiebt sich das Problem von der operativen Ebene auf die Ebene institutioneller Glaubwürdigkeit.

    Kulturpolitische Relevanz

    Für Politik und Verwaltung ist das keine Randfrage. Veranstalter:innen – insbesondere in der freien Szene – arbeiten mit engen Budgets und Förderlogiken, die Planbarkeit voraussetzen. Wenn Abrechnungen monatelang offenbleiben oder methodisch nicht nachvollziehbar sind, wirkt sich das unmittelbar auf Budgetierung, Liquidität und Risikobewertung aus.

    Ebenso stellt sich die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit: Wenn im DJ-Bereich nicht titelgenau erfasst wird, sondern mit Stichproben gearbeitet wird, können strukturelle Verzerrungen entstehen. Das betrifft nicht nur einzelne Akteur:innen, sondern die Breite und Vielfalt musikalischer Produktion.

    Was jetzt sachlich notwendig wäre

    Aus den dokumentierten Konflikten lassen sich drei Mindeststandards ableiten:
    1. Rechnungen müssen Berechnungsmethode, verwendete Parameter und angewandte Rabatte transparent ausweisen.
    2. Umstrukturierungen dürfen nicht zu einem Verlust an Zuständigkeit und Reaktionsfähigkeit führen; nachvollziehbare Service- und Bearbeitungsstandards sind erforderlich.
    3. Für die digitale Erfassung und Ausschüttung – insbesondere im DJ-Bereich – braucht es einen transparenten Zeitplan und Klarheit über Implementierungsschritte.

    Diese Punkte stellen das Prinzip kollektiver Rechtewahrnehmung nicht infrage. Im Gegenteil: Sie stärken es.

    Verwertungsgesellschaften sind zentrale Infrastruktur für Kunst und Kultur. Gerade deshalb müssen sie in ihrer Funktionsweise nachvollziehbar sein. In monopolistischen Strukturen ist Transparenz keine optionale Serviceleistung – sie ist demokratische Mindestbedingung.

    Quellen:
    https://kupf.at/blog/fehlende-transparenz-warum-wir-ein-verfahren-gegen-die-akm-anstrengen/
    https://www.derstandard.at/story/3000000297708/117-millionen-zu-verteilen-musiker-fordern-transparenz-bei-akm-abrechnungen
    https://www.derstandard.at/story/3000000308792/wachsender-missmut-bei-musikern-ueber-tantiemen-berechnung-der-akm

  • Kulturräume als demokratische Infrastruktur: Warum „Reich für die Insel“ erhalten werden muss

    Im Zukunftsvertrag 2024–2030 bekennt sich die Innsbrucker Stadtregierung ausdrücklich zu Transparenz, nachvollziehbaren Entscheidungsprozessen, verantwortungsvollem Umgang mit öffentlichen Mitteln und echter Bürger:innenbeteiligung. Diese Grundsätze sind kein rhetorischer Rahmen. Sie sind Maßstab politischen Handelns.

    Genau an diesen Maßstäben muss sich der Umgang mit dem Glaskubus und der dort angesiedelten Kulturinitiative „Reich für die Insel“ messen lassen. Es geht nicht um einen einzelnen Raum, sondern um den größeren Zusammenhang.

    Kulturräume sind keine dekorativen Ergänzungen einer Stadt. Sie sind soziale Infrastruktur. Sie sind jene „dritten Orte“, die nicht primär Wohnen oder Arbeiten dienen, sondern Begegnung ermöglichen. Orte, an denen Menschen einander nicht als Kund:innen oder Konkurrent:innen begegnen, sondern als Mitgestaltende.

    Viele kulturelle und gesellschaftliche Innovationen entstehen nicht in durchoptimierten Institutionen. Sie entstehen in Experimentierfeldern. In Zwischenräumen. In selbstorganisierten Strukturen. Der Glaskubus ist ein solcher Ort. Er ist kein fertiges Produkt, er ist ein Möglichkeitsraum. Und genau solche Räume sind in einer Stadt wie Innsbruck, die mit steigenden Mieten und hohen Eintrittsschwellen konfrontiert ist, strukturell gefährdet. Wenn diese Räume verschwinden, entstehen sie nicht automatisch neu. Sie entstehen nur dort, wo politische Entscheidungen sie ermöglichen.

