Gedanken zum Thema Kulturarbeit/Veranstalten in der freien Szene

Meine ehemalige Kommilitonin Sarah Jahn hat mir für eine Lehrveranstaltung ein paar Fragen zum Thema Kulturarbeit und Veranstalten gestellt. Da ich mir recht lange Gedanken über diese Fragen gemacht habe und nicht so gerne für die Einweg-Schublade schreibe, gibts die Antworten dazu auch hier nachzulesen.

Du bist Kulturveranstalter. Was fasziniert Dich an Diesem Beruf?

Man lernt wahnsinnig viele interessante und vielseitige Menschen kennen, die einem immer wieder neue Positionen vor Augen bringen, an die man vorher selbst noch nicht gedacht hat. Ich sehe meine Arbeit als Kulturveranstalter allerdings auch besonders als politische Verantwortung. Sprich, ich möchte nicht nur veranstalten was “gefällt” oder “unterhält”, sondern durchaus auch kritischen Sichtweisen und marginalisierten Gruppen eine Plattform bieten.

Wo liegt das Potenzial bei der Veranstaltungsorganisation im Kulturbetrieb? Welche Möglichkeiten nützt Du aus?

Veranstalten und Kulturarbeit bestehen für mich, wie gesagt, nicht “nur” aus Publikumsbespaßung sondern sollte irgendwo auch einen Bildungsauftrag verfolgen. Natürlich lässt sich darüber streiten, wie dieser auszusehen hat und irgendwo hat ja jeder Mensch seine Lieblingsprobleme oder “Lieblingsminderheit”, wie es Kippenberger mal recht gut gesagt hat. Und klar soll es auch Veranstaltungen geben, auf denen man einfach toll unterhalten und im Idealfall emotional mit hineingezogen wird. Trotzdem gibt es auf der Welt einfach zu viele Themen und Missstände die man ansprechen muss, deshalb sollte man auch die Möglichkeit nutzen dies zu tun.

Da ich privat auch in verschiedenen Bereichen künstlerisch und kulturpolitisch tätig bin, ergänzen sich meine Arbeit und mein Freizeitleben äußerst gut. Außerdem habe ich recht gute Kontakte zu einigen Menschen in den etablierten “großen Tankern” und gleichzeitig auch in den kleineren freien Initiativen. Ich versuche immer wieder Überschneidungen zu ermöglichen, da ich der Meinung bin, dass man im Idealfall versuchen sollte, möglichst viele unterschiedliche Menschen zu erreichen.

Worauf legt Du beim Veranstalten besonders Wert?

Ich könnte mir nicht vorstellen ausschließlich in einer Sparte zu veranstalten (z.B. nur Konzerte oder nur Diskussionen). Für mich macht besonders die Abwechslung den Reiz aus. Auch möchte ich, dass der Pool  an präsentierten Künstler*innen und Mitwirkenden möglichst divers bleibt. Wenn junge weiße Typen ausschließlich junge weiße Typen buchen, finde ich das langweilig und überholt.

Gibt es in der „Off-Szene“ Möglichkeiten, die die „herkömmliche“ Szene nicht bietet? Welche?

Große Institutionen müssen sich oft Zwangsprostituieren oder mit aller Gewalt die Befindlichkeiten ihres Abo-Publikums befriedigen. Vieler solcher Tanker möchten/sollen/dürfen nicht anecken, weil es ansonsten zum Eklat und zur Kürzung von Fördergeldern kommen könnte. Außerdem ist oft alles wahnsinnig kompliziert, für jeden einzelnen Tisch den man verrücken möchte, muss man ein eigenes Formular ausfüllen. Sowas finde ich lächerlich, lästig und hat mit meinem Verständnis von Kulturarbeit nicht mehr allzu viel zu tun. Exzessives Sesselfurzen töten den freien Geist.

Oft werden gesellschaftskritische Themen eher in der „Off-Szene“ aufgegriffen als im „Mainstream“. Woran liegt das?

Da gibt es unterschiedliche Aspekte und man müsste zuerst mal klären was Mainstream und was Off eigentlich heißen soll. Ist ein staatliches Museum wie das Kunsthistorische Museum Mainstream? Oder sind diese aktuellen Selfie-Instagram-optimierten und hippen Galerien Mainstream? Ist eine im Landestheater aufgeführte Zwölftonkomposition Mainstream? Ich finde die Begrifflichkeiten oft schwierig, da ich selbst an fast allen Orten etwas finde, dem ich etwas abgewinnen kann. Manchmal muss man es mir davor einfach etwas erklären, weil ich es sonst nicht verstehe. Deshalb habe ich auch vom Bildungsauftrag der Kulturarbeit gesprochen.

