„Limit“. Textbeitrag für das UND Magazin 2020

Derzeit dringt vieles an die Oberfläche, das zwar schon davor mehr oder weniger deutlich zu erkennen war, sich nun aber zu einem knallharten Amalgam aus politischen-, sozialen- und kulturellen Fragestellungen verklumpt. Fragen nach der Deutungshoheit von Wahrheit, sowie die Langzeitfolgen einer ungerechten Verteilung von Ressourcen wie Wohlstand, Bildung und sozialer Wärme, fliegen der breiten Bevölkerung mit einer derartigen Intensität um die Ohren, dass damit anscheinend tatsächlich vor einem Jahr noch niemand gerechnet hatte. Und noch während sich die Menschen in den erstarrten Betonhitzeinseln der Städte durch ihren Mund-Nasen-Schutz in den Ausschnitt schwitzen, gehen die Fragen nach dem wirtschaftlichen Aufrüsten weiter. Dass die Frage nicht „ob“ Aprés-Ski, sondern ausschließlich „wie“ Aprés-Ski lautet, verdeutlicht umso mehr, wie integral das Gaudium des Massentourismus für Tirol inzwischen geworden ist und dass ein Felix Mitterer im Jahr 2020 eigentlich dringend zwangspensioniert werden müsste. Denn die künstlerische Verwurstung einer Krise durch einen geplanten fünften Teil der „Piefke Saga“, die inzwischen nur noch ein trauriger Schatten dessen werden kann, was ursprünglich als beissende Kritik begonnen hatte, muss angesichts solcher Umstände an und für sich niedergeschlagen abdanken. Wenn Satire zur reinen Bestandsaufnahme wird, hat sie ihren Sinn verloren und sollte sich auch nicht mehr als solche begreifen.

Dass an der Natur gnadenlos Raubbau betrieben wird, wissen alle. Die Frage in Tirol lautete immer nur, wie extrem man sein kann, bevor man sich um einen besser-bezahlten Werbetexter umschauen musste. Schleppend und langsam quellen dann Fragen nach alternativen Unterhaltungskonzepten und touristischen Angeboten durch; phrasenhaftes Greenwashing durch Floskeln wie „Nachhaltigkeit“ und besserer „sozialer Verträglichkeit“ soll die alpine Massenbespaßung etwas weniger bitter schmecken lassen. Aber wird man irgendwann an einem Ziel angelangt sein? „Sag bescheid wenn du oben bist“ glaubt man aus der Ferne im Nachhall zu hören und weiß doch zeitgleich genau, dass das endgültige „oben“ nur reine Fiktion ist, die niemals erreicht werden wird, niemals erreicht werden kann und soll.

Nicht umsonst lautet der offizielle Werbeslogan der Tourismushochburg Ischgl in Tirol „Relax. if you can“ – entspann dich, falls du kannst. Entspann dich, falls du dem Sog des alpinen Turbokapitalismus nicht standhalten kannst oder eine Auszeit vom immerwährenden Höher, Schneller, Weiter einer Swarowski-verseuchten Kristallwelt brauchst, die wie ein Brennglas für das Zeitalter der Beschleunigung wirkt. Relax. if you can – ein Motto wie gemacht für eine virologische Entgleisung und dabei gleichzeitig ein Slogan, dessen selbstbewusste Großspurigkeit sich in den letzten Monaten in etwas diametral Entgegengesetztes entwickelte, da er die Fragilität des geltenden Gesamtkonstrukts schonungslos offenlegen musste. Man könnte von der Selbstentlarvung eines reisserischen Werbesprechs reden, das den Blick stets nur auf das maximal Große und Spektakuläre richten konnte, oder wie Deichkind es in ihrem 2002 erschienen Song „Limit“ auf den Punkt brachten: „Du kannst das Gerät nicht bremsen; schon gar nicht mit bloßen Händen“.

Die straff vermarktete Hüttengaudi, die der Fotograf Lois Hechenblaikner trefflich als „Rustikalkarzinome“ bezeichnet hat, ist die Butter am Brot eines Kulturverständnisses das sich selbst eigentlich schon lange aufgegeben hat. Gleichzeitig werden Sub, Club, Pop – diese besonders bei der jüngeren Generation beliebten Präfixe – in weiten Teilen der Gesellschaft immer noch als unseriöses Beiwerk „richtigen“ kulturellen Schaffens gesehen. Denn was junge und wachgebliebene Menschen spät-nächstes in engen Räumen treiben, kann und soll einer maßlederbeschuhten Operndarbietung einfach nicht ebenbürtig sein – verhandeln diese ja (möglicherweise) nicht die großen Fragen der Welt. Dass dies kompletter Unsinn ist und dass Fragen wie „Was ist die Gesellschaft“ oder „Wie kann ich meine Lebensumgebung aktiv mitgestalten?“ in jedem zweiten Technoclub besser abgeklopft und gelebt werden als am hiesigen Opernparkett, sollte den meisten Menschen nach einem kurzen Blick ins Stroboskop klar sein. Noch nie hatten Generationen aller Altersklassen bessere Möglichkeiten sich global zu vernetzen und gemeinsam an weltumspannenden Fragestellungen zu arbeiten.

Aber ok: Dass einen diese sich immer schneller drehende Entwicklungsspirale oftmals ins Schwindeln bringen kann, dürfen inzwischen auch Menschen mit Anfang 30 bereits am eigenen Leib erfahren. Teil einer Generation zu sein, die bereits zu Schulzeiten mit dem Internet aufgewachsen ist und nun trotzdem schon bei einigen aktuellen Apps zu streiken, da diese schlicht und ergreifend als zu verwirrend oder trivial erscheinen, muss auch der Verfasser dieses Textes erst verdauen. Es ist inzwischen selbstverständlich und beinahe unumgänglich zwischen den Stühlen zu sitzen. Ja, das Tempo ist verdammt schnell und der technoide Takt schlägt immer schneller – was gleichzeitig aber auch sehr geil sein kann. Früher war meine Oma im Bund Deutscher Mädel, heute ist sie auf Instagram. Mit einer derart krassen Spanne von Indoktrination muss man erst einmal fertig werden, ohne von vorne herein das Handtuch zu schmeißen.

Was die Themen Tourismus, Umwelt, Klima und Kunst in Tirol verbindet?Vielleicht müsste man einfach den Lieblings-Satz aller Kunst&Kulturschaffenden „Wenn Sie nicht davon leben können, sollten Sie es vielleicht als Hobby betrachten“ als neues Motto in die zerklüftete Nordkette sprengen