    Transparenz ist kein Versprechen – sie ist Verpflichtung
    Die Stadt Innsbruck hat 2025 öffentlich betont, dass neue Kulturräume in Kooperation mit der IIG entwickelt werden sollen – mit dem Ziel eines „fairen, transparenten Prozesses“. Auch in der medialen Darstellung wurde die Schaffung von mehr Raum für die alternative Szene als politisches Ziel formuliert. Diese Aussagen sind verbindliche politische Setzungen. Sie erzeugen Erwartungen.

    Transparenz bedeutet in diesem Zusammenhang:

    • klare Kriterien für Auswahl und Weiterführung von Standorten
    • nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen
    • dokumentierte Bewertungsprozesse
    • transparente Kommunikation über Alternativen, Fristen und Perspektiven

    Gerade weil im Kulturbereich häufig mit befristeten Nutzungen, individuellen Vertragsmodellen und projektbezogenen Lösungen gearbeitet wird, braucht es besonders saubere Verfahren. Ein intransparenter oder situativer Umgang mit einem bestehenden Kulturort untergräbt die Glaubwürdigkeit jener Offensive, die gleichzeitig neue Räume verspricht. Beteiligung ist kein Informationsformat – sie ist Mitgestaltung

    Im Zukunftsvertrag wird Bürger:innenbeteiligung als Leitlinie definiert. Wenn über die Zukunft eines bestehenden Kulturortes entschieden wird, betrifft das nicht nur eine einzelne Initiative. Es betrifft Netzwerke, Szenen, Nutzer:innen, Anrainer:innen und die kulturelle Identität eines Stadtteils.

    Beteiligung bedeutet hier:

    • frühzeitige Einbindung
    • transparente Diskussion von Szenarien
    • nachvollziehbare Abwägung öffentlicher Interessen

    Nicht nachträgliche Information, sondern Mitgestaltung im Prozess.

    Gerade „Reich für die Insel“ steht exemplarisch für eine Form von Stadtproduktion von unten. Wenn solche Orte ohne klar kommunizierte Perspektive verschwinden, entsteht nicht nur räumlicher Verlust, sondern politischer Vertrauensverlust.

    Kulturelle Gerechtigkeit ist soziale Gerechtigkeit
    Im Zukunftsvertrag bekennt sich die Stadtregierung zur Verantwortung gegenüber allen Menschen dieser Stadt – unabhängig von sozialem Status oder ökonomischer Leistungsfähigkeit.

    Freie Kulturräume sind oft die einzigen Orte, an denen Menschen ohne große finanzielle Ressourcen Sichtbarkeit erlangen können. Sie sind Labore für junge Initiativen, Underdogs, neue Formate.

    Wenn der Zugang zu Raum ausschließlich über Marktmechanismen funktioniert, entsteht strukturelle Ungleichheit. Der Glaskubus muss kein Luxusobjekt sein. Er kann ein Instrument kultureller Durchlässigkeit darstellen.

    Wer solche Orte als verzichtbar betrachtet, verengt den Zugang zu kultureller Teilhabe.

    Innsbruck hat zuletzt öffentlich den Bedarf an alternativen Kulturräumen anerkannt. Es wurden neue Liegenschaften präsentiert, Exposés veröffentlicht, Interessensbekundungen eingefordert. Diese Schritte sind wichtig. Doch es wäre widersprüchlich, neue Räume in Aussicht zu stellen und gleichzeitig bestehende funktionierende Strukturen ohne klaren, transparenten Entwicklungsplan aufzugeben.

    Die zentrale Frage lautet daher: Werden Kulturräume als austauschbare Zwischennutzungen behandelt oder als Teil demokratischer Infrastruktur?

    Wenn wir akzeptieren, dass Orte wie „Reich für die Insel“ verschwinden, weil sie nicht dauerhaft abgesichert oder nicht maximal verwertbar sind, dann verschiebt sich die Logik urbaner Entwicklung dauerhaft. Dann werden Möglichkeitsräume zur Ausnahme. Dann wird kulturelle Innovation dem Zufall überlassen. Dann verlieren wir nicht nur einen Kulturraum, sondern soziale Verdichtungsräume, solidarische Netzwerke und Experimentierfelder. Und vor allem verlieren wir Vertrauen in politische Verlässlichkeit.

