Politische Bekenntnisse retten keine Kulturräume

Der Kulturort Halle 6 in St. Bartlmä steht aktuell massiv unter Druck. Laut aktuellen Verordnungen soll dort nur noch an maximal zehn Tagen im Jahr Kultur stattfinden dürfen. Und wir sprechen hier nicht von Veranstaltungen, die die ganze Nacht laufen. Nach aktuellem Stand: Musik bis 00:00 Uhr, Veranstaltungsende um 01:00 Uhr.

Selbst großzügig gerechnet sollte klar sein: Mit zehn Veranstaltungstagen im Jahr lässt sich kein vernünftiger Kulturbetrieb finanzieren. Schon gar nicht an einem Ort, der nicht gewinnorientiert arbeitet, seine Veranstaltungen korrekt anmeldet und dabei mit fast allen relevanten Festivals verbunden ist und sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Treffpunkt der Innsbrucker Kultur (und ja, auch der sogenannten Hochkultur) entwickelt hat.

Und genau deshalb geht es hier nicht nur um die Halle 6. Es geht um ein wiederkehrendes Muster in Innsbruck: Kulturorte entstehen durch enorme Eigeninitiative. Menschen investieren Zeit, Arbeit, Geld, Netzwerke und Risiko. Sie schaffen Räume, die die Stadt selbst nicht schafft. Irgendwann wird sichtbar, dass diese Orte funktionieren. Dann werden sie politisch gelobt. Dann wird mit ihnen gerne Stadtprofil gemacht. Dann tauchen sie in Hochglanzkommunikation auf. Dann werden Erfolge in „Innsbruck informiert“ gefeiert. Dann stellen sich Parteien vor Kulturstätten und produzieren Instagram-Reels.

Aber bevor es so weit ist, müssen diese Orte offenbar erst eine erstaunliche Leidensfähigkeit beweisen. Bei der Talstation. Bei Reich für die Insel im Kubus. Und jetzt bei der Halle 6.

Immer wieder braucht es zuerst Aufschrei, Medienberichte, Empörung und öffentlichen Druck, bevor Bewegung entsteht. Immer wieder kommt die politische Reaktion erst im Anschluss. Das ist keine vorausschauende Kulturraumpolitik – das ist Krisenverwaltung.

Dabei liegt die Analyse längst auf dem Tisch. Die Kulturstrategie Innsbruck 2030 benennt selbst, dass Innsbruck nur wenige kostengünstige Räume für künstlerische und kulturelle Aktivitäten hat, dass in den letzten Jahren Subkulturinitiativen und Veranstaltungsorte verschwunden sind und nicht adäquat ersetzt werden konnten. Sie hält außerdem fest, dass Kultur als Teil von Stadtentwicklung und Stadtplanung aufgefasst und Räume für Kultur geschaffen werden sollen. Genau daran muss sich die Stadt jetzt messen lassen.

Deshalb reicht es nicht, wenn politisch wieder einmal gesagt wird, man wolle die Halle 6 erhalten. Natürlich ist dieses Bekenntnis besser als Gleichgültigkeit. Aber ein Bekenntnis ist noch keine Struktur. Ein freundliches Zitat ist noch keine Absicherung. Und ein spätes Bemühen ist noch keine Strategie.

Die eigentliche Frage lautet: Warum geraten funktionierende Kulturorte in Innsbruck überhaupt immer wieder in diese Lage?

Warum müssen selbst gut vernetzte, korrekt arbeitende und nicht profitorientierte Initiativen immer wieder darum kämpfen, überhaupt weiterarbeiten zu dürfen?

Warum wird Kulturraum politisch gewollt, aber verwaltungstechnisch nicht ausreichend ermöglicht?

Die Halle 6 ist kein Luxusproblem. Solche Orte sind kulturelle Infrastruktur. Sie sind nicht bloß Veranstaltungsflächen. Sie sind Produktionsorte, Treffpunkte, Szeneanker und Möglichkeitsräume. Sie schaffen jene Form von Öffentlichkeit, die große Institutionen allein nicht herstellen können: niederschwellig, selbstorganisiert, experimentell, offen und nah an den Menschen, die diese Stadt kulturell tatsächlich mittragen.

Wenn eine Stadt solche Orte ernst nimmt, behandelt sie sie nicht wie zufällige Einzelfälle. Dann schafft sie Verfahren, Zuständigkeiten und Lösungen, bevor der nächste Konflikt eskaliert. Dann gibt es frühzeitige baurechtliche und veranstaltungsrechtliche Beratung, koordinierte Abstimmung zwischen Kultur, Bau, Stadtentwicklung und Verwaltung und eine politische Linie, die nicht erst unter öffentlichem Druck sichtbar wird.

Innsbruck braucht keine weitere Sonntagsrede über die Bedeutung freier Kultur. Innsbruck braucht eine Kulturraumpolitik, die funktioniert.

Es gibt motivierte Menschen in dieser Stadt, die etwas wollen, aufbauen und Verantwortung übernehmen. Die Frage ist nur, wie lange man ihnen zumuten kann, sich das immer wieder anzutun.

Eine Stadt, die ihre Kulturorte immer erst dann rettet, wenn sie gefährdet sind, spart nicht an Luxus. Sie beschädigt ihre eigene kulturelle Infrastruktur.

Die Halle 6 braucht eine tragfähige Lösung.  

Und Innsbruck braucht endlich eine Kulturraumpolitik, die handelt, bevor der nächste Ort auf der Kippe steht.

Foto: Imo Kd


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