Wenn Tiroler Querdenker „Stürmer“-Hetzblätter verbreiten

Am 5. Jänner um 08:05 teilt die beliebte Tiroler FB-Seite „Corona – Es ist GENUG“ ein Bild aus dem nationalsozialistischen Hetzblatt „Der Stürmer“. Also nicht etwas aus irgendeinem aktuellen „alternativen Medium“ das die wahrere Wahrheit verkünden möchte, sondern wir reden hier wirklich vom DEM „Stürmer“. Dem polit-pornografischen Medium, das u.a. als propagandistische Vorbereitung und Begründung des Holocausts eingestuft wurde. Der Herausgeber Julius Streicher wurde nach dem Krieg bekanntlich bei den Prozessen in Nürnberg als einer der Hauptkriegsverbrecher angeklagt und schließlich auch hingerichtet. Besonders beliebt waren im Stürmer die Illustrationen von „Fips“ (Philipp Rupprecht), der diese ganzen klassischen antisemitischen Karikaturen und Zeichnungen angefertigt hat mit denen wir im Geschichteunterricht aufgewachsen sind. Die in denen Figuren als „jüdisch“ gekennzeichnet wurden, indem sie schwulstige Lippen hatten, dicke fiese Grimassen schnitten und die reine Deutsche Frau schändeten. Dieser „Fips“ aus dem Stürmer ist zum Beispiel recht bekannt für sein Plakat „RASSENSCHANDE“ oder das nationalsozialistische Kinderbuch „Der Giftpilz“, in dem die Juden mit Giftpilzen und Volksschädlingen gleichgesetzt werden. Fips hat also schon dieses ganze Hardcore-Zeug gezeichnet, das die Menschen anheizen sollte und an dem sich der Volkszorn laben konnte.

Also diese besagte Tiroler Bewegung, die sich auf Telegram nicht nur mit der Bewerbung von Demonstrationen für Friede, Freiheit und gegen „Diktatur“ (lol?) einsetzt und fleißig Q-Anon Posts mit Inhalten wie „haltet euch bereit, Patrioten“ und „BLEIBT FEINDLICH“ teilt, postet auf Facebook dieses Hetzbild von Stürmer-Fips aus dem Jahre 1931: „DIE BONZEN IM SPECK, DAS VOLK IM DRECK!“
Am oberen Bild sieht man die dicken „jüdisch“ inszenierten Bonzen die feiern und prassen; und darunter welkt die arme Deutsche Familie in Armut und Schmerz.

Äh nun also, man muss jetzt keine besondere oder tiefergehende Ausbildung im Feld der Medienkritik genossen haben, um zu sehen, dass ein Post wie dieser einfach nur widerlichste und übelste Hetze auf niederster Nazi-Ebene ist. Und ja echt, hier hinkt der Nazi-Vergleich endlich einmal nicht, denn es ist ja wirklich ein Bild aus dem Stürmer, dem Nazi-Hetzblatt Nummer 1.
Friede, Freiheit, keine Diktatur? – AM ARSCH!
Ihr hängt hier gerade auf einem Kanal ab, auf dem sich Hermann Göring wohlgefühlt hätte und auf dem man öffentlich auch mal ein bisschen Stürmer-Späße machen kann.

Aber worauf will ich hier eigentlich hinaus? Auf mehrere Dinge, von denen in den nächsten Tagen noch einige mehr kommen werden und die auch recht umfangreich ausgebreitet und dokumentiert werden.
Aber fangen wir heute einmal einfach mit dem Thema des missverstanden-Werdens an. Viele „querdenkende“ Menschen bitten doch immer wieder um ein zurecht-Rücken des Kontexts. Sie bitten uns doch zu „verstehen“ worauf sie „eigentlich“ hinaus möchten und dass alle ihre Nachrichten und Signale immer so krass fehlinterpretiert und verzerrt dargestellt werden. So á la Warum reiten denn immer alle so auf dem bisschen Nazi-Sprech herum, wenn es mir doch eigentlich um das feine, freie Bio-Leben geht?

Puh, ja ein hartes Life, denn natürlich werden Nachrichten und Signale oft missverstanden, umgedeutet und je nachdem wer sie weitergibt, auch gerne verkehrt dargestellt.Aber hier haben wir ja die wunderbare Chance, es einmal auf einem Tiroler Querdenk-Kanal aus der Nachbarschaft selbst zu lesen. Auf einem der gerne mit Slogans zu „FRIEDE“ und „FREIHEIT“ um sich wirft. Auf einem der Veranstaltungen unterstützen möchte auf denen sich Menschen für „eine bessere Welt“ einsetzen und schöne freie Spaziergänge an der frischen Luft machen, um sich von der Maske und der Geisel der Unterdrückung zu befreien.Aber spätestens ab dem 5. Jänner um 08:05, als der beliebte Tiroler Querdenken-Kanal auf Facebook öffentlich diese Illustration aus dem „Stürmer“ gepostet hat, war klar, dass in dieser Crew kein Mittel zu verwerflich, kein Argument zu dumm und keine Hetze zu krass ist, um diese nicht in den Dienst des „friedlichen Widerstandes“ oder der „Friede-Freude-Eierkuchen“-Mentalität zu stellen.