  • Demokratie ist kein Komfortzustand

    Demokratie ist kein Komfortzustand

    Vergangene Woche war ich im Rahmen der Gesprächsreihe „Museum im Werden“ der Tiroler Landesmuseen eingeladen, um über das Verhältnis zwischen freier Kulturszene und großen Institutionen zu sprechen. Ausgangspunkt war die scheinbar einfache Frage: Wo liegen die Unterschiede – und wo ergeben sich sinnvolle Schnittstellen der Zusammenarbeit?

    Im Verlauf des Gesprächs wurde für mich aber deutlich, dass die eigentliche Frage weniger darin liegt wer welche Rolle erfüllt, sondern vielmehr darin, wofür wir gemeinsam stehen und welche gesellschaftliche Verantwortungen wir teilen. Wir befinden uns mMn längst in einem Kulturkampf, der international – insbesondere in den USA – bereits offen ausgetragen wird und der auch Europa zunehmend erfasst.

    Es geht dabei nicht mehr ausschließlich um Kunstproduktion im engeren Sinn, sondern um Deutungshoheit, um Sichtbarkeit und letztlich um die Frage, wessen Perspektiven, Geschichten und Erfahrungen präsent sind – und welche systematisch ausgeblendet werden.

    Die freie Szene agiert schneller, beweglicher und experimenteller. Sie testet Formate, setzt Impulse, irritiert etablierte Narrative und schafft Räume, in denen sich Menschen ermächtigen, vernetzen und organisieren können. Gerade diese Offenheit und Reaktionsfähigkeit machen sie politisch exponiert. International lässt sich beobachten, wie rechte Akteur:innen deshalb gezielt jene Orte unter Druck setzen, an denen Gegenöffentlichkeit entsteht – unabhängige Medien, subkulturelle Räume, soziale Initiativen. Denn sie wissen: Wer kulturelle Infrastruktur schwächt, schwächt damit auch die demokratische Resilienz einer Gesellschaft.

    Große Institutionen verfügen über stabilere Budgets, längerfristige Strukturen und eine formale Legitimation, die sie weniger unmittelbar angreifbar erscheinen lässt. Doch Stabilität ist nicht gleichbedeutend mit Neutralität. Museen, Theater oder Archive treffen ebenfalls Entscheidungen darüber, was gesammelt, ausgestellt und erinnert wird – und was nicht. In diesen Auswahlprozessen manifestiert sich Verantwortung. Wenn demokratische Räume unter Druck geraten, genügt es also nicht mehr Programme zu kuratieren; dann ist Haltung und auch Solidarität gefragt.

    Kooperationen zwischen freier Szene und Institutionen können sinnvoll sein, sofern sie nicht auf symbolische Imagepflege reduziert werden. Kooperationen, bei denen strukturell schwächere Akteur:innen Risiken tragen, während andere von Legitimation profitieren, untergraben langfristig Vertrauen. Ebenso verkürzt wäre es aber auch, Institutionen ausschließlich auf schwerfällige Apparate zu reduzieren oder die freie Szene auf den fleissigen Ideenlieferanten. Beide sind Teil demokratischer Infrastruktur – mit unterschiedlichen, aber komplementären Funktionen; irritieren, stabilisieren; beide tragen zur Legitimation kultureller Öffentlichkeit bei.

    Was richtig nervt ist, dass Kulturorte, sobald sie recht gut gefördert werden, gern anfangen die Pappm zu halten – auch in der freien Szene. Reibung, besonders nach außen, wird dann gerne vermieden. Aber Demokratie ist kein Komfortzustand, sondern ein dauernder Aushandlungsprozess. Sie lebt von Widerspruch, von Differenz, und auch von produktiver Spannung. Kultur ist kein bloßes Unterhaltungsangebot, sondern ein Raum, in dem gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar werden. Wer diesen Raum neutralisieren möchte, versteht seine Funktion nicht.

