Davon müsste man leben können (Text für das UND-Magazin #12)

Nachdem die freie Kulturszene vor über 10 Jahren eine »Fair Pay«-Kampagne für angemessene Bezahlung im Kunst- und Kulturbetrieb initiiert hat, ist das Thema mittlerweile endlich auch auf Bundesebene im Regierungsübereinkommen verankert. Theoretisch. Denn praktisch wird vielerorts noch immer händeringend versucht, Kunst- und Kulturarbeiter*innen anderweitig zu besänftigen; zum Beispiel mit Fragestellungen zum Thema »Fairness« im Allgemeinen.

Was bedeutet »fair« denn eigentlich in einer Welt wie der unseren? Meist mäandern entsprechende Diskussionen anschließend schnell in Richtung von Stellvertreterthemen wie »Wertschätzung«, »Transparenz«, »Verantwortung« und darüber, ob wir uns vielleicht grundsätzlich nicht einfach alle darüber freuen können, dass allmorgendlich die Sonne aufgeht. Denn das Thema »Geld« ist im Kulturbereich aus mehreren Gründen nur schwer anzusprechen. Das naheliegendste Argument: Es gebe keines. Und tatsächlich zeichnet sich ein ernüchterndes Bild ab, wenn man die Kulturbudgets der letzten Jahrzehnte vergleicht. Besonders in der freien Kulturszene sind Erhöhungen die Ausnahme, die Inflation steuert das Ihrige dazu bei und grundsätzlich werden lieber einzelne Projekte unterstützt, als Kulturinitiativen längerfristig abzusichern und aufzubauen. Neue Initiativen gelten schnell als »Fässer ohne Boden« oder weitere Futterneider an den Subventionsbuffets, die den »eigentlichen« Kulturplattformen (Hoch und Volk und Erbe) gegenübergestellt werden.

In entsprechenden Gesprächen wird deshalb oft das verklärte Bild der darbenden Künstlerseele beschworen – besonders sobald es um die Priorisierung von Haushaltsausgaben geht. Wer könnte am ehesten darauf verzichten? Wer hat den weltlichen Bedürfnissen denn vielleicht ohnehin schon längst abgeschworen und fände durch das Joch eines dünnen Geldbeutels im Idealfall sogar näher zur Muse oder zu Gott?

Hinzu kommt der moralische Anspruch, der regelmäßig an Kunst- und Kulturschaffende gestellt wird. Man verrichte seine Arbeit ohnehin gerne, weshalb man nun nicht auch noch eine zusätzliche Entlohnung in Form harter Währung obendrauf legen müsse. Immerhin gehe es hier um die Sache an sich und die übergeordneten Werte, oder nicht? Doch. Auch. Dass diese übergeordneten Werte allerdings einem relativ schwachen Wechselkurs auf dem freien Markt von Mampf und Miete unterworfen sind, ist lediglich die eine Sache. Dass Arbeit aber nicht nur dann echte Arbeit ist, wenn man sie mit Freude und nicht etwa gebrochen an Leib und Seele ausübt, die andere.

Darüber hinaus ist es auch so, dass Kunst- und Kulturschaffende (hier gern auch Quereinsteiger*innen, die ursprünglich aus ganz anderen Bereichen gekommen sind) ihre Arbeit oft selbst nicht wirklich als Arbeit ansehen. Mehr sei es eine Art Selbstverwirklichung, die es nun eben einmal mit sich bringe, dass man prekär lebt – dafür aber sein Glück im Tun finde.

All diesen Argumentationsweisen muss man entgegnen: Kultur ist Arbeit und Arbeit verdient Geld.

Weder geht es hier um eine Schmälerung des Ehrenamtes, das in Österreich besonders im Sport- und Kulturbereich eine große Rolle spielt, noch um die Gleichstellung von Hobbytum und ausgebildeten Spezialist*innen. Es geht ganz einfach darum, es Kunst- und Kulturschaffenden zu ermöglichen, von ihrer Arbeit ordentlich leben zu können. Besonders in der freien Szene hapert es hier auch an ganz praktischen Gründen: Es gibt keine verbindlichen Mindeststandards. Klarer ausgedrückt: Es gibt meist weder Kollektivverträge noch regelmäßige Lohnanpassungen. Kulturarbeiter*innen sind in den allermeisten Fällen selbst dafür zuständig, über ihre Entlohnung zu verhandeln. Was für 98 % der Arbeitnehmer*innen in Österreich selbstverständlich ist, greift hier schlicht und ergreifend nicht. Ist das Budget knapp, wird deshalb im Regelfall am schnellsten bei sich selbst gespart und die eigene Arbeitsleistung entsprechend weniger finanziell honoriert. Meist ist diese der einzige Posten, an dem sich wirklich sparen lässt, im Gegensatz zu Mietkosten oder Energiepreisen.

Interessenvertretungen wie die TKI in Tirol oder die IG Kultur können zwar Empfehlungen für Mindestlöhne oder Honorare in unterschiedlichen Bereichen bereitstellen; rechtlich verbindlich ist davon allerdings nichts. Ganz im Gegenteil begibt man sich hier beinahe schon in rechtliche Graubereiche, da man dies als illegale Preisabsprache deuten könnte, wie in Glühbirnen- oder Schweinefleisch-Kartellen. Fun Fact: Oft sind nicht einmal in den »großen Tankern« Kollektivverträge flächendeckend vorhanden. So wundert es nicht, dass jede*r dritte Kunst- und Kulturarbeiter*in armutsgefährdet ist. Die fehlenden Absicherungen während der Erwerbsbiografie schlagen sich zu guter Letzt auch in der Absicherung im Alter oder im Krankheitsfall nieder. Nicht selten schlittern prekär Beschäftigte nach getaner Arbeit direkt in die Altersarmut. Und selbstverständlich sind hier Frauen noch einmal stärker betroffen als ihre männlichen Arbeitskollegen. Die Coronapandemie hat nur diejenigen Probleme verdeutlicht, die bereits zuvor schon vorhanden waren. Wer niederschwellige Kulturangebote sowie soziale Experimentier- und Möglichkeitsräume vorfinden möchte, muss auch den Humus pflegen, auf dem diese gedeihen können. Kulturräume sind Labore für neue gesellschaftliche Entwicklungen, sie erarbeiten neue Veranstaltungsformate, Kunstformen und Ausdrucksweisen und beherbergen das kulturelle Erbe von morgen.

Den Anspruch zu haben, diese Umstände ändern zu wollen, sollte in einem Land, das sich gerne als Kulturnation versteht, eigentlich selbstverständlich sein. Mit salbungsvollen Sonntagsreden und Klatschen vom Balkon ist allerdings niemandem geholfen (den Arbeiter*innen im Sozial- und Gesundheitsbereich im Übrigen auch nicht). Ob Kunst und Kultur systemrelevant sind oder nicht, ist eine andere Frage, die eng mit unseren Interpretationen von gesellschaftlichen Werten und Potenzialen verknüpft ist. Grundsätzlich erwirtschaftet der erweiterte Kulturbereich laut einer Studie, die 2020 vom Wirtschaftsforschungsinstitut veröffentlicht wurde, knapp 10 Milliarden Euro pro Jahr, was knapp 3 % des BIP entspricht. Zudem kann die Kunst in Österreich (wie es gesetzlich verankert ist) auch nur dann wirklich frei sein, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sind, in denen sie sich entfalten kann.