Große Institutionen sollen bzw. möchten meist viele Menschen gleichermaßen unterhalten oder zumindest ansprechen. Wenn man sich da zu weit aus dem Fenster lehnt, läuft man schnell Gefahr, dass es zu einem großen Skandal kommt. Das sieht man momentan recht einfach, wenn sich unbequeme Menschen in einer breiten Öffentlichkeit äußern (z.B. in den sozialen Medien). Da ist man dann schnell der Nestbeschmutzer oder bekommt die klassischen Mord- und/oder Vergewaltigungswünsche. Wenn man sowas dann in einem riesigen, mit Millionen subventionierten Betrieb macht, wird es schnell eng. Aber natürlich ist es stets zu begrüßen, wenn gerade diese großen Betriebe ihre Haltung klar zeigen und sich positionieren oder den Mut haben, unangenehme Themen anzusprechen. Manches ist dann ohnehin bald Legende und Kult, siehe Thomas Bernhard.

Selbstverständlich ist aber auch einfach nicht alles schlecht und es gibt nicht nur Schlechtes auf der Welt. Ich finde es deshalb durchaus legitim, dass man auch mal die versöhnlicheren und schöneren Bereiche des Lebens thematisiert.

Gibt es auch Beschränkungen und/oder Nachteile im nicht etablierten Kulturbetrieb?

Meistens sind die Einschränkungen fehlende/kleinere Infrastrukturen und ein limitierteres Budget. Ein kleines Off-Theater hat natürlich nicht die technischen Standards, die z.B. ein Kammerspiele-Saal im Haus der Musik hat. Und natürlich ist die Zahl des Personals nicht vergleichbar. Ein “dafür bin ich nicht zuständig” gibt es im freien Kulturbetrieb auch nur selten zu hören, weil der Personalstab einfach zu gering ist. In größeren Betrieben haben Menschen meistens ihre klar zugewiesene Rolle und ihre jeweiligen Aufgaben. Es gibt klare Abgrenzungen welche Abteilung wofür zuständig ist. In der freien Kulturarbeit ist prinzipiell jeder für fast alles zuständig oder übernimmt Aufgaben, die einfach dringend zu erledigen sind (zumindest in den Betrieben, mit denen ich meistens in Kontakt stehe). Die Bezahlung ist im freien Kulturbetrieb meistens auch geringer, als im sogenannten “etablierten” Kulturbetrieb.

Wo liegen die Unterschiede in der Finanzierung vom etablierten Kulturbetrieb und der alternativen Kulturszene?

Dazu kann man sich z.B. online die Kulturförderungen der letzten Jahre ansehen (Stadt / Land / Bund). Mit der Kampagne “#kulturkann” wollte die Battlegroup for Art (Interessensvertretung der freien Kulturszene in Innsbruck) auf verschiedene Problempunkte in der Förderpolitik aufmerksam machen, z.B. eine fehlende Indexanpassung des Kulturbudgets. Die meisten freien Kulturzentren in Innsbruck werden über die Ermessensausgaben finanziert, die natürlich um einiges geringer ausfallen als die Förderung der Großprojekte.

Konkurrieren die beiden Szenen in deinen Augen miteinander oder ziehen sie ein völlig unterschiedliches Publikum an?

Ich bin ab und an zu an Diskussionen beteiligt, wo dann auch diese Frage diskutiert wird. Dabei kommt es immer wieder zu Szenen, in denen die eine der anderen Seite erklären möchte, warum sie jetzt gerade wichtiger ist oder weshalb sie mehr Geld bekommen sollte. Die einen Argumentieren dann manchmal mit Innovationen, Visionen und dem neuen heißen Scheiss; die anderen mit ihren gesellschaftspolitischen Auftrag und überhaupt ihrem zu geringgeschätzten Status in der Gesellschaft. Abseits dieser Treffen erlebe ich allerdings recht selten solche Auseinandersetzungen. Allerdings muss ich zugeben, dass auch ich auf Veranstaltungen nur recht selten leitende Personen von größeren Kulturbetrieben in Innsbruck treffe. Das Publikum hat sicher Schnittpunkte, aber zu einem großen Teil sind es auch irgendwo komplett unterschiedliche Welten. Beispielsweise habe ich letztes Jahr eine sehr talentierte, junge Opernsängerin kennengelernt, die z.B. noch nie in ihrem Leben Queen oder ein Lied von Pink Floyd gehört hat. Ich dachte, dass das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist, weil das “eh jeder” kennt, sogar die Elterngeneration. Allerdings kenne ich umgekehrt die Dinge nicht, die sie kennt. So lebt man dann gemeinsam für die Musik und doch irgendwo aneinander vorbei.

Was wünschst Du Dir für die Szene? Was vermisst Du?

Obwohl viele Institutionen recht gut vernetzt sind, vermisse ich teilweise doch das gemeinsame Ziehen an einem Strang. Hier sind oft die Länderplattformen (wie z.B. die TKI oder die KUPF) sehr wichtig, da sie hier viel Vernetzungsarbeit machen.

Auf jeden Fall wünsche ich mir, dass die freie Szene auch weiterhin und dauerhaft vernünftig arbeiten kann. Das bedeutet nicht nur das sicherstellen von finanziellen Mitteln, sondern auch von Raum und Respekt vor der Arbeit an sich.