    Freie Szene und Institutionen müssen nicht in allen Fragen übereinstimmen – das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Entscheidend ist aber, dass wir gemeinsam dafür einstehen, dass kulturelle Freiheit, künstlerische Autonomie und demokratische Offenheit nicht in Frage gestellt werden dürfen. Wenn wir uns in einem enger werdenden politischen Handlungsspielraum primär als Konkurrent:innen sehen, verlieren wir nicht nur Energie, sondern bald auch die Räume, in denen wir arbeiten und wirken.

    Deshalb ist Kulturpolitik für mich ist kein Randthema, sondern ein Gradmesser demokratischer Verfasstheit. Und genau deshalb ist die Frage nach Zusammenarbeit zwischen freier Szene und Institutionen keine organisatorische Detailfrage, sondern auch eine politische.

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    too long; didn’t read: Wir stehen längst in einem Kulturkampf – es geht nicht um Programme, sondern um Macht, Sichtbarkeit und darum, wessen Stimmen zählen.

  • Solidarität mit Reich für die Insel.

    Was derzeit rund um den Artspace Reich für die Insel verhandelt wird, ist mehr als eine Standortfrage. Es ist eine kulturpolitische Grundsatzentscheidung darüber, wie ernst es die Stadt Innsbruck mit zeitgenössischer Kunst, fairen Verfahren und transparenter Entscheidungsfindung meint.

    Seit 2019 hat das Team rund um Reich für die Insel aus einer ehemaligen Gastro-Ruine einen lebendigen, weithin anerkannten Kunst- und Kulturort geschaffen. Professionell kuratiert, offen, diskursiv, mit Ausstellungen, Performances, Lesungen, Workshops und zahlreichen Kooperationen. Ein Ort, der nicht nur von der Szene getragen wird, sondern auch von Stadt, Land und Bund gefördert ist – und damit unmissverständlich als kulturell relevant anerkannt wurde.

    Umso unverständlicher ist das nun kolportierte Vorgehen, diesen etablierten Kunstort ohne öffentliche Ausschreibung, ohne offengelegte Kriterien und ohne transparente politische Debatte zugunsten einer reinen kommerziellen Nutzung aufzulösen. Wenn von einem „Bestbieterprinzip“ gesprochen wird, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kann es ohne offene, faire und nachvollziehbare Ausschreibung einen Bestbieter geben? Und nach welchen Maßstäben wurde ein ausgearbeitetes Nutzungskonzept – das Kunst und Gastronomie sinnvoll verbinden wollte – als „nicht zweckmäßig“ beurteilt?

    Gerade im sogenannten Kulturquartier ist es nicht einzusehen, einen weiteren reinen Gastronomiebetrieb zu etablieren. Mit dem BRAHMS befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft bereits eine Gastronomie, deren Immobilieneigentümer*innen Stadt und Land sind und die auch verpachtet wird. Sich wenige Meter daneben selbst Konkurrenz zu schaffen, ist nicht nur kulturpolitisch kurzsichtig, sondern auch wirtschaftlich fragwürdig.

    Hinzu kommt: Reich für die Insel ist kein isolierter Kunstraum. Initiativen wie das Alles Gute Festival sind unmittelbar aus der Zusammenarbeit mit diesem Artspace entstanden. Ohne den Kubus als inhaltlichen Partner, als Produktionsbüro, Backstage- und Lagerfläche wäre dieses Festival in seiner jetzigen Form nicht möglich. Eine Verdrängung zugunsten reiner Gastronomie gefährdet somit nicht nur einen Kunstort, sondern ganze kulturelle Ökosysteme – und stellt die Zukunft bestehender Formate massiv infrage.

    Gerade an diesem Ort braucht es einen klaren Kontrapunkt. Zwischen Hochkultur im Landestheater, Volkskultur im Volkskunstmuseum, großen Veranstaltungen in der Dogana und der Hofburg, Schützenaufmärschen am Platz und sportlichen Großereignissen ist zeitgenössische, kritische Kunst- und Kulturarbeit kein Störfaktor, sondern die einzig sinnvolle Ergänzung. Sie sorgt für Reibung, Vielfalt und kulturelle Gegenwart – all das, womit sich eine Stadt gerne schmückt, solange es nicht unbequem wird.

