Wer in Umfeld der freien Musikkultur arbeitet, merkt schnell, dass die eigentliche Arbeit nicht ausschließlich auf der Bühne stattfindet. Sie findet in Vereinen und Kulturzentren statt, in ehrenamtlichen Vorständen und Kollektiven; bei Menschen, die Förderanträge schreiben, Technik instand halten, Festivals organisieren, DJ-Workshops anbieten, Ticketing aufbauen oder über Jahre Beziehungen zu Künstler, Behörden und Nachbarschaften pflegen.
Musikkultur besteht nicht nur aus Konzerten – sie besteht aus Infrastruktur. Und genau diese Infrastruktur wird meist wenig gesehen. Gerade deshalb sprechen wir erstaunlich selten darüber, wem sie gehört, wer über sie entscheidet und wohin das Geld fließt, das mit Musik verdient wird.
Die aktuellen Entwicklungen rund um BrooklynVegan, Alternative Press und andere Musikmedien haben mich auch deshalb beschäftigt – große Teile ihrer Redaktionen wurden entlassen. Die Magazine gehören inzwischen zu Veeps, einer Livestream-Plattform, die mehrheitlich im Besitz von Live Nation ist.
Man könnte das als weitere Nachricht aus einer kriselnden Medienbranche lesen. Tatsächlich verweist sie auf eine Entwicklung, die weit darüber hinausgeht. Das weite Feld Musikkultur erlebt derzeit zwei gegenläufige Bewegungen.
Auf der einen Seite konzentrieren sich immer größere Teile ihrer Infrastruktur in den Händen weniger Unternehmen. Konzertveranstaltung, Festivals, Venues, Ticketing, Livestreaming und Medien wachsen zunehmend zu integrierten Geschäftsmodellen zusammen. Gleichzeitig befindet sich die Musikindustrie wirtschaftlich seit Jahren auf Wachstumskurs. Allein die weltweiten Umsätze mit Recorded Music erreichten 2025 laut IFPI 31,7 Milliarden US-Dollar – das elfte Wachstumsjahr in Folge.
Das ist zunächst einmal kein Widerspruch: Wo Märkte wachsen, wächst auch das Interesse daran, möglichst viele Teile ihrer Wertschöpfung zu kontrollieren. Für Musikkultur ist diese Entwicklung trotzdem relevant, denn es macht einen Unterschied, wer Bühnen betreibt, Tickets verkauft, Festivals veranstaltet oder darüber entscheidet, welche Musik öffentlich sichtbar wird.
Die Massenentlassungen bei BrooklynVegan und anderen Magazinen zeigen das auf einer weiteren Ebene. Ob dadurch unmittelbar journalistische Einflussnahme entsteht, lässt sich derzeit noch nicht konkret beurteilen, aber zumindest vermuten. Die Massenentlassungen markieren dennoch einen tiefen Einschnitt. Mit den Redaktionen verschwinden Erfahrung, Beziehungen, institutionelles Gedächtnis und redaktionelle Eigenständigkeit. Unabhängiger Journalismus besteht nicht nur aus einer Marke oder einer Website. Er entsteht durch Menschen, die Themen setzen, einordnen, widersprechen und über Jahre Vertrauen aufbauen.
Eigentum ist deshalb keine rein wirtschaftliche oder juristische Frage. Es beeinflusst die Bedingungen, unter denen kulturelle Öffentlichkeit entstehen kann. Vielleicht sprechen wir in der Kulturpolitik deshalb zu häufig über Förderung und zu selten über Eigentum, Governance und Infrastruktur. Denn gleichzeitig zur zunehmenden Konzentration entstehen bemerkenswerte Gegenbewegungen.
Der britische Music Venue Trust versucht mit Own Our Venues, Gebäude von Grassroots Music Venues gemeinschaftlich zu erwerben und damit dauerhaft als Musikorte zu sichern. In Deutschland experimentieren Initiativen wie die mit Freude eG mit genossenschaftlichen Modellen für Festivals, Flächen und andere kulturelle Infrastruktur. In Frankreich wird mit SoTicket sogar Ticketing als gemeinschaftliche Infrastruktur gedacht: getragen von einer Genossenschaft aus dem Umfeld unabhängiger Musikspielstätten und Netzwerke.