Das Verbreiten des Nazi-Hetzbildes „DIE BONZEN IM SPECK, DAS VOLK IM DRECK!“ von 1931 zeigt, dass Menschen, die nicht im Geringsten etwas mit radikalem Gedankengut, Nazis, Extremist*innen, Menschenhatz o.ä. zu tun haben zu wollen, hier definitiv falsch sind.
Hier wird nicht die große Friedens-Rebellion gemacht. Hier werden keine streng geheimen satanischen Weltverschwörungen aufgedeckt. Und nein, auch nicht in den dazugehörigen aufregenden Telegram-Gruppen. Die mit den billig gemachten Veranstaltungsplakaten und den Q-Anon Videos, die immer mit so einer Herr-der-Ringe-Musik unterlegt sind und in denen auch manchmal ein Chor singt, während eine blecherne Stimme was von „nationalem Widerstand“ faselt.
Nein, dahinter sitzt kein Geheimagent mit den secret messages. Da hinterm Telefon sitzt einfach nur irgendein Walter, der meint, dass er jetzt mit Telegram voll im Darknet surft, dort wo alles nur mit Guns und Ecstasy bezahlt werden kann. Voll hart am Schurkenstaat vorbei. Und ja, es wirkt nicht nur von außen wirklich sehr dumm, das muss man doch auch ehrlicherweise einmal zugeben.

Es ist gut und wichtig, dass wenn man sich gegen Staatsrepressionen auflehnen möchte, das auch tut und sich organisiert. Ich glaube, dass viele Leute z.B. zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie politische Vernetzung bewusst betrieben haben. Ist ja immerhin auch schon mal etwas. Aber halt auch eine echt schlechte Zeit um unbedarft in Social-Media und seine inzwischen oft abgründigen Umgangsformen geworfen zu werden. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Kurz: Seid nicht wie Darknet-Walter, der auf Telegram Videos postet, in denen er wie Keanu Reeves die Matrix stürzen will. Und seid auch nicht wie die Pfeife die auf seiner Facebook-Seite Nazi-Hetzbilder teilt. Denn ihr werdet auf diese Art und Weise Menschen nicht dazu bringen euch verstehen zu wollen. Eure Punkte könnten im Kern noch so nachvollziehbar sein, aber wenn dann 5min später die Hetzblätter kommen, dann seid ihr einfach im falschen Team und keiner hat Lust sich mit euch abzugeben. Das ist so wie in diesem einem Comedy-Sketch, in dem ein Soldat, nachdem er sich seine eigene Einsatztruppe mal genauer angeschaut hat, fragt: „Are we the Baddies?“, also „Sind wir eigentlich die Bösen?“. So nach dem Motto: Fuck, warum mag uns eigentlich keiner? Wir kämpfen doch für eine gute Sache, oder?Eventuell wärs inzwischen endlich mal Zeit sich sein eigenes Team um sich herum ehrlich und genauer anzuschauen.
Hab ich Bock mit Leuten auf einer Demo zu stehen die Stürmer-Bilder posten? Hab ich Bock an einer Kundgebung teilzunehmen, auf der ein Gottfried Küssel (Österreichischer Holocaustleugner, rechtsextremer Publizist, Schlüsselfigur der Neonaziszene, war ewig lang im Knast wegen Wiederbetätigung und Verhetzung) auch rumhängt? Hab ich Bock darauf diesen ganzen Mist durch meine Präsenz mitzutragen? Nein? Dann triff dich doch nicht mit diesen Leuten, häng nicht mit diesen Leuten rum und biete ihrer Hetze kein Forum.

Hand aufs Herz, wen kackt die Maske derart an, dass er dafür lieber neben einem Gottfried Küssel auf der Demo sitzt oder mit ein paar Nazi-Trolls über Bilder aus „Der Stürmer“ lacht? Ok scheisse, wahrscheinlich die falsche Frage bei vielen, aber kurz gesagt: Dort ist definitiv das falsche Team am Start.

PS: Und ja, „der anderen Seite“ ist auch langweilig daheim. Echt nervig. Die Hälfte der linken Aktivist*innen bäckt inzwischen Sauerteigbrot und setzt so Kombucha-Schlaz-Zeugs an. Gibt inzwischen mehr Antifas, die irgendein Zeug fermentieren, als welche die Lesekreise organisieren. Also scheisst euch nicht in die Hose bei der nächsten Telegram-Nachricht von Darknet-Walter.

Also äh ja, bitte nicht mit Nazis abhängen, bitte danke

Facebook-Screenshot aufgenommen am 08.01.2020
Facebook-Screenshot aufgenommen am 08.01.2020