    Die PMK und das Team des ALLES GUTE Festivals stellen sich solidarisch hinter das Team von Reich für die Insel und fordern die Stadt Innsbruck unmissverständlich auf, transparente, faire und politisch sauber abgestimmte Prozesse sicherzustellen. Entscheidungen dieser Tragweite gehören offen diskutiert, im Gemeinderat verhandelt und nachvollziehbar begründet – nicht im Schnellverfahren und nicht hinter verschlossenen Türen.

    Es ist ernüchternd, dass es auch hier offenbar erst öffentlichen Druck und mediale Aufmerksamkeit braucht, um Bewegung in die Sache zu bringen. Kulturpolitische Gespräche sollten nicht erst dann stattfinden, wenn der Druck zu groß wird, sondern als selbstverständlicher Teil einer ernst gemeinten Zusammenarbeit mit der freien Szene.

    Reich für die Insel steht exemplarisch für das, was in Innsbruck auf dem Spiel steht: die Frage, ob Kunst als lästiger Kostenfaktor oder als Motor einer lebendigen Stadt verstanden wird.

    Jetzt braucht es klare Haltung und eine Entscheidung, die diesem Ort und seiner Bedeutung gerecht wird.

    Kulturverein ALLES GUTE Festival
    PMK – Plattform mobile Kulturinitiativen
    Die Bäckerei – Kulturbackstube
    Arche*Ahoi
    BONANZA Festival

  • Podiumsdiskussion: Junge Kulturszene Innsbruck – was ist da los?

    Am 3. Dezember 2025 nahm ich auf Einladung des Jugendzentrums mk an einer Podiumsdiskussion zur aktuellen Situation der Innsbrucker Club- und Kulturszene teil. Vertreterinnen aller im Gemeinderat vertretenen Fraktionen diskutierten dabei gemeinsam mit Akteurinnen aus der Praxis über zentrale Fragen urbaner Kulturpolitik: die Bedeutung konsumfreier Räume, steigende Miet- und Gewerbekosten, die Zukunft bestehender Kulturorte sowie die strukturellen Bedingungen, unter denen junge Menschen heute eigene Projekte entwickeln können.

    In meinem Beitrag habe ich betont, dass Kunst und Kultur nicht als freiwillige Zusatzleistung einer Stadt verstanden werden sollten. Kulturorte – Clubs, Jugendzentren, selbstorganisierte Räume oder Festivals – sind Teil urbaner Infrastruktur. Viele kulturelle und soziale Entwicklungen, die heute selbstverständlich erscheinen, sind in solchen Kontexten entstanden: in Räumen, in denen Menschen experimentieren, sich organisieren und gemeinsam handeln können.

    Gleichzeitig wurde in der Diskussion deutlich, dass diese Räume keineswegs selbstverständlich sind. Steigende Kosten, administrative Hürden und konkurrierende Nutzungsinteressen erhöhen den Druck auf bestehende Strukturen. Kulturpolitik steht daher vor der Aufgabe, nicht nur einzelne Projekte zu fördern, sondern langfristig verlässliche Rahmenbedingungen für kulturelle Infrastruktur zu schaffen.

    Ein konkretes Beispiel dafür ist die Situation rund um die „Junge Talstation“. Dass es zunächst öffentlichen Druck gebraucht hat, bevor eine notwendige Sanierung politisch zugesagt wurde, zeigt, wie fragil viele dieser Orte sind. Die mittlerweile formulierte Zusage ist ein wichtiger Schritt – sie macht aber auch sichtbar, dass Kulturorte oft erst dann politisch wahrgenommen werden, wenn ihr Fortbestand akut gefährdet ist.

    Ein weiterer Punkt, der mir wichtig war: Junge Menschen müssen ihre Interessen organisieren und artikulieren können. Selbstorganisation war historisch immer eine zentrale Kraft der Kulturentwicklung. Gleichzeitig braucht es eine Stadtpolitik, die solchen Initiativen nicht mit Misstrauen begegnet, sondern sie als legitimen Teil urbaner Entwicklung ernst nimmt.