Auch in Österreich gibt es Beispiele. In Innsbruck wird mit der PMK seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Kulturzentrum gemeinschaftlich und zu einem wesentlichen Teil ehrenamtlich von seinen Mitgliedern getragen. In Eisenerz organisiert der Verein Rostfrei mit dem Rostfest ein Festival, das Kulturarbeit eng mit dem Ort und seiner Entwicklung verbindet. In Kärnten zeigt das Acoustic Lakeside, dass auch ein überregional bekanntes Festival in ländlichen Regionen professionell aus einer Vereinsstruktur heraus organisiert werden kann. Und in Oberösterreich wird mit KUPFticket selbst die Vertriebsinfrastruktur Teil dieses Gedankens: Ticketing wird aus dem Umfeld der freien Kulturszene heraus organisiert und Wertschöpfung damit wieder in diese Strukturen zurückgeführt.
Klar, das sind sehr unterschiedliche Modelle. Und keines davon ist eine Blaupause für das andere.
Und auch das ist wahr: Eine Genossenschaft ist nicht automatisch demokratisch. Ein Verein an sich garantiert keine guten Arbeitsbedingungen. Eine GmbH ist nicht automatisch problematisch. Und gemeinschaftliche Organisation schützt weder vor wirtschaftlichem Druck noch vor Selbstausbeutung. Gerade in der freien Kultur kennen wir diese Widersprüche gut.
Interessant ist deshalb weniger die Rechtsform als eine andere Frage: Wo liegen Entscheidungsmacht, Verantwortung und Wissen? Wer kann langfristig über kulturelle Infrastruktur verfügen? Und wo bleibt die Wertschöpfung, die dort entsteht?
Vielleicht besteht eine der spannendsten Entwicklungen der letzten Jahre genau darin, dass gemeinschaftlich organisierte Kultur längst nicht mehr das unprofessionelle Gegenmodell zur Kulturindustrie sein muss.
Im Gegenteil. Viele dieser Initiativen versuchen, Professionalität mit anderen Eigentums- und Machtverhältnissen zu verbinden. Sie wollen professionell produzieren, faire Strukturen schaffen, langfristig planen und wirtschaftlich tragfähig sein – ohne dafür zwangsläufig Kontrolle und Wertschöpfung aus jenen Communities herauszulösen, die diese Kultur überhaupt erst ermöglichen.
Das ist mehr als die alte Vorstellung von DIY als Gegenentwurf zur Industrie. Es ist der Versuch, eigene Institutionen aufzubauen. Eigene Vertriebswege, eigene Netzwerke, gemeinschaftlich getragene Räume, genossenschaftliches Eigentum. Strukturen, die nicht deshalb unabhängig sind, weil sie klein bleiben, sondern weil sie versuchen, ihre Abhängigkeiten anders zu organisieren. Das ist schwierig und manchmal auch prekär.
Aber es zeigt auch, dass die Konzentration kultureller Infrastruktur keine Naturgewalt ist.Wir können darüber diskutieren, welche Eigentumsmodelle wir wollen, welche Vertriebswege wir nutzen, welche Festivals und Venues wir unterstützen, welche Strukturen Kulturpolitik absicher und welche Teile kultureller Wertschöpfung wir bereit sind, vollständig an internationale Plattformen und Konzerne auszulagern.
Die eigentliche Innovation der Musikkultur findet deshalb vielleicht nicht nur auf Bühnen, in Studios oder in neuen Genres, sondern auch auch hinter den Kulissen statt. Genau dort, wo Menschen entscheiden, Kultur nicht nur zu produzieren und zu konsumieren, sondern die Strukturen, die sie möglich machen, selbst aufzubauen, gemeinschaftlich zu tragen und langfristig abzusichern.
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