    Die Diskussion hat einmal mehr gezeigt, dass Innsbruck vor einer grundlegenden kulturpolitischen Frage steht: Wie positioniert sich die Stadt zwischen touristischer Vermarktung und einer lebendigen, selbstorganisierten Kulturszene? Diese beiden Perspektiven schließen einander nicht zwingend aus. Damit sie koexistieren können, braucht es jedoch eine klare politische Haltung – und das Verständnis, dass lebendige Kulturarbeit Zeit, Räume und Ressourcen braucht.

    (Fotos: Felix Schaich)

  • Über Generationenkonflikte im Kulturbetrieb

    Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe des IG Kultur Magazins erschienen.

    Brücken bauen und Sessel sägen

    Dass die freie Kulturszene derzeit in einem Generationenumbruch begriffen ist, ist kein Geheimnis. Viele etablierte und geförderte Kulturzentren, die als gemeinnützige Vereine organisiert sind, identifiziert man mit „der einen“ Person oder einem eingeschworenen Grüppchen, das seit Jahrzehnten aus denselben Mitgliedern besteht. In dieser Hinsicht ähneln diese Initiativen Firmen mit langjährigen Senior- und Juniorchef*innen. Ebenso ist bekannt, dass Generationenwechsel oft schwierig bis gar nicht funktionieren. Man landet im Gespräch schnell bei Vorwürfen der Sesselkleberei oder dass „die Jungen“ ohnehin keine Chance bekommen würden, bevor „die Alten“ nicht das Zeitliche segnen würden. Dementsprechend schnell können Gespräche verletzende Wendungen nehmen und hart an der Ignoranzgrenze oder überhaupt weit darunter verlaufen. Es sind Momente wie diese, in denen klar wird, dass der freie Kulturbetrieb eben auch nur ein Teil der Gesellschaft mit all ihren Konflikten ist.

    Ein großes Problem entsteht aber dann, wenn sämtliche Schlüsselfähigkeiten und Weisungsbefugnisse auf eine oder wenige Personen konzentriert werden und eine Übergabe nicht einmal für den Fall der Fälle vorbereitet wird.

    Vereinbarungen werden überlicherweise zu einem Zeitpunkt getroffen, wenn man sich (noch) versteht; doch was tun, wenn der Haussegen bereits schief hängt oder man nicht mehr miteinander reden kann oder gar nicht will? Es ist selbstverständlich nicht einfach, eine Struktur und ein geliebtes Projekt, mit dem man im Laufe vieler Jahre verwachsen ist, hinter sich zu lassen. Oder auch die eigene Expertise in Frage zu stellen, nachdem man einer Sache den Gutteil seines Lebens gewidmet, sowie wertvolle Netzwerk- und Aufbauarbeit geleistet hat. Kulturinitiativen sind zudem meist anders strukturiert als große Firmen mit starren Hierarchien, in denen ganz klar ist, welche Position einer anderen welche Weisungen erteilen kann. Vieles ergibt sich im Tun oder wechselt über die Jahre. Ein großes Problem entsteht aber dann, wenn sämtliche Schlüsselfähigkeiten und Weisungsbefugnisse auf eine oder wenige Personen konzentriert werden und eine Übergabe nicht einmal für den Fall der Fälle vorbereitet wird. Sollten diese Personen dann wirklich längerfristig ausfallen, steht der gesamte Betrieb still. Genauso problematisch ist die „pro forma“-Übergabe, bei der im täglichen Betrieb alles weiterläuft wie bisher und die neue Person in Wirklichkeit nichts entscheiden kann, ohne überwacht und sofort zurückgepfiffen zu werden. Beide Varianten verhindern, dass sich ein fruchtbarer Generationendialog unter Kulturarbeiter*innen ergibt, der Wissen und Expertise wertschätzt, weitertragen, langfristig sichern und das Beste für die Kulturinitiative erwirken kann. Zumindest hinterfragt werden darf auch das „dynastische“ Denken, bei dem – wie in einem Familienbetrieb – selbstverständlich die eigenen Kinder den Betrieb weiterführen sollten, auch wenn es dazu klare Alternativen gäbe: Ausschreibungen.

    Klar ist: Es muss sichergestellt werden, dass die jahrzehntelange Arbeit der Vorgängergeneration wertgeschätzt wird und daran angeknüpft werden kann. Klar ist aber auch: Es frustriert jüngere Initiativen, wenn diese keinen Zugriff auf Ressourcen oder kulturelle Gestaltungsmöglichkeiten bekommen. Gegenüber Fördergeberinnen argumentieren „die Jungen“ dann, warum es jetzt „schon wieder“ etwas Neues braucht, obwohl doch bereits tolle kulturelle Räume vorhanden sind. Bereits stärker verankerte Initiativen sind oft mit anderen Themen oder sich selbst beschäftigt und nicht bereit, bestehende Ressourcen (Raum oder Geld) abzugeben – gerade weil in der freien Kulturlandschaft so gut wie niemand im Überfluss arbeitet und lebt. Ressourcen, die man sich hart erarbeitet hat, wollen also bewahrt werden. Fest steht: Einfach nur für einen Abend Untermieterin in einem bestehenden Kulturzentrum zu sein, ist wenig motivierend und hat in den wenigsten Fällen mit jener leidenschaftlichen Kulturarbeit zu tun, die viele eigentlich anstreben. Häufig passiert es aber, dass Grenzen innerhalb der Kulturszene härter verteidigt werden als gegenüber Dritten, da man auf demselben „Schlachtfeld“ um Ressourcen, Prestige und gesellschaftlichen Einfluss kämpft. Dazu gesellt sich gerne die Gewissheit, dass man selbst besser wüsste, was „gute“ und „wertvolle“ Kulturarbeit wäre, wohingegen die anderen deutlich weniger spannende Projekte verfolgten – aus welchen Gründen auch immer. Das Auftreten gegenüber Politik, Verwaltung und Fördergeber*innen fällt in diesen Fällen sogar leichter, als sich mit anderen Kulturinitiativen zu streiten, die es ja „eigentlich eh wissen müssten“. Im Laufe der letzten 13 Jahre Kulturarbeit habe ich genügend Situationen miterlebt, die sich genau so oder in leichter Variation abgespielt haben.

    Aus diesem Grund möchte ich auch nicht anderen Kulturzentren im Detail erklären, wie sie ihre Generationenübergabe organisieren sollen. Es ist immer leichter, die vermeintlichen und offensichtlichen Fehler von anderen zu bekritteln, als die in den eigenen Projekten zu bearbeiten. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einen Blick auf meine eigene Arbeit und meine Eindrücke im Kulturzentrum p.m.k richten. Dieses kenne ich sehr gut, da ich dort seit mittlerweile acht Jahren als Geschäftsführer tätig bin.

    Die p.m.k – plattform mobile kulturinitiativen ist ein Kulturzentrum in Innsbruck und besteht aktuell aus 35 Kulturvereinen mit über zweihundert Mitgliedern. Die Altersspanne der einzelnen Mitglieder beträgt um die vierzig Jahre, von Anfang zwanzig bis Mitte sechzig. Der Schwerpunkt liegt auf dem Veranstalten von Konzerten, performativen und diskursiven Kulturveranstaltungen. Alle Veranstaltungen werden dabei eigenständig von den Mitgliedsvereinen organisiert und umgesetzt, die p.m.k bildet als Dachverband bzw. Zusammenschluss den Überbau, das Forum und die Struktur. Die p.m.k als Verein wurde 2004 von Kulturarbeiterinnen aus der freien Innsbrucker Szene gegründet, als Reaktion auf einen eklatanten Raummangel. Mit der Umsetzung schuf man einen Raum, der durch seine Mitgliedsvereine niederschwellig bespielbar ist und vor allem Möglichkeiten zur Mitgestaltung bietet. Alle zwei Wochen werden im Rahmen einer Beiratssitzung (Plenum) sämtliche größere und kleinere Entscheidungen per Mehrheitsvotum getroffen. Dies ist auch der Ort, an dem Wissen weitergegeben wird, in dem bereits erfahrene Vereine Tipps und Arbeitsweisen weitergeben können. Viele tun sich hier leichter, Fragen zu stellen, als bei einer Interessensgemeinschaft anzurufen, die sich vielleicht noch nicht persönlich kennengelernt haben. Ja, auch hier muss man sich als neu dazu gekommene Initiative zuerst einmal orientieren, hat aber sofort ein Mitsprache- und Mitentscheidungsrecht, was die Identifikation mit dem gemeinsamen Kulturzentrum schnell verstärkt. Die eigene Expertise kann somit in das Projekt einfließen, ohne dass man lediglich wie ein:e Untermieterin oder ein Schulkind behandelt wird.

    Zwanzig Jahre später existiert unser Verein noch immer, die Struktur und der Zweck der p.m.k sind ebenfalls gleich geblieben. Trotzdem fühlt sich die p.m.k heute anders an als vor zehn oder zwanzig Jahren. Diese Transformation hat nicht nur mit personellen Veränderungen und räumlichen Adaptionen zu tun, sondern ergibt sich vor allem aus den Menschen, die in die Entscheidungsprozesse der vergangenen Jahre eingebunden wurden. Unsere jungen Mitgliedsvereine bringen andere Themen ein, die ihnen wichtig sind, als Vereine, die schon seit zwanzig Jahren tätig sind. Ich selbst habe ebenfalls andere Schwerpunkte und Impulse gesetzt als meine geschätzte Vorgängerin Ulrike Mair, die die p.m.k vor allem in den ersten Jahren mit viel juristischem und kulturpolitischem Know-how unterstützte. Aktuell teilen sich mein Kollege Chris Koubek und ich die Geschäftsführung und Büroarbeit, wobei wir anstreben, eine dritte Person ins Büroteam einzugliedern, die einen anderen Background mitbringt als wir selbst. Es liegt auf der Hand, dass divers besetzte Gruppen anders entscheiden und anders miteinander umgehen als eine homogenere Gruppe. Dazu sei gesagt: Der Anteil von BIPoC-Mitgliedern in der p.m.k ist aktuell immer noch sehr niedrig, die Anzahl von FLINTA-Personen bei Beiratssitzungen und bei Vorstandsmitgliedern hat sich in den letzten Jahren etwas erhöht, könnte und sollte jedoch selbstverständlich höher sein. Dieser Umstand gilt grundsätzlich für fast alle Kulturinitiativen, die ich in Tirol kenne.

    Auch aktuell, nach zwei Jahrzehnten, entwickelt sich die p.m.k weiter. Im Rahmen einer gemeinsamen Klausur wurde klar, dass sich der Großteil der Mitglieder Veränderungen im Bereich der Kommunikation wünscht. Das betrifft zum einen die Kommunikation mit den Besucher*innen (Social Media, Werbung, Website), sowie mit potentiellen Mitgliedern und nach innen, was mit der Erarbeitung eines gemeinsamen Selbstverständnisses einhergeht. Vieles, was über die Jahre informell gewachsen ist, soll endlich explizit festgehalten werden. Gleichzeitig muss und soll an gemeinsamen Strategien zum besseren Umgang mit Konflikten innerhalb des Vereins gearbeitet werden. All diese Aspekte sind wichtig, um eine Kulturinitiative langfristig und motiviert am Leben zu erhalten. Hier bin ich zuversichtlich, auch wenn es selbstverständlich Themen gibt, an denen wir sensibler arbeiten und die wir entschlossener angehen müssen.

    Grundsätzlich bin ich zuversichtlich, dass die p.m.k in Innsbruck langfristig ein spannender Ort bleibt, der Kulturvereine aktiv einbinden und inspirieren kann. Sollte das einmal nicht mehr der Fall sein, muss man sich anschauen, was schief läuft und entsprechend reagieren. Zentral bleibt, dass es nicht „die eine“ Person in der p.m.k gibt, die alles entscheidet und mit aller Gewalt ihr Ding durchdrücken will. Das wäre nie die Idee unseres Kulturzentrums gewesen. Ich hoffe jedenfalls ernsthaft, dass es nicht soweit kommen muss, dass „die Jungen“ mir einmal sagen müssen, dass ich ihnen die Möglichkeit verbaue, selbst aktiv zu werden oder den Zugriff auf kulturelle Ressourcen verstelle. Spätestens dann müsst ihr mich rausschmeißen, versprochen?! Ich freue mich aber, wenn ich die p.m.k noch ein Stückchen begleiten darf und wir gemeinsam als Brückenbauer*innen innerhalb und über die Szene hinaus aktiv sind.